Studie Museen und Orchester im Social Web ¦ Interview mit Dr. Helmut Gold, Direktor des Museums für Kommunikation in Frankfurt

Im Rahmen meiner Studie „Museen und Orchester im Social Web” habe ich mich persönlich mit Dr. Helmut Gold, Direktor des Museums für Kommunikation Frankfurt, unterhalten.

Ulrike Schmid: Sie waren eines der ersten Museen die Social Media eingesetzt haben. Was war Ihre Motivation, sich ins Social Web zu begeben?
Dr. Helmut GoldDr. Helmut Gold
: Nun, unser Name verpflichtet: Museum für Kommunikation. Da liegt es nahe, auch bei allen neuen Kommunikationswegen und -mitteln dabei zu sein. Um sie erfolgreich zu nutzen, muss man allerdings überlegt vorgehen und man muss natürlich auch Mitarbeiter haben, die über Können und Affinität zu diesen Themen verfügen.

Wir haben zum Beispiel bei einem Gemeinschaftsprojekt mit Eintracht Frankfurt, Radio FFH und der hiesigen Universität vor zwei Jahren viel Arbeit in Second Life investiert. Jetzt ist Second Life relativ tot. Das Projekt war also ein „Investment”, das sich auf den ersten Blick nicht gelohnt hat. Auf lange Sicht betrachtet war es aber doch spannend, weil wir Erfahrungen sammeln konnten und einige Elemente der virtuellen dreidimensionalen Darstellung auch für unseren Internetauftritt nutzen können. Oder zum Beispiel die Darstellung der Information im Empfangsbereich, die wir damals geschaffen haben.

U. S.: Sind Sie noch bei Second Life?
H. G.:
Nein, wir sind dort nicht mehr vertreten, weil die Pflege zu aufwendig war. Das ist ja ein ganz entscheidender Punkt. Soziale Netzwerke sind toll. Man muss aber auch über genügend Manpower verfügen.

U. S.: War für Sie klar, dass Ihre Social-Media-Aktivitäten inhouse geleistet werden müssen?
H. G.:
Ja, das fand ich schon. Wir wollten auch die Erfahrung mit Social Media im Haus haben, selbst Know-how sammeln und uns verbessern. In Museen gibt es ja zum Glück Volontäre und Projektmitarbeiter als Nachwuchskräfte. Die bringen alleine schon durch ihr Alter in der Regel Social-Media-Affinität und frischen Wind mit. Deshalb war die Begeisterung, sich auf dieses Thema zu stürzen, auch groß. Im Grunde haben wir mittels der Volontäre vieles mehr oder weniger ausprobiert. Und allmählich wurde diese Arbeit dann in den Arbeitsalltag implementiert.

Wir haben zum Beispiel anfangs mit relativ einfachen Mitteln Audio- und Video-Podcasts produziert, von denen wir auch einige bei YouTube eingestellt haben und natürlich auf unserer Homepage. Dann hat sich das im Rahmen der museumspädagogischen Arbeit aus einem Pilotprojekt zum Thema Medienkompetenz mit einem Mädchen-Büro in Bockenheim weiter entwickelt. Wir haben den Mädchen ermöglicht, in einem Kurs zu lernen, wie man Podcasts erstellt. Nachdem das sehr gut angekommen war, haben die Museumspädagogen das in ihr Programm aufgenommen und mittlerweile gibt es Podcasting regelmäßig als Ferienworkshops. Sie sind eingestellt auf unserem Blog Medienspielplatz.

U. S.: Die Social-Media-Aktivitäten sind bei Ihnen also auf mehrere Schultern verteilt?
H. G.:
Es ist zumindest das Ziel - die Implementierung in die tägliche Arbeit, denn eine/n „Sonderbeauftragte/n Social Media”, haben wir leider noch nicht.

U. S.: Stichwort Blog: Das erwähnte Blog war ja themenbezogen und nur temporär. Warum gibt es kein permanentes Blog?
H. G.:
Hm, generell wäre das natürlich nicht falsch. Es wäre einerseits spannend, andererseits aber auch problematisch, da unser Themenfeld „Kommunikation” so riesig ist. Es umfasst zum einen stark technikorientierte Themen, darüber hinaus bieten wir aber auch Ausstellungen und Veranstaltungen zu Kunst und Kommunikation und zu kulturgeschichtlichen Themen an. Gleiches gilt für die Sammlungen. Ich halte es für besser, immer nur gezielt zu einzelnen Projekten oder Ausstellungen zu bloggen. Wenn wir es breit anlegen, müssten wir auch sehr viele Personen involvieren. Das ist dann auch eine Frage der Kapazitäten.

Zur Ausstellung „@bsolut privat - Vom Tagebuch zum Weblog” gab es ja ein Blog. Da passte es vom Thema her natürlich besonders gut. Auch zur Ausstellung „Do it yourself”, die 2011 stattfinden wird, wird es sicher wieder ein Blog geben.

U. S.: Wie wurde denn das Blog angenommen?
H. G.:
Das Blog hatte eine ganz gute Resonanz. Mich hat in erster Linie die Qualität mancher Kommentare erstaunt. Wir hatten z. B. ein Symposium veranstaltet und die beteiligten Experten haben ihre Beiträge eingestellt, woraufhin die Diskussionen im Blog unmittelbar weitergingen. Diese Möglichkeit hat mich sehr beeindruckt. Wenn die Community auch klein war, so konnte man doch für die eigene Arbeit Honig saugen. Das war eine tolle Geschichte, denn dadurch kam in gewisser Weise eine Erweiterung des Symposiums zustande.

U. S.: Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihren Social-Media-Aktivitäten?
H. G.:
Für mich ist ein erstes Ziel, dass wir mit diesen Kommunikationsformen Erfahrung sammeln. Das zweite Ziel ist, Menschen wirklich ganz gezielt anzusprechen. Der Trend ist ja eindeutig, dass vor allem Jugendliche sehr gezielt im Internet nach Informationen suchen und sich weniger z. B. über Printmedien orientieren. Um diese Zielgruppe anzusprechen, sind Social-Media-Kanäle viel genauer und passender, als die herkömmlichen Kommunikationswege.

U. S.: Sie waren kürzlich Gastgeber des Twittwochs. Ist das Interesse am @MfK_Frankfurt unter den Twitterern nun größer?
H. G.:
Ich sehe das gar nicht so eng unter einem Nutzenaspekt. Es ist eine Veranstaltung, mit der ich eine bestimmte Zielgruppe erreichen will, die mit dem Medium vertraut ist, und genau das hat geklappt mit einer sehr gezielten Ansprache. Dass diese Teilnehmer jetzt nach nur einem Besuch wieder ins Museum kommen oder uns bei Twitter folgen werden, ist für mich nicht zwingend, zumindest haben sie uns kennen gelernt. Es gilt jetzt eher zu überlegen, wann ich dieser Gruppe das nächste Mal etwas anbieten kann.

U. S.: Das heißt, es reicht Ihnen, dass diese 100 Twitterer einfach schon mal vom @MfK_Frankfurt gehört haben?
H. G.:
Ja, das ist doch schon mal ein erster Anstoß. Erst einmal ist es toll, dass dadurch eine Klientel angesprochen wurde, die vielleicht sonst gar nicht zu den regelmäßigen Museumsgängern gehört. Und durch diese Aktion ist dieses Publikum ins Haus gekommen, lernt es kennen - und kommt vielleicht in ganz anderem Zusammenhang wieder zu Eröffnungen, Führungen oder einfach ins Café . Natürlich soll es auch einen langfristigen Effekt fürs Haus haben, aber den unmittelbar zu messen ist ganz schwer und man darf nicht zu hohe Erwartungen haben.

U. S.: Wie halten Sie es mit dem Dialog bzw. wie wichtig ist er Ihnen?
H. G.:
Tja, das ist immer eine Frage der Relevanz und auch der Ressourcen. Wir haben ja eine Menge Social-Media-Kanäle. Außer dem Twitter-Account und einer Facebook-Seite sind wir bei Flickr, haben die Podcasts und leider nur eine begrenzte Anzahl an Mitarbeitern, die diese Kanäle betreuen.

Ziel kann nur sein, dass immer mehr Leute aus dem Haus daran Spaß haben, mitzuarbeiten, damit es nicht nur auf den Schultern von zwei, drei Leuten getragen wird. Erst dann kann man diesbezüglich expandieren. Wenn ich jetzt sagen würde, wir wollen die Aktivitäten erweitern, käme aus der Belegschaft natürlich gleich die Frage auf, wer soll’s machen und was soll er oder sie stattdessen nicht mehr machen - denn das Personal ist knapp bemessen.

Die traditionellen Medien sind derzeit immer noch zu wichtig, als dass man die klassische Medienarbeit reduzieren könnte. Abgesehen von unserer eigenen Erfahrung ist das auch die Grunderfahrung in der Geschichte der Kommunikation: Selten wird ein Medium einfach durch ein anderes abgelöst, wie vielfach behauptet wird. Weder hat das Telefon die Briefe überflüssig gemacht, noch die SMS die Postkarte. Es gibt vielmehr ein Nebeneinander verschiedener Medien für verschiedene Anlässe, es differenziert sich immer weiter aus. Je mehr ich aber ausdifferenziere, umso breiter wird das, was ich bedienen muss. Es geht also eigentlich nicht so sehr darum, ob man den Dialog führen möchte, sondern auf welchen Kanälen gleichzeitig man mit beschränkten Ressourcen, sprich Mitarbeitern, man den Dialog führen kann

U. S.: Wie frei dürfen Ihre Mitarbeiter agieren?
H. G.:
Also, es wäre ja völlig verrückt, dieses Medium eng kontrollieren zu wollen. Bei uns gibt es da keinen Kodex, ich vertraue da den Mitarbeitern und deren Loyalität. Es ist vom Umfang her so, dass es Pflicht und Kür gibt. Zur Pflicht gehört, auf kommende Veranstaltungen hinzuweisen und sonstige Ankündigungen zu machen - und wenn dann noch jemand die Zeit und Lust hat, etwas Persönliches zu schreiben, wäre mir das durchaus recht.

U. S.: Also gibt es auch bei Ihnen ein Kapazitätsproblem?
H. G.:
Ja unbedingt. Wenn Sie sich die wenigen anderen Museen ansehen, die wesentlich aktiver sind, sind dort häufig Leute angestellt, die speziell die Social-Media- und Internet-Aufgaben betreuen. Zusätzlich zum Pressereferenten gibt es zum Beispiel noch einen Online-Redakteur. Und das ist auch notwendig. Bis in die Verwaltung, wo die Stellenpläne verhandelt werden, muss durchdringen, dass solche Stellen gebraucht werden. Hier muss ein Umdenken stattfinden: Social-Media-Ressourcen werden benötigt und sie zahlen sich auch aus. Weil sie auf lange Sicht gewinnbringend sind und deshalb etabliert werden müssen. Aber noch sind wir nicht soweit.

U. S.: Wie messen Sie den Erfolg Ihrer Maßnahmen?
H. G.:
Puh! Online-Berichterstattung ist ja generell schwer zu messen. Wir machen seit Jahren Medienresonanzberichte über die Resonanz in Zeitung, Radio und TV. Online-Ausgaben und Interneterwähnungen sollen dort künftig auch integriert werden, aber die Messbarkeit in ganz harten Zahlen ist schwierig. Genauso schwierig ist es im Falle von Social Media. Man könnte natürlich Follower- und Fanzahlen nehmen. Allerdings sagen diese Zahlen allein wenig aus. Wir haben deshalb auch entschieden, dass wir nicht um jeden Preis Freunde und Fans haben wollen, sondern wir schauen uns an, was unsere Follower machen und folgen dann gezielt zurück.

U. S.: Was empfehlen Sie anderen Kultureinrichtungen, die mit Social Media beginnen wollen?
H. G.:
Ich glaube, es hat keinen Sinn, Social Media zu nutzen, weil man glaubt, es gehöre dazu. Wer niemanden hat, dem diese Art der Kommunikation Freude bereitet und der sagt, das würde ich gerne machen, bekommt niemals die Leichtigkeit rein, die man braucht. Wenn das „von oben” gewissermaßen gesetzt wird nach dem Motto „jetzt macht mal”, dann wird es leicht statisch und öde.

Wenn es aber gelingt, eine persönliche Note zu etablieren, einen eigenen Stil - und darauf, glaube ich, kommt es an - dann sollten Kultureinrichtungen Social Media nutzen. Ich hatte mit Tine Nowak, die im vergangenen Jahr unsere Pressearbeit gemacht und Social Media im Haus etabliert hat, solch einen Glücksfall. Ihr fallen diese Aufgaben leicht und sie arbeitet weiter daran, obwohl sie inzwischen andere Aufgaben hat, und begeistert auch andere mitzumachen. Nur dann fällt die Mehrbelastung nicht so sehr ins Gewicht.

Vielen Dank für das Gespräch Herr Dr. Gold.

Bisher erschienene Interviews:

Dr. Alfred Wendel, Duisburger Philharmoniker
Tobias Möller, Berliner Philharmoniker
Werner Lippert, NRW Forum Düsseldorf

Post to Twitter Tweet This Post

Tags: , , , , , , ,

2 Responses to “Studie Museen und Orchester im Social Web ¦ Interview mit Dr. Helmut Gold, Direktor des Museums für Kommunikation in Frankfurt”

  1. Benny Says:

    danke für das tolle Interview!
    Ich stimme Herrn Dr. Helmut Gold voll und ganz zu!

  2. was ist ein videopodcast? | Alles über Musik download Says:

    [...] Kultur 2.0 » Blog Archive » Studie Museen und Orchester im Social … [...]