Archive for the ‘Ausstellungstipp’ Category

Kulturtipp ¦ Rodney Graham. Through the Forest

Freitag, Juni 18th, 2010
Studiokulisse von Allegory of Folly. Study for an Equestrian Monument in the Form of a Wind Vane, 2005 Courtesy the artist Photo: Scott Livingstone

Studiokulisse von Allegory of Folly. Photo: Scott Livingstone

Die Ausstellung des kanadischen Künstlers Rodney Graham “Through the Forest” im Kunstmuseum Basel gibt Einblick in die Entwicklung seines umfassenden Werkkomplexes. Die Wurzeln von Grahams Arbeitsweise, die beeinflusst ist von der Konzeptkunst der 1970er Jahre, und seine Art des Denkens begründen sich in der Adaption von literarischen Modellen.

Seine erste große fotografische Arbeit, 75 Polaroids, schuf Graham 1976. Die Serie von Schnappschüssen wurde nachts während eines Spaziergangs in den Wäldern rund um Vancouver aufgenommen und in der Pender Gallery in Vancouver ausgestellt; dies war zugleich Grahams erste Einzelausstellung und markiert den Beginn seiner Kariere als Künstler. 75 Polaroids enthält Elemente, die essentiell für seine späteren Arbeiten sind, in denen sich seine Faszination für fotografische Prozesse zeigen, die Objekte reiner Repräsentation in autonome Bilder übertragen, genauso wie die Idee, verschiedene Orte nachts mit einem Blitzlicht zu erleuchten. Im Anschluss an diese Arbeit experimentierte Graham mit einer Camera Obscura, die er selbst anfertigte und dazu benutzte, archäologische Fundorte während seines Aufenthaltes in der American Academy in Rome zu fotografieren. Diese Reihe von Arbeiten kulminierte in der Serie Rome Ruins (1978). 1984 wurde die bahnbrechende Außeninstallation mit dem Titel Two Generators in Vancouver ausgestellt.

Ein wesentlicher Teil der Ausstellung ist den frühen Arbeiten gewidmet und der Entwicklung seines Werkes. Aus diesem Grund wurde Yves Gevaert - ein belgischer Verleger, mit dem Rodney Graham viele seiner frühen Bücher publizierte - dazu eingeladen, erstmalig Einsicht in seine umfassende Materialsammlung an Büchern, Schriften, Fotografien und Entwurfzeichnungen zu geben, die es dem Besucher erlauben, Verbindungen zu Grahams Arbeitsmethode herzustellen. Eine Ansammlung von weiteren Materialien wurde außerdem hinzugenommen, die wesentlich zum Verständnis von Rodney Grahams Denkweise beitragen. Die Buchbindungen- und einbände, die Graham selber entwarf, sind beispielsweise Vorläufer der Judd-artigen Objekte.

Ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind seine späteren Filmen, die - auf formaler Ebene - die Tradition von konzeptuellen Textarbeiten und Phänomenen optischer Erscheinungen des Lichts in Hinsicht auf Thema und Motiv weiterführen.

Ein weiterer Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit der Rolle des Künstlers. In der Videoarbeit Lobbing Potatoes at a Gong, 1969 (2006) stellt Graham eine Szene nach, die auf eine Anekdote eines Pink-Floyd-Konzerts zurück geht, bei dem ein Musiker Kartoffeln auf einen Gong warf. Ein Destilliergerät, mit dem Graham aus den Kartoffeln, die den Gong getroffen haben, Wodka machen ließ und der Wodka selbst sind Teil der Installation. Rodney Graham interessiert sich für diese Art von „Übersetzungsprozessen”: Dinge, die der Literatur entstammen, werden zu physischen Objekten, sobald sie in ein neues Medium übertragen werden.

Schließlich präsentiert sich Rodney Graham als ein Maler, der sich, im Gegensatz zu The Gifted Amateur, der Stilrichtung der sogenannten École de Paris zuwendet, um abstrakte Gemälde im Stil dieser Periode zu produzieren. Die Ausstellung Through the Forest zeigt einen langen Weg auf, der bei der Adaption von literarischen Modellen und der Aneignung von entscheidenden Momenten der Kunstgeschichte beginnt, über beeindruckende Filmarbeiten führt und letztendlich beim klassischsten aller Medien endet, der Malerei.

Die Ausstellung wurde organisiert vom Museu d’Art Contemporani de Barcelona in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Basel, dem Museum für Gegenwartskunst und der Hamburger Kunsthalle und ist noch bis 26. September 2010 zu sehen.

Ausstellungstipp ¦ Spickzettel. Bloß nicht erwischen lassen!

Freitag, Juni 11th, 2010

Wer erinnert sich nicht an den wohl berühmtesten Spickzettel - den Zettel den Jens Lehmann bei der WM 2006 im Spiel gegen Argentinien aus dem Stutzen zog? Dieser und weitere 1.000 weniger prominente Mathe-Spicker, 12. Klasse Gymnasium, 2009 ©Schulgeschichtliche Sammlung Nürnberg Spickzettel aus 100 Jahren Schulgeschichte in allen Farben und Formen werden derzeit im Museum für Kommunikation Frankfurt in einer Wechselausstellung „Spickzettel. Bloß nicht erwischen lassen” präsentiert.

Lange geisterte die Frage durch die Medien, was denn nun wirklich auf Jens Lehmanns Zettel stand. Die Besucher des Museums für Kommunikation Frankfurt können sich nun selbst davon überzeugen, was sich der Nationalkeeper zu den gegnerischen Elfmeter-Schützen notierte. Neben den klassischen Spickzetteln aus Papier können in der Ausstellung aber auch umgebaute Armbanduhren, präparierte Schokolade, Hightech-Brillen und andere kuriose Basteleien bestaunt werden. Darüber hinaus warten spannende interaktive Stationen zum Mitmachen und Raten auf die Besucherinnen und Besucher.

Die in der Ausstellung gezeigten Spicker zeugen von Kreativität und handwerklichem Geschick - Fähigkeiten, die sich die Lehrer oftmals für den Unterricht wünschten - allerdings ohne Mogeleien. Schließlich ist effektives Lernen dem Herstellungsprozess eines Spickzettels ähnlich: Der Unterrichtsstoff muss komprimiert und zusammengefasst werden. Um mit den Stichworten etwas anfangen zu können, müssen auch die Inhalte dazu „sitzen”.

Im Mittelpunkt der Ausstellung, die vom Schulmuseum Nürnberg entwickelt und in Kooperation mit dem Museum für Kommunikation umgesetzt wurde, stehen die Funktion und Bedeutung des Spickzettels im Kosmos Schule. Eröffnet werden ungewohnte Einblicke in die Welt des Lernens: die Effekte des Spickens für die Leistungsmessung und die Lernstrategien von Schülerinnen und Schülern. Gezeigt werden auch historische Entwicklungslinien, der Spickzettel als internationales Phänomen, persönliche Erfahrungen und Geschichten von Schülerinnen und Schülern von 1900 bis heute sowie wissenschaftliche Erkenntnisse zu Motiven, Methoden und zur Verbreitung des Spickens. Die Ausstellung bietet somit einen faszinierenden, aber auch ernsten Blick auf die Vielschichtigkeit und Spannbreite des Themas Spicken.

Die Ausstellung ist noch bis 5. September 2010 zu sehen.

Kulturtipp ¦ Ernst Ludwig Kirchner. Die Retrospektive

Freitag, Juni 4th, 2010

Das Städel Museum in Frankfurt würdigt derzeit in einer, über 180 Werke umfassenden, Retrospektive das Gesamtwerk des Malers, Grafikers und Bildhauers Ernst Ludwig Kirchner. Bereits zu Lebzeiten hat Kirchner bereits im Städel ausgestellt und schrieb anno 1925 anlässlich einer Ausstellungsbeteiligung „Ich staune über die Kraft meiner Bilder im Städel”.

Ausstellungsansicht, Ernst. Ludwig Kirchner. Die RetrospektiveDie Ausstellung wird im Rahmen von „Phänomen Expressionismus”, einem Kooperationsprojekt des Kulturfonds FrankfurtRheinMain, präsentiert und von diesem als Hauptförderer ermöglicht.

Kirchners Beziehungen zu Frankfurt waren eng. In der Frankfurter Galerie Schames fand 1916 nicht nur eine der ersten Kirchner-Ausstellungen überhaupt statt, das Städel war auch eines der ersten Museen, das bereits 1919 Gemälde von Kirchner erwarb. Aufbauend auf der hauseigenen Kirchner-Sammlung, die mit zahlreichen Hauptwerken zu den bedeutendsten weltweit zählt, präsentiert die Ausstellung anhand hochkarätiger internationaler Leihgaben Werke aus allen Schaffensphasen des Künstlers.

Neben Meisterwerken aus der Brücke-Zeit mit ihren Aktdarstellungen, den Arbeiten aus den Berliner Jahren mit den berühmten Straßenszenen, den vom Ersten Weltkrieg geprägten Gemälden, in denen sich Kirchners Existenzängste spiegeln, sowie den Davoser Arbeiten mit Sujets der Schweizer Bergwelt wird auch das weniger bekannte Früh- und Spätwerk des Künstlers vorgestellt.

Die kontrovers diskutierten Arbeiten der Spätzeit im „neuen Stil”, die durch kompromisslose Flächigkeit und einen hohen Abstraktionsgrad überraschen, sind in Frankfurt erstmals in vollem Umfang gemeinsam mit seinen Hauptwerken zu sehen. Die Retrospektive im Städel Museum ermöglicht einen neuen Blick auf die verblüffende Modernität Kirchners, dessen exzessives Leben in seiner Kunst auf unvergleichliche Weise seinen Niederschlag fand.

Noch bis 25. Juli 2010 im Ausstellungshaus des Städel Museums.

Kulturtipp ¦ Neo Rauch „Begleiter“

Freitag, Mai 21st, 2010
Raumansicht, Neo-Rauch-Ausstellung, Pinakothek der Moderne

Raumansicht, Pinakothek der Moderne

Einem der international bedeutendsten und am meisten diskutiertesten deutschen Maler seiner Generation widmen derzeit zwei Museen zeitgleich  eine Ausstellung. Die Rede ist von Neo Rauch.

Jeweils 60 Gemälde sind in Museum der bildenden Kunst in Leipzig sowie in der Pinakothek der Moderne in München zu sehen. In enger Zusammenarbeit mit Neo Rauch ausgewählt, stammen die Arbeiten aus allen Schaffensphasen seiner Entwicklung, die vor rund 20 Jahren begonnen hat.

Die Münchner Ausstellung verzichtet bewusst auf eine streng chronologische Anordnung der Werke. Vielmehr gliedert sie sich nach ‚klimatischen’ Aspekten, die charakteristische, oft wiederkehrende Themen und Motive umso klarer hervortreten lassen. Viele der überwiegend großformatigen Gemälde waren noch nie vorher in Europa zu sehen. Ein Großteil stammt aus Privatsammlungen und wird überhaupt erstmals öffentlich gezeigt. Neo Rauchs Malerei verhandelt gesellschaftliche Themen und die psychische Verfasstheit unserer gegenwärtigen Kultur, die sich in unterschiedlichsten Medien artikuliert und mehr denn je durch diese definiert. Rauchs Werk reflektiert das beginnende 21. Jahrhundert als ein Zeitalter der Aufklärung und der Verunklärung gleichermaßen, als eine Epoche des globalen Zeigens und Verbergens, der gezielten Desinformation und öffentlicher Lügen. Dabei vermischen sich alte und neue Bilder, werden Mythen neu und umgeschrieben, alternative Identitäten erfunden, Images manipuliert und entlarvt, gefeiert und verdammt. Eindrucksvoll spiegelt das Werk von Neo Rauch die spezifische Stimmungslage unserer Gegenwart wider. Seine Bilder sind von hoher Dramatik und tiefer Einsamkeit, von Surrealität und Geheimnis geprägt. Die unverwechselbare Malerei knüpft an die große kunsthistorische Tradition an - etwa an Tizian, Tintoretto oder El Greco. Gleich nebenan in der Alten Pinakothek sind bedeutende Beispiele dieser Künstler vertreten.

Als weitere, moderne Bezugspunkte benennt der Künstler Beckmann, Bacon, Beuys und Baselitz - ebenfalls in unmittelbarer Nachbarschaft (im ersten Obergeschoß) vertreten. Stilistische Merkmale des Werks - grafische Elemente, das Schablonenhafte, manchmal Bilderbogenartige - verdichten sich zur inhaltlichen Aussage. In der collageartigen Zusammenführung bestimmter Einzelmotive entsteht ein sperriger Zusammenhang, in dem Räume und Gegenstände, Kostüme, Haltungen und Rituale der wie ausgeschnitten wirkenden Akteure ihre eigene Sinnentleertheit preisgeben.

Auf diese Weise verweigern sich Rauchs Bilder jedem erzählerischen Illusionismus und verweisen auf ihren grundsätzlichen, modellhaften Charakter. Die Welt erscheint als Theater und ²Vorführung”, wie eines der zentralen Gemälde aus dem Jahr 2006 betitelt ist. Vordergründig einer vergangenen Zeit verbunden, bei genauerer Betrachtung jedoch über den Zeiten stehend, lässt sich in Neo Rauchs Malerei eine Gesellschaftskritik erkennen, die aus dem Abstand des vermeintlich Historischen heraus um so kraftvoller argumentiert.

In ihrer fremdartigen Ausstrahlung, mit scheinbar verbrauchten Stoffen und unbenutzbarem Vokabular ermöglichen die Bilder die aktive Auseinandersetzung mit starr gewordenen Denk- und Handlungsformen. Sie fordern die kritische Befragung von ideologisch besetzten Bildformeln heraus und plädieren für eine ästhetische Vorurteilsfreiheit.

Noch bis 15. August in der Pinakothek der Moderne in München sowie im Museum für bildende Kunst in Leipzig zu sehen.