Der Marketing-Mix macht’s ¦ Interview mit Dr. Alfred Wendel, Intendant der Duisburger Philharmoniker

Im Rahmen meiner Studie „Museen und Orchester im Social Web” führte ich ein Telefoninterview mit Dr. Alfred Wendel, Intendant der Duisburger Philharmoniker.

Ulrike Schmid: Die Idee, sich ins Social Web zu begeben wurde ja von außen an Sie herangetragen. Was war Ihre Motivation, sich darauf einzulassen?
Dr. Alfred Wendel, Foto: Christoph Müller-GirodAlfred Wendel:
Die grundlegende Motivation war, dass wir einfach näher am Publikum dran sein wollten. Ich sah es als Chance, eine große Menge interessierter Leute zu erreichen, die wir mit unserer konventionellen Werbung nicht erreichen können. Wir sind alle nur in der Lage, eine begrenzte Anzahl Plakate, Handzettel und Programmbücher zu produzieren und erreichen insofern auch nur eine begrenzte Anzahl Menschen. Das sind besonders interessierte Menschen. Es gibt allerdings noch mehr, die noch nichts von uns wissen. Und in dem Zusammenhang ist natürlich das Social Web eine wichtige Möglichkeit. Diese Idee, uns gewissermaßen auf einer menschlichen Ebene dem möglichen Publikum zu nähern, in den Dialog zu treten mit den Menschen im unendlichen All - das fanden wir hier doch sehr charmant. Also auch zu zeigen, was hinter den Kulissen passiert. Das kennt man ja auch von der Popmusik, dass da sehr viel mehr persönliche Informationen an die Fans gegeben werden. Und da haben wir uns gesagt, warum sollen wir das eigentlich nicht auch machen? Sodass das Orchester ein bisschen greifbarer wird mit den Menschen, die dahinterstehen.

U. S.: Im Unterschied zu anderen Kultureinrichtungen wird bei Ihnen ganz klar kommuniziert, dass ein externes Web-Team die Aktivitäten vorantreibt. Ist das nicht problematisch?
A. W.:
Nein, weil wir ja nicht über die entsprechende Erfahrung verfügt haben. Ich war beispielsweise, was das Social Networking betrifft, vollkommen unerfahren. Wir konnten das nur mit Partnern machen, die etwas davon verstehen. Inzwischen ist das auch ein bisschen anders geworden. Mittlerweile sind es Leute aus dem Orchester und aus dem Mitarbeiterteam vom Künstlerischen Betriebsbüro, die sich in dem Feld bewegen. Christoph Müller-Girod macht das immer noch federführend. Wir haben aber mittlerweile auch eine eigene Facebook-Seite, die von einem unserer Orchestermusiker betreut wird. Und die jüngeren Kollegen aus dem Orchester twittern auch. Das hat mittlerweile Kreise gezogen. Aber am Anfang war ganz klar, dass Frank Tentler und Christoph Müller-Girod, unterstützt von Christian Spließ, der die Musikkenntnisse einbrachte, diesen Part übernehmen. Es gab niemand hier, der das gekonnt hätte. Mittlerweile habe ich gesehen, dass sich natürlich die jüngeren Leute aus dem Orchester damit auskennen, und sie unterstützen die Aktivitäten.

Das ist jetzt eine wichtige Entwicklung. Wir werden da nach und nach etwas selbständiger. Unsere Konzertpädagogin wird das demnächst mit einer Praktikantin zusammen für ihren Bereich klasse.klassik selber machen, sodass wir da auch Entlastung bringen können.

U. S.: Wie stark sind Sie selbst involviert und geben Beiträge frei? Oder vertrauen Sie einfach dem Web-Team?
A. W.:
Es gab und gibt ein großes Grundvertrauen. Ohne das kann es nicht gehen. In der ersten Zeit habe ich natürlich alle Beiträge immer durchgesehen und hin und wieder auch Anregung gegeben, was uns gut gefällt und was weniger passend erscheint. Das Web-Team hat dann entsprechend mitgezogen. Die mussten ja auch ihre Erfahrungen machen. Für sie war natürlich unser Klangkörper und auch unsere Ästhetik etwas völlig Unbekanntes. So nach und nach haben wir dann zusammengefunden. Anfangs gab es da auch mal Stellen, wo wir unterschiedlicher Meinung waren, und wo ich gesagt habe: „Nein das ist jetzt aber nicht das, was wir über uns sehen möchten. Da müssen wir die Richtung ändern.” So etwas gehört jedoch dazu, dass man sich da immer wieder aufeinander zubewegt und einen Weg findet.

U. S.: In letzter Zeit wurde es etwas ruhiger.
A. W.:
Ja, definitiv. Das war auch die Absicht. Nach der stARTconference hier haben wir gesagt, wir können jetzt in dem Umfang - weil auch die Kapazitäten nicht mehr da sind - nicht mehr weitermachen. Und es muss vielleicht auch nicht sein, dass wir jeden Tag etwas veröffentlichen. Ich sehe die Gefahr, dass das sonst banal wird. Und das sollte nun ja doch nicht sein.

U. S.: Stichwort „banal”. Anfangs wurden ja auch „Banalitäten” getwittert. Hat Sie das nie gestört?
A. W.:
Das hat mich nie gestört. Teilweise habe ich es auch nicht mitbekommen, weil ich da nicht immer genau hingeguckt habe. Ich habe mir gedacht, die Experten wissen, wie das laufen muss, und sie kennen den Stil, in dem man da kommunizieren muss. Twitter ist zum Beispiel etwas, was ich ein paar Mal ausprobiert habe, und ich bin da nie wirklich heimisch geworden. Das erscheint mir nach wir vor fremd. Aber es ist eine ganz bestimmte Art, ich würde mal sagen, eine ganz bestimmte Kultur in der Kommunikation, und da sind wahrscheinlich „Banalitäten” auch an der Tagesordnung.

U. S.: Einer Ihrer Musiker, Matthias Bruns, ist ja sehr aktiv vor allem bei Facebook.
A. W.:
Ja, stimmt. Deshalb haben wir ihn vom Orchester aus auch gefragt, ob er nicht Lust hätte, für uns eine Facebook-Seite zu betreuen. Das hat er gleich willig aufgegriffen, und er macht das jetzt ehrenamtlich im Sinne des Orchesters zusätzlich zu seinem eigenen Profil.

U. S.: Wie sieht es mit den anderen Musikern aus?
A. W.:
Ja, es gibt noch ein paar andere, die vor allem bei Facebook aktiv sind. Für die kommende Saison ist jetzt vorgesehen, dass die Musiker nach und nach stärker einbezogen werden sollen. Sie sollen den Blog mit Inhalt füllen, indem sie beispielsweise etwas über ihre Instrumente erzählen und Ähnliches. Also etwas aus der persönlichen Sicht der Musiker.

U. S.: Ihr Einstieg ins Social Web hat ziemliche Wellen geschlagen. Waren Sie vom Erfolg überrascht?
A. W.:
Ja, das stimmt. Es hat eine super Welle geschlagen. Davon war ich schon überrascht. Jetzt haben wir ein bisschen Erfahrung gesammelt, und viele Leute besuchen unser Blog und interessieren sich nach wie vor für uns. Was man allerdings nach eineinhalb Jahren auch sagen muss, ist, dass sich die Aktivitäten nicht auch gleich im Saal niederschlagen. Man kann nicht sagen, dass sich das Publikum nachhaltig verändert hat oder dass sehr viel mehr Leute im Konzert sind - das ist nicht der Fall. Wer in der Community auf uns aufmerksam wird, kauft nicht gleich eine Karte. Das ist eine interessante Feststellung.

U. S.: Ich hatte gehört, die Konzerte seien jetzt besser verkauft.
A. W.:
Ja, die Konzerte sind hervorragend besucht, - aber nicht als alleinige Folge der Web-2.0-Aktivitäten. Die Konzerte verkaufen sich besser seit wir 2007 in die Mercatorhalle umgezogen sind. Seit dem Umzug haben wir regelmäßige 10-prozentige Steigerungen und sind jetzt oftmals ausverkauft. Das ist aber nicht etwas, das man direkt auf die Web-2.0-Aktivitäten zurückführen kann. Das Internet ist nicht die alleinige Rettung, aber es ist ein wichtiger Baustein. Man muss natürlich ein ganzes Marketing-Konzept haben. Wir haben uns immer sehr intensiv um unsere Kunden gekümmert. Key-Account-Management ist sehr wichtig. Wir machen Veranstaltungen für treue Abonnenten und für unseren Freundeskreis. Wir haben ja einen Freundeskreis von 800 Mitgliedern, die ständig für uns kommunizieren und neue Abonnenten einwerben. Das sind natürlich die Multiplikatoren, die direkt mündlich kommunizieren und weitererzählen. Wir haben allerdings auch eine Menge Veranstaltungen gemacht, wo wir direkt auf neues Publikum zugegangen sind.

U. S.: Zum Beispiel?
A. W.:
Open-Air-Konzerte, Konzerte bei der Extraschicht, beim Traumzeit-Festival, und bei der RuhrTriennale. Wir haben uns in den letzten drei Jahren enorm stark im Ruhrgebiet positioniert. Durch diese aufsehenerregenden Veranstaltungen haben wir natürlich ein ganz anderes Publikum erreicht, als in der Mercatorhalle. Dies alles zusammen bewirkt, dass die Konzerte gut verkauft sind. Der Erfolg kann nur im Gesamtkontext gemessen werden. Leider gibt es keine Möglichkeit, herauszufinden, wie viele Besucher allein durch die Social-Media-Aktivitäten ins Konzert gekommen sind.

U. S.: Sie haben noch ein weiteres Blog - im Prinzip ist es ja ein extra Portal - für Kinder und Jugendliche aufgesetzt. Wie wird klasse.klassik angenommen?
A. W.:
Das ist noch ein bisschen unterentwickelt und noch nicht optimal. Dort findet auch kaum Interaktion statt. Deshalb werden wir dort auch noch mal intensiv rangehen. Erst dann kann ich Genaueres dazu sagen.

U. S.: Weshalb glauben Sie, dass so wenige Orchester auf Social Web setzen?
A. W.:
Ich glaube das kommt jetzt so allmählich. Die Zurückhaltung kommt sicherlich daher, dass man gewisse Qualitätsstandards halten will und möglicherweise nicht bereit ist, den Leuten, die die Aktivitäten umsetzten, einen großen Vertrauensvorschuss zu geben.

U. S.: Was empfehlen Sie anderen Kultureinrichtungen, die Social Media in ihre Kommunikation einbinden wollen.
A. W.:
Ich würde raten, verhältnismäßig unvoreingenommen heranzugehen. Ich habe das Social Web als eine positive Sache kennen gelernt. Es gibt ein großes Wohlwollen im Netz, das ist eine der positiven Erfahrungen, die ich gemacht habe. Wir als Orchester sind interessanter als wir glauben - das sollte man sich bewusst machen.

Vielen Dank für das Gespräch Herr Dr. Wendel.

Bisher erschienene Interviews:

Tobias Möller, Berliner Philharmoniker
Werner Lippert, NRW-Forum Düsseldorf

Post to Twitter Tweet This Post

Tags: , , , , , , ,

Comments are closed.