Sinn und Verstand in 140 Zeichen ¦ Interview mit Prof. Dr. Klaus Schrenk, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen

Prof. Klaus Schrenk, © Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Haydar KoyupinarIm Rahmen meiner Studie „Museen und Orchester im Social Web” habe ich ein Telefoninterview mit Prof. Dr. Klaus Schrenk, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen geführt.

Ulrike Schmid: Was war Ihre Motivation, sich ins Social Web zu begeben?
Prof. Dr. Klaus Schrenk
: Wir haben die Ausstellung „Rubens im Wettstreit mit alten Meistern. Vorbild und Neuerfindung” in der Alten Pinakothek zum Anlass genommen, uns in dieses Feld, Social Media, hineinzubegeben. Das war Neuland für uns, und das musste erst bewältigt werden. Für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit war es der erste Probelauf.

Wir planen gerade einen Relaunch unseres Internetauftritts. In dem Zusammenhang kamen auch die Fragen nach Facebook, Twitter etc. auf. Deren Nutzung stellt die Museen ja vor große Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen. Denn es ist ja klar, wenn man sich da hineinbewegt, dann darf es kein einsamer Schuss in die Wüste sein, sondern der Auftritt muss gepflegt und weiter ausgebaut werden.

U. S.: Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihren Social-Media-Aktivitäten?
K. S.:
Nun, ein Ziel ist es natürlich, dass wir an ein jüngeres kulturinteressiertes Publikum herankommen. Das ist ja auch etwas, das man derzeit feststellt: Die nächste Generation schaut sich nicht mehr in der Zeitung die Monatsvorausschau für Ausstellungen an und plant lange vorher den Ausstellungsbesuch, sondern nutzt eine andere Form der Informationsbeschaffung - das Internet.

U. S.: Gibt es bereits Ergebnisse, die belegen, dass dieses Vorhaben gelungen ist?
K. S.:
Messen kann man es anhand der Follower-Zahlen. Da sind wir auf einem ganz guten Weg. Unsere Social-Media-Aktivitäten sind ja Teil einer Gesamtstrategie überhaupt: Nämlich auf unterschiedlichen Ebenen, die uns zur Verfügung stehen, eine Öffentlichkeit zu erreichen. An die jüngeren Leute heranzukommen ist natürlich auch eine Aufgabe der Museumspädagogen und der Besucherdienste, die in Absprache mit den Ausstellungsmachern ermitteln, welche Ausstellungen und Veranstaltungen eher ein jüngeres Publikum ansprechen. Im Moment muss man schon sehr altersspezifisch reagieren und alle Möglichkeiten ausschöpfen, um die Öffentlichkeit für die Aktivitäten der Pinakotheken zu interessieren.

U. S.: Wobei die Follower-Zahlen ja noch nichts darüber aussagen, inwieweit sich die Leute tatsächlich den Pinakotheken verbunden fühlen und auch den Weg ins Museum finden.
K. S.:
Also so etwas erfährt man natürlich nur über eine gezielte Besucherbefragung. Oder wenn man mit geschultem Auge versucht zu sehen, ob sich bei Ausstellungseröffnungen das Publikum verändert hat. Aber mit ersten Reaktionen, z. B. Einträgen in den Gästebüchern, hat man natürlich schon erste Hinweise, dass die Aktivitäten wahrgenommen werden.

Das ist aus meiner Sicht der große Versuch, warum wir uns jetzt solche Mühe geben mit dem Relaunch des Internetauftritts. Die Verlinkungen auf den Seiten der Pinakotheken sollen auch die Möglichkeit bieten, vertiefte Informationen zu den Ausstellungen, zu den Veranstaltungen oder zu den Sammlungen zu bekommen.

U. S.: Zur Rubens-Ausstellung gab es auch den Twitter-Account @Rubens_in_Muc-, der ja sehr gut ankam.
K. S.:
Ja, den Eindruck hatte ich auch.

U. S.: Waren Sie überrascht vom Erfolg? Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
K. S.:
Das war die Idee von wbpr. Jetzt wollen wir uns mal nicht mit fremden Federn schmücken. Also, das war deren Idee, dass man sozusagen Rubens als großen Namen einsetzt - eine historisch hochberühmte Künstlerfigur, die man absolut nicht mit Twitter verbinden würde. Wir wissen, dass Rubens nicht aus dem Jenseits twittern kann. Aber irgendwie wollten wir die Informationen über sein Leben und die Ausstellung bei uns mit den Tweets vermitteln. Unsere Wissenschaftler haben sie erstellt und sich große Mühe gegeben, dass das, was da innerhalb der 140 Zeichen mitgeteilt wurde, auch Sinn und Verstand hatte.

U. S.: Die Wissenschaftler haben also viel Zeit darauf verwendet?
K. S.:
Ja, genau. Es hat mehrere Filter im Haus gegeben und natürlich auch Absprachen mit wbpr. Es war ein gegenseitiges Herantasten. Also, dass man sich nicht in eine Fachsprache hineinbegibt, und dass es dennoch gelingt, eine authentische Sprache zu finden, in der die Inhalte weiterlaufen und die sowohl twittergemäß ist als auch zu uns passt.

U. S.: Sie haben aber noch einen weiteren Twitter-Account.
K. S.:
Ja, mit dem Ende der Rubens-Ausstellung wurde zwar der @Rubens_in_Muc-Account eingestellt, wir haben aber noch, wie man so schön sagt, mit @pinakotheken_de unseren Stream, der regelmäßig über Veranstaltungen, Ausstellungen und auch aktuell über die Neo-Rauch-Ausstellung berichtet.

U. S.: Sie haben mit dem „Pinakotheken Magazin” auch eine Art Blog. Weshalb ist es da etwas ruhiger geworden?
K. S.:
Dass das Pinakotheken Magazin so gut gelungen ist, darüber bin ich sehr glücklich. Es wird mit dem Relaunch des Internetauftritts wieder richtig aktiviert. Das ist Teil des Gesamtpakets „Internet”. Das kostet ja auch richtig Geld, und wir hoffen, dass uns da auch ein richtig guter Auftritt gelingt.

Es wird sich in den nächsten fünf Jahren alles so verändert haben, dass bestimmt 40 oder gar 50 % der Besucher, die von auswärts kommen, sich vorher alle Informationen zu einer Ausstellung auf der Internetseite geholt haben. Insofern müssen die Besucher dort umfassend informiert werden.

U. S.: Richtet sich das Pinakotheken Magazin an alle Häuser und die jeweiligen Sammlungen oder wird darin nur über bestimmte Ausstellungen berichtet?
K. S.:
Konkret umfasst es alle Häuser der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen mit den entsprechenden Links zu den einzelnen Häusern: die drei Pinakotheken, die Sammlung Schack und das Museum Brandhorst. Also nicht auf ein Haus konzentriert, sondern es wird über alle Häuser, die Sammlungen und Ausstellungen gleichermaßen berichtet.

U. S.: Welche Überlegung steckt dahinter, dass man nicht kommentieren kann?
K. S.:
Ein Problem ist natürlich, dass die ganze notwendige Ausweitung der Aktivitäten im engen Rahmen der personellen Möglichkeiten passieren muss. Wir haben keine Online-Redakteurin, die in dem dafür nötigen Umfang darauf reagieren könnte. Also das muss man sehen, wie wir das hinbekommen. Die Hoffung ist natürlich, dass wir in absehbarer Zeit eine solche Stelle haben werden. Aber, das wissen Sie auch, zusätzliches Personal ist wie eine Quadratur des Kreises für eine Kultureinrichtung. Das ist einer der Hintergründe, warum wir gesagt haben, wir können nicht warten bis die personellen Voraussetzungen gegeben sind, sondern wir müssen im Rahmen der Möglichkeiten das Angebot nutzen und auch Erfahrungen sammeln.

Von der personellen Ausstattung her, die sowieso dünn ist, ist es derzeit einfach nicht zu bewältigen, dass Kommentare beantwortet werden. Deshalb habe ich immer gesagt, bevor wir Dinge nicht bewältigen können und schlecht machen, konzentrieren wir uns auf die Dinge, die wir jetzt bewältigen können.

U. S.: Wo sind die Social-Media-Aktivitäten angesiedelt?
K. S.:
Angesiedelt sind sie in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Da liegt die Verantwortung bei Tine Nehler, und Lisa Kern ist konkret mit den Aktivitäten betraut.

U. S.: Wer schreibt bzw. hat die Blogbeiträge geschrieben?
K. S.:
In der Regel kommen die Beiträge von den Mitarbeiterinnen der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, geschrieben aber auf Grundlage von Texten der wissenschaftlichen Mitarbeiter. Das ist ja auch so ein Punkt - wie nennt man das so schön - Qualitätssicherung der Information. Aber da wir da gut miteinander umgehen und vernetzt sind, kann man sich gut verständigen.

U. S.: Stichwort Markenbildung. Ist es nicht schwierig gleichermaßen einen Account für alle Häuser zu haben? Nicht jeder, der sich für die Alte Pinakothek interessiert, interessiert sich möglicherweise auch für das Museum Brandhorst.
K. S.:
Die Markenbildung läuft bei Twitter und beim Magazin über „Pinakotheken”. International gesehen ist „Bayerische Staatsgemäldesammlungen” für einen Amerikaner schon schwierig auszusprechen und für einen Japaner doppelt schwierig. Insofern wird man international immer Pinakotheken sagen. Das ist ja fast weltweit ein Alleinstellungsmerkmal, dass es vier weltberühmte Sammlungen in vier weltbedeutenden architektonischen Gehäusen in einer Campus-Situation gibt. Darüber läuft dann natürlich auch die Verlinkung. Eine der wichtigsten Aufgaben wird es sein, die Navigation der neuen Internetseite entsprechend zu gestalten, so dass man immer von einem Museum zum anderen kommt.

U. S.: Wird es mit der Internetseite weitere Social-Media-Profile geben?
K. S.:
Ja, das ist in Planung. Derzeit entwickeln wir gerade die Facebook-Seite. Da wird es demnächst eine für die Pinakothek der Moderne und eine fürs Museum Brandhorst geben. Bei Facebook wird es eine Trennung der einzelnen Häuser geben, weil hier die Interessen auseinanderlaufen.

U. S.: Was empfehlen Sie anderen Kultureinrichtungen, die mit Social Media beginnen wollen?
K. S.:
Also ich würde sagen, dass sie sich eine besonders große Ausstellungseröffnung oder eine Neueröffnung als Ausgangspunkt nehmen sollten. Aus meiner Sicht hat sich das sehr bewährt, dass wir die Rubens-Ausstellung zum Auftakt genommen haben. Das ist für die Häuser der am besten begehbare Weg, meine ich.

Wichtig ist, dass man sich bemerkbar macht und sich in das Feld hineinbegibt, auch wenn es nur mit wenigen Tools oder Profilen ist. Das ist ein notwendiger Modernisierungsprozess natürlich auch in den Häusern.

Vielen Dank Herr Professor Schrenk für das Gespräch und die Einblicke in die Social-Media-Aktivitäten der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.

Bisher erschienene Interviews:

Max Hollein, Städel Museum, Schirn Kunsthalle und Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt
Dr. Helmut Gold, Museum für Kommunikation Frankfurt
Dr. Alfred Wendel, Duisburger Philharmoniker
Tobias Möller, Berliner Philharmoniker
Werner Lippert, NRW Forum Düsseldorf

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9 Responses to “Sinn und Verstand in 140 Zeichen ¦ Interview mit Prof. Dr. Klaus Schrenk, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen”

  1. Johannes Says:

    Nur eine Kleinigkeit angemerkt: Ich lese und höre auch immer wieder, dass als eines der (Haupt)Ziele der Social Media-Aktivitäten “jüngeres” Publikum genannt wird. Das scheint mir nun tatsächlich die opinio communis zu sein und ich habe da aber doch größere Bedenken ob der Richtigkeit. Es mag ja stimmen, dass die Verleitung groß ist, wenn man den Statistiken, welche Altersklassen am stärksten vertreten sind, folgt. Und trotzdem ist da mehr zu bedenken als die allgemeinen Statistiken. In wieweit bringen sich Followers und Fans auch wirklich ein usw. Zumindest haben *wir* da ganz andere Erfahrungen, denn die allermeisten aktiven Reaktionen kommen ganz und gar nicht von den <30ern, sondern mehr aus meiner Altersklasse.
    Jetzt könnte natürlich argumentiert werden, dass wir uns auch mit unseren Inhalten bewusst oder unbewusst an die “ältere” Generation wenden oder auch mit der Form dieser Inhalte. Was ich mal in Abrede stelle, und zwar aus mehreren Gründen.
    Ich selbst seh mich natürlich bei diesen Argumentation, dem Heischen nach den jüngeren Usern, ein bisserl übergangen oder zumindest als 5. Rad am Wagen und bin sozusagen ein wenig beleidigt ;). Ich geh ja schließlich auch nicht ins Geschäft mit der Aufschrift “für die <30er Generation” einkaufen ;)

  2. silberlicht Says:

    Mit vier Monaten Abstand zu diesem Projekt schaue ich es mir immer wieder gern an. Die Zusammenarbeit mit den Kommunikatoren und mit den Wissenschaftler im Haus war spannend. Irgendwann hatten wir die Stimme für Rubens gefunden.
    Das Projekt hat seinen Reiz auch in seinen Beschränkungen und seiner Abgeschlossenheit. Ein Showcase, wie die Community auf so etwas reagiert.
    Unser Dank geht auch nochmal an Talkabout, die im Rahmen der strategischen Kooperation mit Hirn und Hand dabei waren.

  3. Ulrike Schmid Says:

    @silberlicht Geht doch nichts über proaktive PR-Berater, die ihren Kunden ins Gespräch bringen. Ohne Dich hätte es dieses Interview wahrscheinlich nicht gegeben. Dafür danke.
    Selbst im Gespräch war Prof. Schrenk die Begeisterung über Rubens_in_Muc noch anzumerken.

    @Johannes Fakt ist allerdings auch, dass in vielen Freundeskreisen der Museen und auch bei Konzerten eine >40-Generation vertreten ist. Insofern ist es aus Sicht der Verantwortlichen doch erst mal nachvollziehbar, dass sie den Wunsch haben, über Social Media ein jüngeres Publikum zu erreichen. Dass die etwas ältere Generation jetzt auch verstärkt im Netz unterwegs ist, ist ja eine noch junge Entwicklung.
    Als ich die Facebook-Untersuchung gemacht habe, habe ich bei den Kommentaren leider nicht auf Alter geachtet. Den Bildern nach zu urteilen, waren sie allerdings alle 40. Herr Hollein sagte ja ganz klar, dass sie bei Fb Veranstaltungen einstellen, die sich an jüngere richten.

  4. KulturnutzerInnen 2.0: Jung, mobil, informationshungrig, museumsscheu? « KulturMittwoch Says:

    [...] geben u.a. Max Hollein (Direktor von Städel, Schirn und Liebieghaus | Frankfurt am Main) sowie Prof. Dr. Klaus Schrenk (Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen | München) Einblicke zur Nutzung von [...]

  5. Lesetipps für den 11. Juni | Netzpiloten.de - das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0 Says:

    [...] Kultur 2.0 und Social Web: Interview mit Prof. Dr. Klaus Schrenk [...]

  6. Rubens twittert « wbpr Says:

    [...] Zum Interview Hinterlasse einen Kommentar [...]

  7. Christian Henner-Fehr Says:

    Eigentlich gefällt mir die Idee, Rubens twittern zu lassen, sehr gut. Nur hat das, was da passiert ist, wenig mit Social Media zu tun. Hier wurde Twitter einfach als ein weiterer Kanal verwendet, um Informationen unter die Leute zu bringen. Dass ein Dialog nicht gewünscht war, lässt sich an der Zahl derer, denen “Rubens” folgt, unschwer erkennen.

    Grundsätzlich halte ich von solchen Kampagnen recht wenig, wenn sie nicht auf bereits vorhandenen Social Media-Aktivitäten aufbauen. 236 Follower als Resultat, das ist in meinen Augen recht mager für eine Kampagne.

    Ein weiterer Punkt: wer neue, jugendliche Zielgruppen ansprechen möchte, sollte das nicht unbedingt auf Twitter versuchen. Die sind da nämlich gar nicht.

  8. Ulrike Schmid Says:

    @Christian Die Biografie von Rubens ist vielleicht auch nicht jedermans Sache.:-) Da bei dem Account nichts mehr passiert, sind möglicherweise auch Follower abgesprungen. Ich weiß nicht mehr, wie viele Follower es zur aktiven Zeit waren.

    Für den Dialog gibt’s theoretisch den anderen Account. Da geschieht nur leider nichts mehr.

    Bezügl. Twitter und junge Zielgruppe stimme ich Dir voll und ganz zu.

  9. Christian Henner-Fehr Says:

    In meinen Augen ist das das Hauptproblem: man fängt einfach irgendwie an und wenn sich dann nicht sofort Erfolge einstellen (wobei man unter Umständen gar nicht weiß, was ein Erfolg in diesem Zusammenhang ist), dann schlafen die Aktivitäten recht schnell wieder ein. Schade…