Mozartfest Würzburg ¦ Kabitz trifft Hengelbrock

Vor drei Wochen habe ich aus aktuellem Anlass ein paar Sätze zu Thomas Hengelbrock, meinem Künstlerischen Beirat, gesagt - er war gerade zum neuen Chefdirigenten des NDR-Sinfonieorchesters ab der Saison 2011/2012 berufen worden. 2010 wird er beim Mozartfest die drei letzten Sinfonien Mozarts mit seinem Balthasar-Neumann-Ensemble wiederholen.

Thomas HengelbrockWir kennen uns seit ziemlich genau 30 Jahren. 1979 kam ich als junger Kirchenmusiker aus München nach Würzburg. Direkt neben der “meiner” St. Johanniskirche steht die Musikhochschule, und in meinem ersten Jahr als Kantor spielte der damals schon bekannte Violinstudent Thomas Hengelbrock im Bachorchester am ersten Geigenpult neben seinem Professor Conrad von der Goltz bei Bachs Matthäus-Passion. 1980 habe ich das „Rock-Requiem” in Würzburg wieder aufgeführt. Hier und bei der nachfolgenden Tournee - und ganz besonders auch bei der legendären Schallplattenaufnahme 1981- war Thomas mein Konzertmeister. Die beiden großen Violinsoli hat er wunderbar gespielt - gerade habe ich es mir wieder einmal aufgelegt - die Aufnahme wird bestimmt in ein paar Jahren zu Sensationspreisen gehandelt … wegen Thomas!

Ich habe seine unglaubliche Karriere vom hochbegabten Geiger zum genialen Dirigenten natürlich verfolgt - dass seine Ensembles den Namen des Würzburger Residenz-Baumeisters Balthasar Neumann tragen, ist nicht etwa eine kleine Reminiszenz an seine Studienzeit, sondern eine Hommage an die architektonische Engführung von Bau, Malerei, Skulptur und Garten des deutschen Barock. Seine unbändige Lust am intensiven Zusammenspiel von Musik und anderen Künsten, innovative halbszenische Projekte, bei denen Musik, Rezitation, Schauspiel und Tanz auf immer neue Weise miteinander kombiniert werden, - all das konnte er erstmals dann richtig bei dem von ihm gegründeten Feldkirch-Festival ausleben. Ich war jedes Mal dabei und habe die mutigen Programmideen und das „quasi improvisato” des ganzen Festivals sehr bewundert.

CD-Produktionen haben ihn und „Balte”, wie wir das Ensemble liebevoll abkürzen, schnell weltweit berühmt gemacht. Einladungen in alle Herren Länder ließen nicht auf sich warten, und inzwischen ist er gleichermaßen als Opern- wie auch als Konzertdirigent international gefragt. Regelmäßig dirigiert er an der Opéra de Paris, unter der neuen Intendanz von Gerard Mortier wird er ab 2010 jährlich eine Opernproduktion am Teatro Real in Madrid leiten. Im Festspielhaus Baden-Baden ist er mit spektakulären Produktionen zu einem der wichtigsten Protagonisten geworden. 2011 debütiert er mit einer Neuproduktion von “Tannhäuser” bei den Bayreuther Festspielen, im selben Jahr wird er erstmals auch in Glyndebourne am Pult stehen. Gastdirigate führen ihn wiederholt zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunk, den Münchener Philharmonikern, dem Chamber Orchestra of Europe, zum Mahler Chamber Orchester und zu den Sinfonieorchestern des WDR und des SWR Stuttgart.

Für mich ist es hochinteressant zu sehen, wie Thomas, ursprünglich ja ein herausragender Vertreter historischer Aufführungspraxis, sich mehr und mehr auch dem Repertoire des 19. und 20. Jahrhunderts zugewandt hat und mit welcher Kompetenz er eine Dvorak-Symphonie, eine Lutoslawski-Komposition oder ein Werk von Bartok einem Orchester näher bringt, wie er seine Vorstellungen in Klang umsetzt und wie fröhlich und beschwingt all das vonstatten geht.

Ich bin sehr glücklich, dass Thomas in Würzburg mit „Balte” als „artist und ensemble in residence” uns jährlich mit mindestens zwei Produktionen begeistern wird und damit auch ein kleines Stück „nach Hause” gekommen ist. In diesem Jahr wird er ja mit Bachs Hoher Messe in der St. Johanniskirche gastieren - das wird bestimmt einer der Höhepunkte des Mozartfestes - und als Schlusskonzert mit der wunderbaren Sopranistin Veronique Gens ein Haydn-Mozart-Beethoven-Programm musizieren. Und ganz besonders freue ich mich natürlich auf 2010, wo wir die in vielen Gesprächen gewonnenen Ideen erstmals intensiv umzusetzen versuchen werden. Seine Tätigkeit als Künstlerischer Berater findet ja gerade darin seinen Sinn, dass er uns zum einen durch seine immensen Kontakten zu tollen Solisten und Ensembles verhilft, zum andern aber seine große Lust auf Ideen abseits der ausgetretenen Pfade mich bei meinen Plänen und Vorhaben  beflügelt.

von Christian Kabitz

(Nachtrag 23.  April) Bisher erschienen:

I-Mein Mozartfest
II-Die angenehmen Seiten eines Festivalleiters
III-Eine kleine Nachtmusik
IV-Les petits riens
V-Aufgehende Sterne
VI-Mozart und Paris

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3 Responses to “Mozartfest Würzburg ¦ Kabitz trifft Hengelbrock”

  1. links for 2009-04-25 « Nur mein Standpunkt Says:

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