Mozartfest Würzburg ¦ Chevalier de Saint-George

Langsam beginnt das Mozartfest mein Leben mit einem ganz neuen Rhythmus zu versehen. Verkehrswidrig links auf den Residenzparkplatz abbiegen, immer wieder neu dieses einzigartige Kunstwerk in Sandstein und das holprige Kopfsteinpflaster auf dem Vorplatz bewundern, jedes Mal erneut das Bild vor Augen, wie bewundernd wohl Napoleon bei seinen Besuchen in Würzburg vor dem „schönsten Pfarrhaus Europas” gestanden hat.

Am Samstag stand eine Welt-Ur-Wiederaufführung auf dem Programm: Salieris Ouvertüre zu der damals berühmten Oper „La calamità de’ cuori” ist seit der Premiere 1774 damals in Wien nie wieder erklungen. Thomas Fey hat die Partitur ausgegraben und das höchst hörenswerte Stück (übrigens für zwei Orchester!) effektvoll musiziert. Dazu ein besonderes Erlebnis: Wilhelm Bruns auf dem Naturhorn mit Mozarts Hornkonzert KV 417.

Domin QuartettAm Sonntag haben wir die Teekonzerte wieder aufleben lassen, mit einem Benefiz-Konzert für die Restaurierung der Toskana-Möbel. An jedem ersten Sonntag im Juni findet jährlich europaweit der „World-Heritage-Day” statt, der Tag des UNESCO-Denkmals und die Residenz gehört natürlich dazu. Erstmals hat das Mozartfest die Ausrichtung des Konzertes übernommen - ein voller Erfolg, wir werden das zur Gewohnheit werden lassen … Herr Weiler, Chef der Residenz, hat die in einem beklagenswerten Zustand sich befindenden Sitzmöbel vorgestellt, die auch ausgestellt waren, ich habe das Konzert moderiert. Der Gartensaal war wunderbar geschmückt, das Domin-Quartett aus Heidelberg hat einen herrlichen Mozart und einen überraschenden Chevalier de St. George gespielt. Und weil die Quartettisten vorher noch nie in der Würzburger Residenz waren, gab’s nach dem Konzert eine (auch für mich) beeindruckende Privatführung. Herrlich: wir waren ganz alleine, eine fast unwirkliche Stille in diesem Riesengebäude. Dank an Frau Leo von der Residenz für dieses unvergessliche Erlebnis!

Ein (längerer) Satz zum Joseph Chevalier de St. George: Er war der erste farbige Komponist von Weltruhm, geboren entweder 1739 oder 1745 in Guadeloupe. Sein Vater George de Boulogne de St. George lebte dort als Plantagenbesitzer, seine Mutter Nanon, war eine schwarze Sklavin. 1749 geht die Familie nach Paris, der kleine Joseph bekommt Musik- und Fechtunterricht, avanciert zum Superathlet, schwimmt einarmig durch die Seine, war ungeschlagener Fechtkünstler und Sprinter, wird Offizier der königlichen Wache (mit Alexander Dumas als Untergebenem), wird nebenher Konzertmeister im damals berühmten Orchester „Le Concert des Amateurs” und ab 1773 dort Dirigent.

Nun begann auch seine Laufbahn als Komponist. 1778 - in dem Jahr, als Mozart seine so erfolglose Reise nach Paris antrat - finden wir St. George auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Drei Opern, viele Symphonien, Violinkonzerte, mehrere „Sinfonien concertante”, Kammermusik, darunter Violinsonaten, Streichquartette usw. Interessanterweise erwähnt ihn Mozart in seinen Briefen mit keinem Wort. Man weiß auch nicht, ob sich die beiden irgendwann einmal begegnet sind. Schon bald bekam St. George den Beinamen „Der schwarze Mozart”. Ab 1779 unterrichtete er die Prinzessin Marie Antoinette in Versailles. Überdies muss er großen Erfolg bei Frauen - besonders verheirateten - gehabt haben.

In den Wirren der französischen Revolution finden wir ihn als Capitain eines Reiterregiments für den König, nur ein Jahr später führt er nun für die Revolution ein Corps von Afro-Franzosen, also ein Regiment aus Farbigen. Er besucht England und wirbt für die Aufhebung der Skalverei, zurück in Paris wird er für fast ein Jahr inhaftiert, geht dann zurück in seine Heimat, dann nach Saint-Dominique, heute Haiti. 1797 kehrt er zurück nach Paris, gründet wieder ein Orchester, Le Cercle de Harmonie, dirigiert sehr erfolgreich und stirbt 1799. Heute fast unbekannt, in Paris gibt es eine Straße mit seinem Namen - und beim Mozartfest 2009 erklang sein Streichquartett in D-Dur - mehr als hörenswert!

Von Christian Kabitz

Bisher erschienen:

I-Mein Mozartfest
II-Die angenehmen Seiten eines Festivalleiters
III-Eine kleine Nachtmusik
IV-Les petits riens
V-Aufgehende Sterne
VI-Mozart und Paris
VII-Kabitz trifft Hengelbrock
VIII-Die Suche nach dem Sturm und Drang Komponisten
IX-Randnotizen
X-Mozarts Posthorn-Serenade
XI-Nur noch neun Tage bis zum Eröffnungskonzert
XII-Mozarts Zauberkiste
XIII- Das Eröffnungskonzert

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