Raus aus dem Feuilleton, rein in die Twitter-Timeline

Da staunte ich nicht schlecht, als ich vorgestern in meiner Timeline folgenden Tweet vorfand. Nichts Besonderes, denken Sie?

Mich sprach er in zweierlei Hinsicht an und das, obwohl oder gerade weil ich vielen Kultureinrichtungen folge und mich auch mit vielen unterhalte.

1. Das Profilbild: Es zeigt das Gesicht einer Person und das ist für eine Kultureinrichtung völlig untypisch. Meist dominieren die Logos, Ansichten des Hauses und bei Museen auch schon mal ein Bild der aktuellen Ausstellung den Twitter-Avatar.

2. Der Inhalt: Auch dieser eher ungewöhnlich für ein Orchester - von Joggen ist die Rede - gut, man erfährt auch, dass das Orchester in Nürnberg angekommen ist, es sich auf Reise befindet und eine SQ den Tweet versendet hat.

3. Das Kürzel: In meiner Studie hatte ich bereits festgestellt, dass bei der überwiegenden Mehrheit der Orchester und Museen ein Hinweis fehlt, wer für die Institution twittert. Damals konnte ich lediglich vier der untersuchten Kultureinrichtungen ausmachen, bei denen sich in der Biografie ein Hinweis fand, mit wem man es als Follower zu tun hat. Wenn nur eine Person fürs Twittern verantwortlich ist, erübrigt sich das Kürzel im Tweet, insofern wurde hier schon angezeigt, dass es sich um mehrere Personen handelt. (Bei Firmen ist es übrigen selbstverständlich, dass die Follower wissen, mit wem sie es zu tun haben.) Da mich sowohl Profilbild als auch der Inhalt positiv überrascht hat - letzteres aufgrund des scheinbar Nebensächlichen - habe ich mir die Tweets der letzten Tage der BBC Philharmonic durchgesehen und bin auf diese Tweets gestoßen.

Und die Auflösung, wer zwitschert, gab’s dann hier:

Und siehe da - hinter dem Kürzels SQ steht Stefanie Quinn, die selbst über einen Twitter-Account verfügt und in diesen Tagen über die Orchestertour zwitschert. Liegt es an dem „Format” Tournee, das Orchester entspannter sein lässt im Umgang mit Social Media? Selbst die bei Twitter so ernsthaft auftretenden Berliner Philharmoniker sind in ihren Beiträgen im Tournee-Blog viel lockerer. (hier das aktuelle Tour-Blog) Ich finde die Idee, dass mehrere Personen aus dem Orchesterumfeld bzw. Musiker twittern großartig. Dadurch erhalten die Follower nicht nur einen lebendigeren Eindruck, sondern auch einen vielschichtigeren, da das Tour-Geschehen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet wird. Sind es nicht die kleinen Geschichten, die scheinbar belanglosen Tweets, die einem Twitterer (und einer Kultureinrichtung) erst einen persönlichen Anstrich geben und es so einzigartig machen? Zeigen diese Tweets nicht auch, dass Kommunizieren über Kulturthemen Spaß machenn kann? (frei nach Christoph Deeg bei der „aufbruch-Tagung”). In den Interviews, die ich mit Verantwortlichen von Kultureinrichtungen führe, werden stets “neue Zielgruppen/Besucher ansprechen” als Grund für das Social-Media-Engagement genannt. Ob Kultureinrichtungen dies durch ihre eher neutralen unpersönlichen Tweets erreichen? Veranstaltungsankündigungen twittern kann jeder, dadurch wird keine Kultureinrichtung unverwechselbar und auch nicht sympathischer. Über solche Tweets wird weder gesprochen noch lässt sich ein Gespräch, eine Diskussion entfachen, sie werden höchstens weitergeleitet und das war’s. (In der Beziehung können übrigens die Großen von den Kleinen lernen. Kleinere Einrichtungen sind oft viel kommunikativer) Weitergedacht, wünsche ich mir, dass bei einem deutschen Orchester (darf auch gerne eine andere Kultureinrichtung sein) jeweils eine Woche lang oder einige Tage je ein Musiker/eine Musikerin twittert. Anstelle des Logos ist als Twitter-Avatar das Gesicht der Musikerin/des Musikers zu sehen. Aus dem „unpersönlichen” Orchester werden plötzlich Orchestermitglieder, Menschen, die das Orchester zu dem machen was es ist. Das Orchester würde ihm wahrsten Sinne des Wortes Gesicht zeigen. Wie viel gäbe es zu erzählen, über Proben, Instrumente, Gemeinschaft und, und, und. Aus der anonymen Masse der 100 Orchestermitglieder, die immer nur als Ganzes funktionieren werden plötzlich Individuen, die nur gemeinsam zu musikalischer Höchstleistung auflaufen. Etwas von dieser Leichtigkeit und auch Offenheit, die englische Orchestern im Social Web an den Tag legen, würde ich mir auch bei deutschen wünschen. Sei es ein Google Hangout, wie es das London Symphony Orchestra organisierte, einen Chat mit dem Dirigenten der London Sinfonietta bei Facebook  oder jetzt eben die wechselnden Twitterati. Fairerweise möchte ich erwähnen, dass auch das Beethoven Fest Bonn oder auch die Kronberg Academy Twitter-Interviews organisiert haben. Bei BBC Philharmonic übernimmt übrigens am Freitag der General Manager das Ruder.

Update 4. Mai: Der Austausch des Fotos am heutigen Freitag wirkte sich (leider) auch auf meine eingebunden Tweets aus.

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8 Responses to “Raus aus dem Feuilleton, rein in die Twitter-Timeline”

  1. Christoph Deeg Says:

    Liebe Ulrike,

    vielen Dank für Deinen Beitrag. Und ich kann Dir nur zustimmen. Das Web ist menschlich und niemand möchte mit Institutionen kommunizieren. Das Interesse der Menschen liegt in der Kommunikation mit echten Menschen. Das bringt mich dazu, einem Angebot im Web zu folgen bzw. es weiter zu tragen. Das bedeutet aber auch, das man versteht, dass Social-Media nicht nur ein weiteres Betätigungsfeld für den Bereich Öffentlichkeitsarbeit einer Institution ist. Es vielmehr eine völlig neue Kultur. Das bedeutet ich muss mir als Institution überlegen, ob ich mit dieser Kultur kompatibel bin. Passen die Strukturen, die Denk- und Arbeitsweisen?

    Was vor allem US-amerikanische Institutionen haben ist eine sehr tiefe Kundenorientierung. Dein Beispiel lädt mich als Kunden dazu ein, gefühlt Teil des Orchesters zu werden. Es beginnt ein Dialog auf Augenhöhe.

    Je offener eine Institution agiert desto erfolgreicher wird sie letztlich sein.

    Ganz liebe Grüße

    Christoph Deeg

  2. Ulrike Schmid Says:

    Lieber Christoph,

    dem ist fast nichts hinzuzufügen. Ich stimme dir zu, wenn du sagst, Social Media sei eine neu Kultur und ich ergänze, es wird nicht gemacht, sondern man muss es leben.

    Ich bin allerdings auch der Auffassung, dass, wenn die von dir genannten Voraussetzungen stimmen, sehr wohl Öffentlichkeitsarbeit gemacht werden kann (und auch ausschließlich). Wenn die Voraussetzungen nicht stimmen kommen die neutralen, völlig uninspirierenden „Veranstaltungsankündigungen“ raus. Das hat meiner Meinung nach wenig mit Öffentlichkeitsarbeit, so wie ich sie verstehe, zu tun. (hab das an dieser Stelle auch schon mal ausgeführt)

    Wenn eine Kultureinrichtung mit den Menschen auf Augenhöhe in Dialog tritt und Serviceorientiert agiert ist es sehr wohl Öffentlichkeitsarbeit. Da jahrzehntlang das Sender-Empfänger-Modell vorherrschte und funktionierte wird dieses Modell ins Social Web übertragen.

    Liebe Grüße nach Berlin,
    Ulrike

  3. ACT!IO = re:actio. Meine kleine Nachlese zur re:publica 2012 : iliou melathron Says:

    [...] dem “Gefängnis” des Feuilletons (so ein Kommentar auf der republica) entziehen: “Raus aus dem Feuilleton, rein in die Twitter-Timeline” heisst das bei Ulrike Schmidt). Zudem lassen sich vertiefende Erzählstrukturen abbilden und [...]

  4. Christian Henner-Fehr Says:

    Bleibt die Frage: was ist zu tun, damit Kultureinrichtungen das hinbekommen? Es steht ja in jedem Buch und sämtlichen Blogposts. Außerdem bekommt man es auf Barcamps und Konferenzen zu hören. Warum klappt es trotzdem nicht?

  5. Ulrike Schmid Says:

    @Christian Wenn ich’s wüsste, müsste ich keine solchen Blogbeiträge schreiben. ;-)

    Möglicherweise sind sie einfach von der inneren Strukturen her nicht so aufgestellt und sie sehen die Notwendigkeit nicht. Wobei sich gerade bei Orchestern und Theater zeigt, wie notwendig es wäre. (Stichwort Einsparungen).
    Andrerseits glaube ich, dass Kultureinrichtungen einfach mit dem Medium Twitter nicht wirklich klar kommen. Denn im Gegensatz zu Facebook müssen sie hier “raus gehen”, sich auf die Suche nach Menschen und damit Gesprächen machen und mit ihnen reden. Bei Facebook können sie “zuhause auf ihrer Präsenz” bleiben und die Leute kommen zu ihnen.
    Aber um auf deine Frage zurückzukommen. Beharrlich bleiben und sie immer wieder eipieBlen aus England und/oder den USA zeigen.

  6. Operncamp in Heidenheim am 9. Juni 2012 : iliou melathron Says:

    [...] nicht so leicht ist, die eigenen Nutzergruppen auch digital zu beglücken oder den Kulturbetrieb vom Feuileton in die Timeline zu hiefen. Zeit also, den entsprechenden Fragen und Problemen auf den Grund zu [...]

  7. Christian Henner-Fehr Says:

    Du sprichst die inneren Strukturen an, Ulrike, da ist vermutlich sehr viel dran. Ich hatte auf der stART11 dieses Thema auch kurz angesprochen und gesagt, dass man nur mit der richtigen Unternehmenskultur das Potenzial von Social Media voll ausschöpfen könne. Das würde bedeuten, dass wir über das Thema Social Media Organisationsentwicklung betreiben. Na dann los. ;-)

  8. Echtzeit: Weniger Twitter, mehr Livestreams! | Axel Kopp Says:

    [...] Schmid hat vor einigen Tagen das Orchester der BBC gelobt und fand den Tweet „We’ve arrived at our hotel in Nuremberg after a long, hot coach [...]