Hier twittert der Chef noch selbst ¦ Interview mit Werner Lippert, Ausstellungsleiter des NRW-Forums

Im Rahmen der Studie „Museen und Orchester im Social Web” führte ich ein Telefoninterview mit dem Ausstellungsleiter des NRW-Forums Düsseldorf, Werner Lippert.

Ulrike Schmid: Was war Ihre Motivation, sich ins Social Web zu begeben?
Werner LippertWerner Lippert: Also es gibt drei Beweggründe: Erstens halte ich es für normal. Das wäre so, wie wenn ich mir die Frage stelle, warum machst du PR in Tageszeitungen? Und natürlich ist Web 2.0 inzwischen Realität in der Öffentlichkeitsarbeit. Insofern war es für uns immer klar. Die Frage war nur, wann fangen wir damit an und wie fangen wir damit richtig an. Wir wollten nicht nur ein bisschen darin „rumfummeln” und bei Facebook 200 Fans bekommen, sondern es sollte schon so professionell sein, wie die gesamte Öffentlichkeitsarbeit des NRW-Forums.

Der zweite Grund ist ein biografischer. Ich bin Herausgeber des Jahrbuchs Annual Multimedia (jährlich erscheinendes Jahrbuch für Digital Marketing, Anm. U. S.) und hätte mich allmählich schämen müssen, wenn ich als Fachautorität hinter den Entwicklungen herlaufen würde.

Drittens haben wir absolut das Publikum dafür. Wir sind ein extrem junges Museum. Der Altersdurchschnitt unserer Besucher liegt deutlich unter 35 Jahren, während er bei anderen Häusern bei über 45 liegt. Wir haben ein Publikum das extrem equipt ist mit allem was man braucht in der digitalen Welt und auch damit umgeht. Es fühl sich stark angesprochen durch solche Dinge.

U. S.: Ihr Blog besteht seit 2009. Wann kamen die anderen Kanäle dazu bzw. wie sind Sie an das Thema herangegangen?
W. L.:
Der Blog war unser erster “Fehler”. Wir haben damit bereits Januar 2009 angefangen und nicht auf die Befindlichkeiten der Szene gehört. Der erste Blog war eigentlich ein Blog, der zu sehr selbstzentriert war. Wir haben dort Sachen geschrieben, die wir selber interessant fanden. Zum Teil waren sie auch kunsthistorisch sehr schwer verdaulich und wir sind damit hinter unseren Erwartungen zurückgeblieben. Dafür, dass wir einen so hohen Aufwand betrieben haben, hatten wir zu wenige Zugriffe. Wir haben ihn dann wieder vom Netz genommen und uns noch einmal Gedanken darüber gemacht, was denn ein Blog wirklich ist, abgesehen von unseren Vorstellungen. Also, was das Publikum erwartet.

Und das funktioniert jetzt auch viel besser, auch wenn sich die Respons-Rate in Grenzen hält. Wir sehen den Blog allerdings auch als Archiv. Wir erhalten eine ganze Menge Fragen, nur an anderer Stelle und das ist natürlich auch ganz interessant.

U. S.: Wo werden diese Fragen gestellt?
W. L.:
Die Fragen kommen über Twitter und Facebook und auch über Google Buzz. Wir sind ja auch ein öffentlich zugängliches Haus und so bekommen wir auch Briefe, E-Mails und Anrufe. Also insgesamt merken wir, dass all unsere Aktivitäten zu einer Kommunikation beitragen. Es ist schon sehr interessant zu sehen, wie man an einer ganz anderen Stelle ein Respons erhält, wenn man etwa bei Facebook etwas eingestellt hat.

U. S.: Zum Beispiel?
W. L.:
Kürzlich kam eine Gruppe von berufstätigen Frauen an die Kasse und fragte, ob sie nicht auch noch um sieben Uhr eine Führung bekommen könnten, das hätten sie tags zuvor auf Facebook gelesen. Oder wir sehen, dass direkt über die Homepage Führungen gebucht werden und dass sich plötzlich im Shop Artikel besser verkaufen als früher. An bestimmten Dingen kann man relativ eindeutig ablesen: Das ist jetzt eine Folge von etwas, das wir gerade auf Facebook gemacht haben.

Es ist jetzt nicht so, dass sich unsere Besucherzahl verdoppelt hätte, wir merken nur da passiert insgesamt etwas.

U. S.: Wie fing es an? Kam der Anstoß zu Ihren Social-Media-Aktivitäten von innen oder von Agenturseite?
W. L.:
Wir haben vor rund sechs Wochen damit angefangen und haben alles präzise vorbereitet. Der Anstoß kam von innen. Wir machen in regelmäßigen Abständen Workshops mit Agenturen. Wir suchen uns alle halbe Jahre konkret eine Agentur aus und machen mit ihr einen Workshop zu einem bestimmten Thema. So war das auch bei Conosco, denen wir gesagt haben, dass wir das Thema Web 2.0 professionell angehen möchten. So ein Workshop muss nicht zwangsläufig zu einem Auftrag führen. Im Falle Conosco war dem so. Die Agentur hat auch einen gehörigen Anteil an unseren Social-Web-Aktivitäten. Das ist eine supertolle Zusammenarbeit.

Die Inhalte kommen von mir. Ich verfasse alles selber und muss mich auch nicht verstellen. Wir haben mit Conosco eine Vereinbarung, dass sie uns täglich informieren und uns auch auf Sachen hinweisen, die ich oft im Tagesgeschäft gar nicht so mitbekomme.

U. S.: Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihren Social-Media-Aktivitäten?
W. L.:
Na ja, erreichbare Zielgruppen erweitern, virale Effekte nutzen und Besucherzahlen steigern.

U. S.: Wie wichtig ist Ihnen der Dialog?
W. L.:
Wir hören extrem aufmerksam zu. Also jedes Mal, wenn etwas Relevantes kommentiert wird, dann diskutiere ich das auch mit Conosco. So etwa der Hinweis, dass wir unser Web-Freunde mit Informationen etwas überstrapazieren. Solche Hinweise nehmen wir extrem ernst.

U. S.: Wie proaktiv sind Sie?
W. L.:
Wie so oft, wenn man sich im Netzt bewegt, stößt man auf spannende Gruppen oder auf Kongresse. Wir machen demnächst zum Beispiel ein iPhone-Konzert mit Zee, die mir vorher nicht bekannt waren. Das war eine Information, die mich über Twitter oder Facebook erreicht hatte. Und als ich mit ihnen telefoniert habe, hieß es: ‚‚Ach ja toll NRW-Forum! Sie sind doch die von Facebook.” Und da schließt sich für mich wieder der Kreis. Das sind so Sachen in denen ich nicht so zuhause bin und wo ich entscheidende Hinweise bekommen.

Ich merke, dass es bei all den Social-Media-Aktivitäten auch um so etwas wie Reputationsbildung geht. Jetzt kommt allerdings auch der Punkt, wo ich mir überlegen muss, wie weit gehe ich, wie populistisch werde ich oder wo wahrt man die Kompetenz eines Museums.

U. S.: Wie messen Sie den Erfolg Ihrer Maßnahmen?
W. L.:
Auch wenn das noch nicht statistisch relevant ist, wir sehen schon, dass wir unbekannte Gesichter im Museum haben. Ich kann das nur noch nicht beweisen, dafür ist der Zeitraum zu kurz und die Frage ist auch immer, wie nachhaltig ist das Ganze. Ich erhoffe mir, dass wir durch das Social Web wieder eine andere Besucherschicht gewinnen werden.

U. S.: Was tun Sie, um die Freunde aus dem Social Web ins Museum zu bekommen?
W. L.:
Wir organisieren spezielle Führungen für unsere Facebook-Fans und wir laden Blogger zu unterschiedlichen Themen ein. Wir hatten vergangenes Jahr eine Ausstellung mit Karl Lagerfeld gemacht und da gab es erstmals eine eigene Blogger-Pressekonferenz. So eine Art Preview, weil Blogger mehr Bedarf an Informationen und Diskussion haben. Da hatten wir drei bis vier Gesprächspartner, bei Mapplethorp waren es schon um die 20 Blogger.

U. S.: Weshalb die Trennung?
W. L.:
Blogger haben einen höheren Bedarf an Informationen. Die machen ein kleines Video mit einer Minikamera oder haben fünfzig Fragen, die sie beantwortet wissen wollen und sie sind auch ein bisschen wilder und „anstrengender” als die Feuilletonisten und teils naiver und unorganisierter. Sehr spannend zu erleben. Irgendwann wird sich das auch auflösen und es wird nur noch eine Pressekonferenz geben.

U. S.: Was empfehlen Sie anderen Kultureinrichtungen, die Social Media in ihrer Kommunikation einbinden wollen.
W. L.:
Bevor man sich als Kultureinrichtungen ins Social Web begibt, muss man sich tatsächlich die Frage stellen, will ich das wirklich, passt das zu mir und wie bewerkstellige ich das. Kultureinrichtung sollten sich auch Gedanken um Authentizität machen.

Vielen Dank Herr Lippert für Ihre Zeit und das Gespräch!

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5 Responses to “Hier twittert der Chef noch selbst ¦ Interview mit Werner Lippert, Ausstellungsleiter des NRW-Forums”

  1. Johannes Says:

    Sehr schönes Interview! Auch andere meinen ja, dass Twittern Chefsache sei: http://ow.ly/1dPti

    Ich seh das alles ziemlich ähnlich; mit dem großen Unterschied, dass ich unser Haus - wie die letzte Veranstaltung, selbst für mich überraschend deutlich, gezeigt hat -, alles andere als ein junges bezeichnen darf. Der Altersdurchschnitt der realen BesucherInnen lag sicher in der Nähe 60 und hat mit Internet rein gar nichts am Hut (kleine Einschränkung: Es war nicht eine ausschließlich von uns organisierte Veranstaltung).
    Wir haben also prima vista überhaupt nicht das Publikum für diese Aktivitäten und ganz sicher keines, das auch nur im Ansatz entsprechend equipt wäre ;)

    Nur genau deshalb möchte ich nicht meinen, dass social-media-Dienste und Web 2.0 etc. nicht zu uns passen würden, sondern im Gegenteil, dass wir, etwas salopp gesagt, die große Chance haben und nutzen müssen, den Altersdurchschnitt vielleicht mittelfristig eben zu senken ;)

    Vielleicht, denn andererseits zeigt sich etwa beim geschätzten Altersunterschied unserer FB-Fans, erst recht jenem der aktiv sich einbringenden, dass diese wiederum nicht die “bisschen wilderen, unorganisierteren” zu sein scheinen.

    Nur der Vollständigkeit halber angemerkt sein: Natürlich ist mir bewusst, dass es teils andere Bewertungskriterien gibt bei uns: “Wenn ich bei euch Fan werd, darf ich dann noch in Tunesien einreisen”? (wörtliches Zitat eines ziemlich internetaffinen Akademikers, der sich dann, möglicherweise aufgrund persönlicher Bekanntschaft, doch entschloss Fan zu werden) … und ja, es geht tw. um die Überwindung höherer Schwellen.

    oh je, ich komm ins Schwätzen, sorry
    liebe Grüße Johannes

  2. Alexander von Halem Says:

    Danke für den Hinweis auf dieses Interview im Kommentar auf meinem Blog. Als ich wieder hierher kam merkte ich, dass ich dieses bereits gelesen hatte, als mein gReader es mir in den Eingang “gespült” hatte. Nun habe ich es aber vielleicht ein wenig aufmerksamer gelesen! ;-)

    Interessant sind u.a. die zusätzlichen Pressekonferenzen speziell für Blogger. In Ballungsräumen, wo viele bloggende Menschen auf näherem Raum zusammen sitzen, ist das bestimmt eine tolle Idee. Bei uns auf dem Land zwischen und incl. der Kreis- und Bezirksstädte lassen sich die Blogger (vor allem diejenigen, die auch mal über kulturelle Themen schreiben) noch an einer Hand abzählen. Ich hoffe, dass ich mit dieser Aussage bald Unrecht haben werde…

    Ja, die Rückmeldungen aus den verschiedenen Online-Medien nehmen langsam zu. Jeder (Besucher / Nutzer) sucht sich seine bevorzugten Kanäle aus. Umso wichtiger, möglichst viele Kanäle für den Dialog anzubieten.

    Grüße
    Alexander

  3. Ulrike Schmid Says:

    @Alexander Zum Thema Pressekonferenzen für Blogger: Ich glaube nicht, dass das nur etwas mit dem Ballungsraum zu tun hat. Das hat eher etwas mit dem Thema zu tun. Ich gehe hier in Frankfurt auch zu den “normalen PKs” bei den Museen und werde da auch den Journalisten gleich behandelt.

    Im Falle des NRW-Forums hat das mehr mit dem Thema Mode zu tun. Mit den “ein bisschen wilder und „anstrengender” als die Feuilletonisten und teils naiver und unorganisierten Bloggern” bezog sich Herr Lippert auf die Mode-Blogger und nicht so sehr auf die Kultur-Blogger (Mein Fehler: Hatte ich aus Platzgründen weggelassen). Dennoch ist es natürlich beachtenswert, dass für eine relativ überschaubare Anzahl an Leuten eine extra PK organisiert wird.

  4. Alexander von Halem Says:

    @Ulrike für mich ist Frankfurt auch ein Ballungsraum! Verglichen mit unserem Landkreis, der Kreisstadt Schweinfurt und Unterfranken überhaupt. Selbst in der kulturträchtigen Stadt Würzburg gibt es kaum Blogger, die sich mit Kultur beschäftigen. Ein schönes Gegenbeispiel waren aber die regelmäßigen Gastbeiträge von Christian Kabitz in Deinem Blog. Da würde mich übrigens sehr interessieren, wie denn die Resonanz vor allem aus Würzburg und Region gewesen ist…

    Dass Blogger im Allgemeinen “wilder und anstrengender” sind als die typischen Feuilletonisten liegt auf der Hand (aus meiner Sicht eigentlich egal über welche Themen diese Blogger schreiben, Mode, Kultur oder sonstwas; ich halte das auch nicht zwingend für eine negative Wertung ihres Stils oder ihrer Arbeit). Interessant, dass Werner Lippert durchaus meint die Unterscheidung bzw. die Notwendigkeit zweier PK für Blogger / Presse werde sich “auflösen”. Ich denke auch, dass die Stimmen der Blogger oder “Volksreporter” zunehmend wichtiger werden. Leser können nämlich durchaus verschiedene Quellen anders betrachten und zwischen den Zeilen lesen. Beides ist notwendig. Umso besser, wenn die Künstler und Veranstalter auch noch ihre Sicht in den Topf werfen. Und die Besucher…

  5. Ulrike Schmid Says:

    @Alexander Ja, Frankfurt ist natürlich ein Ballungsraum. Wollte damit nur sagen, dass ich nur hier zu PKs gehe.:-)

    “Wilder und anstrengender” finde ich hängt vom Thema, worüber gebloggt wird, ab. Ich halte mich als Kulturbloggerin nicht für wild. “Wild, anstrengend, naiv” will ich auch absolut nicht negativ werten. Im Gegenteil diese Sichtweise ist oft erfrischend und es kommen interessante und spannende Beiträge raus.

    “Auflösung getrennter PKs” In der Tat interessant, wo die wenigsten Kultureinrichtungen PKs für Blogger organisieren. Ich fordere das auch gar nicht - fühl mich bei den normalen gut aufgehoben.

    Zum Thema Mozartfest: Die Leserinnen und Leser kamen überwiegend aus Würzburg und Umgebung; einige aber auch von weiter weg. Resonanz im Sinne von Kommentaren gab es kaum. Christian Kabitz wurde allerdings von vielen darauf angesprochen, die es positiv gesehen haben.