Konzert-Couch: Ein Resümee und was Konzertveranstalter daraus lernen können

Ab auf die Konzert-Couch

Ab auf die Konzert-Couch

Im April dieses Jahres rief ich als „Orchestrasfan” die Konzert-Couch ins Leben. Ziel und Zweck dieser Aktion ist es, möglichst viele Menschen für klassische Musik zu begeistern. Ob die Leute nun noch nie in einem klassischen Konzert waren oder diese Form des Konzertbesuchs einfach nur aus den Augen verloren haben, spielt dabei keine Rolle. Im Vorfeld muss jeder Konzert-Couch-Gast einen Fragenbogen ausfüllen und im Anschluss einen Konzertbericht schreiben. Nichts ist spannender, als zu erfahren wie jemand, der bisher kaum mit klassischer Musik in Berührung gekommen ist, ein Sinfoniekonzert erlebt.

Konzertveranstalter können daraus einiges lernen, beispielsweise weshalb meine Gäste freiwillig kein klassisches Konzert besuchen würden.

Sechs Mal habe ich eine Konzert-Couch organisiert, sechs Gäste, deren Blogs die Themen Technik, Auto, Fußball, Varia, Social Media und Museum behandeln, haben sich auf das Experiment eingelassen:

Robert Basic, der vor dem Konzert vom Dirigenten informiert werden will, was ihn erwartet und worauf er genauer achten soll.

Paula Landes, die Mahlers 8. gerne mal durcheinander gewirbelt und die Reihenfolge der beiden Teile umgekehrt hätte.

Björn Habegger, SWR3-Hörer, dem man noch Geld geben muss, damit er ein klassisches Konzert besucht.

Trainer Baade, der den [klassischen] Werken deutlich mehr musikalische Tiefe zugesteht als einem 3:30-Popsong und sie für ihn deshalb viel spannender anzuhören sind.

Tanja Morschhäuser, die sich „Anfänger-freundlichere” Konzertbeschreibungen wünscht.

Das Städel Museum, dem Konzerte und künstlerische Arbeiten mit Musik und Musikern im eigenen Haus willkommen sind.

Was haben die Konzertveranstalter von einer Konzert-Couch?

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Konzert-Couch im Rahmen der Saisoneröffnung des Konzerthauses Dortmund | Foto: Pascal Rest

Sie können einiges aus den Konzert-Couch-Steckbriefen erfahren, wenn sie neues Publikum gewinnen wollen. Die Überalterung des klassischen Konzertpublikums ist ein gängiges Lamento in der Klassikszene. Um dem entgegenzuwirken werden Babykonzerte, Jugendkonzerte, Schulbesuche etc. initiiert. Völlig unberücksichtigt bleibt jedoch bei Musikvermittlungsprojekten die Altersgruppe zwischen 30 und 50. Wer als junger Erwachsener bisher niemals mit klassischer Musik in Berührung kam, der sei für diesen Bereich verloren, so ein häufiges Argument.

Stimmt nicht, kann ich dazu nur sagen - nicht zuletzt aus eigener Erfahrung. Es ist vielmehr so, dass sich die Leute allein gelassen fühlen, sie anders abgeholt werden möchten. Die Rede ist von fehlender Begleitung, Verhaltenskodizes sowie Hemmungen aufgrund mangelnden Vorwissens, das man angeblich haben muss, um ein klassisches Konzert zu besuchen. Dies spiegeln auch die Konzert-Couch-Steckbriefe wider. Danach haftet klassischen Konzerten immer noch etwas „Steifes” an. Wer schon einmal an der falschen Stelle geklatscht hat, weiß wovon ich rede und kennt die vernichtenden Blicke der „geübten” Konzertbesucher.

Gut, manche Konzertveranstalter bieten Einführungsveranstaltungen an, in Frankfurt etwa das hr-Sinfonieorchester, die Frankfurter Museumsgesellschaft und auch die Oper Frankfurt. Doch reicht das aus? Für einen „Konzertneuling” sind selbst diese Einführungen vielfach „zu hoch”, weil bereits hier Grundkenntnisse vorausgesetzt werden. Es muss ein Angebot geschaffen werden, wo sich beide Gruppierungen wohl fühlen: Frischlinge bekommen Appetit und geübte Konzertgänger lernen noch etwas hinzu.

Es gibt viele Ideen und Anregungen, es wäre ein Leichtes, Abhilfe zu schaffen. In den USA etwa passen Konzertveranstalter gerne das „Drum und Dran” dem jeweiligen Publikum an: Das Licht im Foyer, die Kleidung der Musiker sowie die Pausengetränke.

Was ziehe ich an?

Was die Verhaltenskodizes angeht, hilft nur Aufklärungsarbeit: Es gibt gewisse Regeln - die gibt es aber auch im Fußballstadion - und so ein Konzertbesuch ist eigentlich eine ganz entspannte Angelegenheit.

Was ziehe ich an? Eine gern gestellte Frage und zahlreiche Suchanfragen in der Art führen aufs Orchestrasfan-Blog. Dabei gibt es heute nur noch selten eine Kleiderordnung. Es sei denn man geht zu einem Konzert anlässlich des 10-jährigen Jubiläums der Wiedereröffnung des „Gran Teatro La Fenice”, wo dann „black tie” erwartet wird. Oder man besucht „La Scala”, wo generell Kleidung, die zum Stil des Hauses passt, erwünscht ist. Auf den Websites deutscher Opern- und Konzerthäuser habe ich solche Vorgaben allerdings noch nicht gelesen.

Liebe Konzertveranstalter, wenn Sie neues Publikum gewinnen wollen, das schon jetzt Eintrittskarten kauft und nicht erst in 15 Jahren, verfolgen Sie die Konzert-Couch-Aktion und lassen Sie sich von den Steckbriefen und Konzertberichten inspirieren. (hier die Übersicht der Steckbriefe und Berichte)

Auf dem Blog Orchestrasfan hab ich meine Erlebnisse aus „Fan-Sicht” beschrieben.

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One Response to “Konzert-Couch: Ein Resümee und was Konzertveranstalter daraus lernen können”

  1. Konzert-Couch – Ein Resümee | Orchestrasfan Says:

    [...] Auf meinem Blog Kultur 2.0 habe ich noch einen Beitrag, der sich in erster Linie an Konzertveranstalter richten, [...]