Mozartfest Würzburg ¦ Himmel, schenke uns noch einen sonnigen Abend

Immer mittwochs schreibt hier der künstlerische Leiter des Mozartfests Würzburg.

Wer hat die beste Wettervorhersage? Kachelmann, Flughafendienst oder doch wetter.de? Egal, sämtliche Internetquellen werden ab Sonntag früh alle halbe Stunden befragt wie das Orakel zu Delphi: Haben wir heute Abend Chancen auf eine trockene Nachtmusik?

Diese legendäre Nachtmusik - das Orchesterkonzert im Hofgarten der Residenz - gibt es seit der Gründung des Mozartfestes 1921. 800 Sitzplätze werden vorab verkauft, dazu gibt es bis zu 3000 Promenadenplätze, die allerdings nur bei gutem Wetter kurz vor dem Konzert vergeben werden; bei Regen wandern die 800 Privilegierten nebst Orchester in den nur 100 Meter entfernten Konzertsaal der Musikhochschule.

Was sich - ich gestehe: auch in meinen unbedarften Ohren - als nicht gerade dramatisch anhörte (man hat ja ein Ausweichquartier), entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein wirklich generalstabsmäßig organisiertes Großunternehmen, dem ein paar blöde Regentropfen komplett den Garaus machen. Schon am Nachmittag werden auf dem Rasen, dem nichts zuleide geschehen soll, riesige Holzplatten verlegt, darauf werden von mehreren Gabelstaplern gefühlte tausende von Stühlen verteilt, die Bühne fürs Orchester fügt sich zusammen, Fackeln sind bereitgestellt, Notenpulte mit Beleuchtung verkabelt, mindestens 60 Leute hämmern, elektrifizieren, räumen oder machen sonst was, nur für diesen Abend.

Um 18.30 Uhr kommt das Hochschulorchester zur Stellprobe. Ich habe mir ein spannendes Programm ausgesucht (eigentlich zu schwer für die wenigen Proben), und freue mich unbändig aufs Konzert, probiere ein paar komplizierte Tempoübergänge in Gershwins „Ein Amerikaner in Paris”, dann die Ouvertüre zu „Candide” von Bernstein, Paul Meyer, der Weltklasse-Klarinettist spielt mit den Streichern um die Wette die schönsten Stellen in Mozarts Klarinettenkonzert, und schließlich hangeln wir uns durch Mozarts Posthorn-Serenade, ein Riesenstück mit neun Sätzen!

Alle sind glücklich, dass sich der gigantische Aufwand gelohnt hat, das Wetter bleibt traumhaft, es ist eine Atmosphäre, wie sie sich bestimmt Hugo von Hofmannsthal bei seinem „Fest im Park” vorgestellt hat. Als ich kurz nach neun aufs Podest komme, meine ich, noch nie so viele Menschen im Hofgarten gesehen zu haben. Jeder Stuhl ist besetzt, und soweit das Auge reicht, stehen, sitzen oder liegen musikbegeisterte Promenaden-Besucher und lassen sich von unseren Tönen davontragen. Dass sich gegen zehn Uhr eine dunkle Wolke hinter der St. Johanniskirche zusammenzieht, bekomme ich nicht mit. Das Publikum will noch eine Zugabe, bekommt den ersten Satz der Kleinen Nachtmusik und dann ist dieses Ereignis zu Ende. Ich bin plötzlich völlig erschlagen, möchte gerne ganz alleine ein Riesenglas Bacchus trinken und Bauernbrot essen - und als ich gegen Mitternacht aus dem Lokal trete, sehe ich, dass es intensiv geregnet hat - heute hat der Himmel ein Einsehen gehabt und unsere Nachtmusik verschont.

Als ich am Montag zur Residenz gehe, um das Mozart-Caf vorzubereiten, schaue ich in den Hofgarten - nichts ist mehr zu sehen, als hätte ein Magier mal kurz die richtigen Worte gesprochen und schon ist der ganze Zauber vorbei. Am 28. Juni gibt’s noch eine Nachtmusik - da fängt wieder das Zittern und Daumendrücken an … Himmel, schenke uns noch einen sonnigen Abend!

Christian Kabitz

Bisher erschienen:

I-Mein Mozartfest
II-Die angenehmen Seiten eines Festivalleiters
III-Eine kleine Nachtmusik
IV-Les petits riens
V-Aufgehende Sterne
VI-Mozart und Paris
VII-Kabitz trifft Hengelbrock
VIII-Die Suche nach dem Sturm und Drang Komponisten
IX-Randnotizen
X-Mozarts Posthorn-Serenade
XI-Nur noch neun Tage bis zum Eröffnungskonzert
XII-Mozarts Zauberkiste
XIII- Das Eröffnungskonzert
XIV-Chevalier de Saint George

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