Von der Idee zum Buch ¦ Vorbeifliegende Schnecke

Vorbeifliegende Schnecke

Vorbeifliegende Schnecke

Seit die Möglichkeit in mein Leben rückte, literarisch zu schreiben, habe ich mir selbstverständlich Tipps eingeholt, wie das überhaupt so vor sich geht mit den Verlagen. Mit den Verlagen, die überschüttet werden mit unverlangt eingesendeten Manuskripten von den vielen hungrigen Autoren, die gerne wahrgenommen werden möchten. Meine eigene Maxime gleich von Anbeginn war:

1.    Halt dich von Schreibforen im Internet fern.

2.    Hör auf zu jammern.

Die Sache mit den Schreibforen wird jetzt vielleicht diejenigen auf die Palme bringen, die selbst ein solches Forum ins Leben gerufen haben oder daran teilnehmen. Es gibt überhaupt nichts dagegen einzuwenden, sich gegenseitig Texte vorzustellen, sie zu besprechen und sich darüber auszutauschen, wie man z. B. ein Exposé schreibt. Außer, dass es nichts für mich ist. Denn es hält mich vom Schreiben ab.

Ich habe mich  früh gegen diesen Weg und für eine Überprüfung von professioneller Seite entschieden. Ich wollte wissen, ob das, was ich mache, etwas taugt und buchte ein Schreibseminar bei Bodo Kirchhoff. Ihm in seinem  Haus am Gardasee  in kleiner Runde als erfahrenem und bekannten Autor gegenüberzusitzen, zu hören, was er gleich am ersten Tag vom Prozess des Schreibens erzählte, setzte in mir etwas frei, das ich nur mit der Gleichzeitigkeit von Gefühl und Geschehen bezeichnen kann. Es ermöglichte mir einen Flow, der während der ganzen Seminarwoche anhielt. Ich begann, eine Geschichte zu schreiben, deren Thema ich schon lange im Kopf hatte. Als sie einige Wochen später fertig war, durfte ich sie an einen der Juroren des Ingeborg Bachmann-Preises senden.

Wann immer ich nun die Gelegenheit hatte, fragte ich Menschen, die sich auskennen. Eine alte Freundin, die seit über zehn Jahren in einem namhaften Verlag die Lesereisen organisiert, holte mich als Erste auf den Boden der Tatsachen zurück. Mein euphorisches Bild von mir, wie ich - flott als Autorin verkleidet, mit einer Manuskriptmappe unter dem Arm - über die Buchmesse jage und mich den Lektoren vorstelle, wurde, kaum farbig ausgemalt, wieder zerstört. „Mach das nicht”, war die Auskunft, „alle machen das. Es erhöht nicht die Chance, wahrgenommen zu werden. Die Verlage wissen gar nicht wohin mit den vielen Manuskripten auf ihrer kleinen Standlagerfläche.” Auch ein freiberuflicher Lektor warnte mich, meine Hoffnungen nicht zu hoch anzusiedeln; die Chance, von einem guten Verlag genommen zu werden, schnurre mit der gleichen Geschwindigkeit zu einem Promillebereich zusammen, mit der die Manuskriptstapel neben den Lektorentischen die Höhe der Schreibplatte erreichten. Wenn das mit Klagenfurt allerdings was würde, bekäme ich bereits Angebote vor Ort.

Zu dieser Zeit, Anfang 2010, hatte ich aus Klagenfurt noch nichts gehört und fing mit „Was verborgen bleibt” an. Die Idee dazu entstand aus einer einzigen Szene. Ich wollte beschreiben, was in einer „häuslichen Lieblosigkeit” vor sich geht, einem Moment in einer Beziehung, in der zwei Menschen miteinander schlafen weil es wieder mal an der Zeit ist, oder weil einer dem anderen einen Gefallen tun möchte, oder vielleicht sogar, weil einer vom anderen, nennen wir es: überrumpelt wird. Es ging mir um die emotionale Gratwanderung bei etwas, das man als Dehnung des Wohlwollens, vielleicht aber auch schon als Grenzüberschreitung bezeichnen kann.

„Showing, not telling”, heißt es im englischen - das, was vor sich geht, in einen für den Leser nachempfindbaren Raum einzubetten und nicht beschreibend wiederzugeben. Schreiben hat daher für mich auch etwas mit einer Art inneren Schauspiels zu tun, ohne jedoch gänzlich im Spiel aufzugehen. Dazu gehört auch, manches wieder und wieder und schließlich ganz neu zu schreiben und anderes - weil es in die Irre führt - zu streichen, auch wenn es in sich ganz gelungen ist.

Dies ist auch der Moment, an dem ich zu Punkt zwei auf meiner Liste komme: nicht jammern. Denn oft genug ist das Schreiben auch wie eine Bergbesteigung. Du musst doch mal raus unter Leute, sagten mir Freunde oft. Stimmt nicht, antwortete ich. Ich brauche die Konzentration, nicht die Zerstreuung. Außerdem erlebe ich beim Schreiben viel mehr als an einem Abend „da draußen”.

Im März 2010 fragte ich in Klagenfurt nach (etwas, das ich heute nicht mehr machen würde, denn ich weiß, dass aus vielerlei sehr verständlichen Gründen die Chance auf eine Antwort äußerst gering ist). Er würde normalerweise nicht antworten, antwortete mir dann auch mein Juror, er könne es auch gar nicht bei den über hundert Texten, die er zu lesen hätte. Aber meine Geschichte gehöre zu den fünf besten, die ihm vorliegen. Er habe sich jedoch für zwei andere entschieden. War ich enttäuscht? Ein wenig. Natürlich. Doch allein die Tatsache, überhaupt schon so weit gekommen zu sein, hob mich aus dem Stand in den Himmel meiner Welt.

Ich schrieb weiter an meinem Manuskript zu „Was verborgen bleibt”. Ausgehend von der Ursprungsszene erweiterte ich den Raum; ich wollte herausarbeiten, was in einer Beziehung vor sich geht, wenn sich die Dinge verkantet haben. Wenn sich in den Zustand zwischen gestern und morgen die Zweifel einschleichen und die Frage danach, ob man Bildern nachhängt, die längst undeutlich geworden sind. Bodo Kirchhoff blieb zum Glück weiterhin an meiner Arbeit interessiert und im Herbst 2011 empfahl er mein fertiges Manuskript Joachim Unseld. Mehr als vier Monate lang hörte nichts (und fragte auch nicht nach) - bis ich dann Mitte März einen Brief von ihm bekam. Die Treppe hoch sprinten, meine Tasche in die Ecke werfen und den Umschlag öffnen war eins. Immer noch im Mantel rief ich sofort meine beste Freundin an und las ihr den sehr herzlichen Brief vor. Sie saß gerade in der S-Bahn und hat zur Erinnerung an diesen wichtigen Moment ein Foto aus dem Fenster gemacht. Vorbeifliegende Strecke.

Vor einigen Tagen habe ich ihr dieses Foto wieder geschickt. Vorbeifliegende Schnecke habe sie gelesen, mailte sie mir zurück. Und so komme ich mir im Moment tatsächlich vor in meinem nervösen Warten auf die ersten Rezensionen (Wer wird etwas schreiben? Wie wird es ausfallen?) und in meiner Aufregung vor der Buchmesse. Wie eine vorbeifliegende Schnecke.

Von Britta Boerdner

Teil 1 Wieder eine von diesen durchgeknallten Autorinnen

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One Response to “Von der Idee zum Buch ¦ Vorbeifliegende Schnecke”

  1. Kultur 2.0 » Von der Idee zum Buch ¦ Fact meets Fiction Says:

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