Fast-Food und Sterne-Koch-Kultur ¦ Ein Interview mit Marcus Bosch, Opernfestspiele Heidenheim

Die Opernfestspiele Heidenheim sind eines der wenigen deutschen Festivals im Bereich klassischer Musik, die im Social Web breit aufgestellt sind. Ich habe den Künstlerischen Direktor, Marcus Bosch, zu den Social-Media-Aktivitäten und über neue Formen der Musikvermittlung befragt.

Ulrike Schmid: Die 35. Opernfestspiele Heidenheim sind vor zwei Wochen mit einem „Pop-Konzert” zu Ende gegangen. Wie lautet Ihr Resümee?

Marcus Bosch, Künstlerischer Direktor der Opernfestpiele Heidenheim, Generalmusikdirektor des Sinfonieorchesters Aachen und Chefdirigent der Nürnberger Symphoniker

Marcus Bosch, Künstlerischer Direktor der Opernfestpiele Heidenheim, Generalmusikdirektor des Sinfonieorchesters Aachen und GMD am Staatstheater Nürnberg.

Marcus Bosch: Zufrieden, denn am Ende ist kaum mehr ein Platz frei geblieben. Und das bedeutet für uns, dass das Publikum unser vielfältiges Programm der Heidenheimer Opernfestspiele angenommen hat. Wir müssten noch mal ein ernstes Wort mit dem zuständigen Wettergott reden, der uns leider einige Aufführungen im Rittersaal von Schloss Hellenstein vermasselt hat. Andererseits haben wir nun mit dem Ausweich-Spielort Congress Centrum Heidenheim nahezu optimale Möglichkeiten.

U. S.: Und hinsichtlich Social Media? Wurden nach zwei Jahren Social Web Ihre Erwartungen erfüllt?
M. B.:
Wir haben im letzten Jahr damit Neuland betreten. Und so war es ein willkommenes Experiment, das nach meiner Meinung nach für den Anfang ganz gut gelungen ist. Wir haben einiges daraus gelernt, und werden auch weiter daraus lernen. Die Zahlen sind für die Festspiele, die ja derzeit regional bekannt sind, akzeptabel, aber ausbaufähig.

U. S.: Wie war Ihr Schritt ins Social Web begründet?
M. B.: Unser Anspruch ist für die Opernfestspiele in Heidenheim, dass wir gern „Oper für alle” machen möchten. Und wir öffnen die Festspiele mit unseren Angeboten im Internet nach außen, indem wir Einblick gewähren. Und ja, wenn es uns gelingt, damit den ein oder anderen Besucher, der bisher noch nicht in der Oper war, dafür zu interessieren, dann haben wir damit eins der Ziele erreicht. Die Präsenz im Internet bietet gerade für das kleine Budget Möglichkeiten, wenn die Inhalte stimmen.

U. S.: Welche Plattformen/Kanäle nutzen Sie und zu welchem Zweck? Gibt es Präferenzen oder werden alle Plattformen von Ihren Dialogpartnern gleichermaßen gut angenommen?
M. B.:
Gestartet sind wir mit dem Opernwerkstatt-Blog, einem Twitter-Account, einer Facebook-Präsenz und einem YouTube-Account. Die Zugriffszahlen allein auf YouTube haben uns am Ende der ersten Saison positiv überrascht, damit hatten wir nicht gerechnet. Mittlerweile haben wir im zweiten Jahr noch einen Flickr-Stream für die vielen Dokumentationsfotos hinzugefügt. Überaus gut vernetzt sind wir mittlerweile auf Twitter, insbesondere bei den verschiedenen Kultureinrichtungen in Deutschland.

U. S.: Und wie klappt es mit dem Dialog?
M. B.: Noch zu wenig, aber es gibt vielversprechende Anfänge. Auch hier scheint die bekannte 90-9-1-Regel zu gelten, die meisten sehen oder lesen nur. Wir denken aber, dass sich das in den nächsten Jahren verbessern kann.

U. S.: Sind die Opernfestspiele Heidenheim Gesprächsthema im Social Web? Haben Sie den Eindruck, dass mit und über die Opernfestspiele gesprochen wird?
M. B.:
Unser Team arbeitet in jeder Saison und auch, so weit das möglich ist, im gesamten Jahr an einer weiteren Vernetzung. Und so ist es gelungen, unsere Seiten auch auf anderen Plattformen im Internet sichtbar zu machen, die erst mal nichts mit der Oper zu tun haben. Das ist gut, denn wir möchten ja jene erreichen, die das Thema vielleicht noch nicht für sich entdeckt haben.

U. S.: Wie reagieren die klassischen Medien auf Ihre Social-Media-Aktivitäten?
M. B.:
Wir wissen, dass sie interessiert zuschauen, sich auch von unseren Aktivitäten inspirieren lassen.

U. S.: Inwieweit findet eine Verknüpfung von klassischer PR und Social Media statt?
M. B.:
Ich denke, durch eine immer bessere Verzahnung der Aktivitäten, wobei wir noch mehr ausprobieren möchten. Die klassische PR-Arbeit ist im Kulturbereich unverzichtbar, aber das Zusammenspiel kann ich mir in Zukunft noch besser vorstellen.

U. S.: Als Generalmusikdirektor in Aachen haben Sie Aufsehen erregt mit neuen Konzertformen wie „Kurpark Classix” oder „Konzert ohne Frack”. Auch als designierter GMD der Nürnberger Philharmoniker haben Sie bereits mit neuen Programmen wie etwa „Phil & Chill” neue Konzertformen angekündigt. Sehen Sie in Social Media auch eine Möglichkeit für Kultur-/Musikvermittlung?
M. B.:
Ja, auch wenn wir erst in den Anfängen sind. Wir möchten gern ein Publikum ansprechen, das sich für Musik interessiert, vielleicht noch nicht für die klassische. Und wir brauchen uns dabei nicht zu verbiegen, sondern müssen vielleicht nur aus unseren Häusern in andere Spielstätten. Dass das gelingen kann, weiß ich aus Erfahrung. Es ist wert, dies immer wieder auszuprobieren. Gleichzeitig können wir mit unserem Engagement auf verschiedenen Web-Plattformen für unsere Aktivitäten werben, gleichzeitig auch mit unserem Publikum in Kontakt treten. Ich finde das sehr spannend.

Ich experimentiere gern mit neuen Veranstaltungsformaten, um neue Besucher für meine Arbeit zu gewinnen. Entscheidend ist aber die Wahrhaftigkeit der Musik und ihre Umsetzung. Nur sie kann auf Dauer die Menschen gewinnen und mit jedem Takt begeistern.

U. S.: Die Duisburger Philharmoniker haben kürzlich eine Blogparade zum „Konzert der Zukunft” initiiert. Was muss sich Ihrer Meinung nach tun, um klassische Musik für ein breiteres Publikum attraktiv zu machen und wie sieht für Sie das Konzert der Zukunft aus?
M. B.:
Darüber mache ich mir sehr viele Gedanken. Für besonders wichtig halte ich dabei die verstärkte Einbeziehung der eigenen Mitarbeiter. Wenn wir unsere Begeisterung für das, was wir tun, nach außen bringen, laden wir damit andere ein. Ich nenne das „Handreichung”.

Gleichzeitig sorgen wir immer wieder mit Events dafür, die Schwellenängste zu nehmen. Mit neuen Formaten, neuen Spielorten, mehr Information über das, was wir tun.

Das heißt für das „Konzert der Zukunft”: Auf der einen Seite eine verstärkte Eventisierung, auf der anderen Seite eine wirkliche Hinwendung zum Wahrhaftigen, dem klassischen Konzert, vergleichbar vielleicht mit Fast Food und dem Aufblühen von Bio-Kost und Sterne-Koch-Kultur.

U. S.: Haben Sie schon mal daran gedacht, selbst zu bloggen, so wie das ihr Kollege Christian Kabitz 2009 über das Mozartfest Würzburg getan hat?
M. B.:
Durch die vielfältigen Verpflichtungen in den letzten beiden Jahren erlaubt es mein Zeitkontingent gerade überhaupt nicht, mich selbst an die Tastatur zu setzen. Ich habe mir einige Blogs angeschaut, lese sie gern, und weiß aber auch, das es Zeit erfordert, um sie wirklich gut und kontinuierlich mit Inhalten zu bespielen.

U. S.: Wie messen Sie den Erfolg Ihrer Maßnahmen?
M. B.:
Ein professionelles Monitoring können wir uns mit unserem Budget nicht leisten, aber das Team hat schon am Ende der letzten Saison eine beachtliche Zusammenstellung der Zahlen aufführen können. Wobei die Zahlen gerade noch in dieser Anfangszeit nicht entscheidend sind. Wir probieren gern noch aus, überdenken das Ein oder Andere und sind mit jeder Reaktion gern zufrieden.

U. S.: Was empfehlen Sie anderen Kultureinrichtungen, die Social Media in ihre Kommunikation einbinden wollen?
M. B.:
Ich denke, dass das Thema wert ist, ernst genommen zu werden. Das heißt schon, es aufmerksam zu beobachten, gleichzeitig auch zu überlegen, wie es in die eigenen Marketing- und Kommunikationsaktivitäten eingebunden werden kann. Und es empfiehlt sich sicherlich, jemanden zu konsultieren, der sich damit auskennt.

Vielen Dank Herr Bosch für das Interview!

Bisher erschienene Interviews:

Prof. Dr. Gerd-Christian Weniger, Neanderthal Museum Mettmann
Johannes Reiss, Österreichisches Jüdisches Museum, Eisenach

Prof. Dr. Klaus Schrenk, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München

Max Hollein, Städel Museum, Schirn Kunsthalle und Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt

Dr. Helmut Gold, Museum für Kommunikation Frankfurt

Dr. Alfred Wendel, Duisburger Philharmoniker

Tobias Möller, Berliner Philharmoniker

Werner Lippert, NRW Forum Düsseldorf

Christian Kabitz, Künstlerischer Leiter des Mozartfestes Würzburg

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2 Responses to “Fast-Food und Sterne-Koch-Kultur ¦ Ein Interview mit Marcus Bosch, Opernfestspiele Heidenheim”

  1. ::: kulturkurier inside » Interview Opernfestspiele Heidenheim Says:

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  2. Blogposting 08/13/2011 « Nur mein Standpunkt Says:

    [...] Kultur 2.0 » Fast-Food und Sterne-Koch-Kultur ¦ Ein Interview mit Marcus Bosch, Opernfestspiele He… [...]