Mozartfest Würzburg ¦ Die Suche nach dem Sturm und Drang Komponisten

Dass Würzburg seit 1921 ein Mozartfest sein eigen nennen darf, verdankt die Stadt Hermann Zilcher, einem zu Unrecht fast vergessenen Mann. Komponist, Pianist, Dirigent, Pädagoge,  seit 1920 Direktor des Staats-Konservatoriums, wie die heutige Musikhochschule früher hieß, hatte er 1921 eine Musik- und Theaterwoche initiiert, bei der er ein Orchesterkonzert mit Werken Mozarts im Kaisersaal der Residenz dirigierte. “[...] ich brauchte manche Ornamentik mit dem Dirigentenstab nur nachzuzeichnen und eine innige Vermählung zwischen Ton, Architektur und Farbe fand statt. Die Töne schwebten beinahe sichtbar zu allen Tiepolo’schen Kostbarkeiten hin und diese selbst gaben ihre letzten plastischen Möglichkeiten mit Dank zurück.” Der Grundstein für das Mozartfest war gelegt.

Mit der Ouvertüre zur “Zauberflöte” eröffnete Zilcher am 17. Juni 1921 die “Mozartwoche” (wie das Mozartfest damals hieß). Aufgeführt wurden zwei Orchesterkonzerte und eine Kammermusik im Kaisersaal, eine Nachtmusik im Hofgarten, im Gartensaal ein Teekonzert mit “Gesellschaftsmusik”, das Requiem in der Neubaukirche und eine Oper im Würzburger Stadttheater.

Ich wüsste zu gerne, wie das damals geklungen hat - wir wissen ja nicht, ob 1921 das Orchester mit sattem Vibrato (wie bei Böhm oder Karajan noch vor wenigen Jahren üblich) musiziert wurde, oder ob Zilcher vielleicht schon ein heimlicher Vorgänger von Harnoncourt war und auf Pfaden des Originalklangs wandelte. Für mich als Dirigent ist es hochinteressant, quasi am eigenen Leib das sich so wandelnde Stilempfinden mitzuerleben. Jede Generation - sagt der amerikanische Regisseur Peter Sellars - findet bei Mozart die Dinge, nach denen sie sucht. An der Schwelle zum 19. Jahrhundert verglich man ihn mit Raffael, in der Frühromantik idealisierte man seine Musik zum Inbegriff des heiter Erhabenen, Stendhal fand bei ihm - anders als bei Rossini - nur Melancholie und Trauer, E. T. A Hoffmann begeisterte sich beim Don Giovanni an „schwarz-romantischer Dämonie” und Robert Schumann fand in der g-Moll-Symphonie, die für uns doch sehr dramatisch tönt, „griechisch schwebende Grazie”.

Die Ideen, wie man Mozart denn konkret aufführen solle, haben sich ebenfalls gewaltig geändert; man ist inzwischen eigentlich weit weg vom hochglanzpolierten Sound der 60er Jahre, sucht das Gestische, das Theatralische, das körperlich Agile, in Wahrheit den „Sturm-und-Drang-Komponisten”. Das wird mir bei den Aufführungen mit Thomas Hengelbrock bewusst, der zu dieser ganzen neuen Generation von Dirigenten gehört, die sich eben dies auf die Fahnen geschrieben haben. Zugespitzte Tempi, markante Artikulation, pointierte Hell-Dunkel-Kontraste, dazu natürlich die Bevorzugung originaler Instrumente, besonders gut hörbar bei den Hörnern, Trompeten und Pauken sorgen für einen aufregend neuen Klang.

Für die Mozartfeste der näheren Zukunft haben Thomas und ich uns vorgenommen, diesem neuen Mozartklangbild in unseren Programmen mehr Platz einzuräumen. Wir wollen Dirigenten einladen, die sich jener aktuellen Sichtweise auf Mozart verschrieben haben, wir wollen Solisten, die in ihren Interpretationen sich auf die Suche gemacht haben nach neuen Ansätzen.

Hochinteressant dabei ist ja, dass die meisten großen und berühmten Symphonieorchester sich dafür ja inzwischen auch begeistern. Früher oft geschmäht als die Lordsiegelbewahrer des veralteten Mozartstils, sind sie nun neugierig geworden und laden sich zunehmend Spezialisten ein, die mit ihnen geänderte Bogenstriche, Verzicht auf Vibrato etc.pp. ausprobieren.

Was vor dreißig Jahren mit Harnoncourt und der Barockmusik-Szene begonnen hatte, setzt sich nun bei Mozart nahtlos fort. Für mich ist das natürlich sehr spannend, denn wir wollen ja nicht die immergleichen Routine-Auftritte, sondern aufregende Konzerterlebnisse ermöglichen. Heute werde ich in Bamberg bei diesem wunderbaren, so traditionsreichen Orchester ausloten, was wir in den nächsten vier Jahren an spannenden Programmen mit vielleicht nicht so bekannten, aber vielversprechenden Dirigenten planen können. Das Orchester hat mit Wolfgang Fink einen neuen Intendanten, den ich aus seinen Jahren an der Alten Oper Frankfurt gut kenne und der für diese aktuellen Strömungen ein offenes Ohr und ein weites Herz hat. Nach sehr erfolgreichen Jahren bei den Orchestern in Lyon und in Sidney ist er wieder nach Deutschland zurückgekommen und wird „die Bamberger” sicher auf ihrem guten Weg noch ein großes Stück weiterbringen.

von Christian Kabitz

Bisher erschienen

I-Mein Mozartfest
II-Die angenehmen Seiten eines Festivalleiter

III-Eine kleine Nachtmusik
IV-Les petits riens
V-Aufgehende Sterne
VI-Mozart und Paris
VII-Kabitz trifft Hengelbrock

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