Archive for the ‘Kultur-PR’ Category

Go out and ask. Das war das zweite Forum Kulturvermittlung

Freitag, Dezember 2nd, 2011

© Ioannis Kounadeas, Fotolia Die schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia organisiert vier Foren zur Kulturvermittlung, die sich primär an Entscheidungsträger aus der Kultur- und Bildungspolitik richten.

„Auch in der Schweiz erhält die Kulturvermittlung ein zunehmendes Gewicht: sei es im kulturellen Schaffen, in der Kulturförderung oder in der Bildung. So groß das Interesse für Kulturvermittlung ist, so zahlreich sind die Fragen, die sich rund um sie stellen: Welcher politische Auftrag steht dahinter? Welche Leute soll sie erreichen? Und wer ist eigentlich für die Finanzierung zuständig? Ist es ein bildungs- oder ein kulturpolitisches Thema?”

heißt es in der Projektbeschreibung.

Im ersten Forum wurde der Frage nachgegangen „Die Kulturvermittlung. Ein Bedürfnis? Für wen? Wozu?” Vergangenen Freitag fand das zweite Forum statt, unterstützt von der Abteilung Kulturelles der Präsidialdirektion der Stadt Bern, in dem der Aspekt „Kulturvermittlung: Marketingmaßnahmen oder Veränderungsimpuls” diskutiert wurde. In drei Referaten wurde das Thema aus drei verschiedenen (Länder-)Blickwinkeln beleuchtet.

Worum ging es?

Ruud Breteler (Projektmanager der Abteilung für Kunst und Kultur der Stadt Rotterdam) hat zwei Kulturvermittlungsprojekte aus Rotterdam vorgestellt. Im ersten Projekt ging es darum für das Theater Zuidplein einen Spielort zu programmieren, der einen Zuschauerkreise mit über 170 verschiedenen kulturellen Hintergründen bedienen und anziehen sollte. Realisiert wurde es dadurch dass ein Programmausschuss zusammenstellt wurde, der die Zusammensetzung der Bevölkerung so getreu wie möglich widerspiegelt. Und nachdem der Ausschuss einmal steht, war es an ihm, selbständige Entscheide über die Programmgestaltung unabhängig vom künstlerischen Leiter zu treffen. Klar, dass Ruud Breteler sich anfangs die Frage gefallen lassen musste, ob er denn verrückt geworden sei, die Macht und das Kuratieren leichtfertig aus den Händen zu geben. Doch der Erfolg hat ihm recht gegeben - es war äußerst erfolgreich. Und zehn Jahre später, also 2008, beschloss der Stadtrat von Rotterdam, sich u. a. auf die soziale Entwicklung - Kunst und Kultur eingeschlossen -zu konzentrieren. Kunst und Kultur wurden verwendet, um das Leben in den Nachbarschaften zu verändern. Im Klartext hieß das Bewohner, Künstler, wichtige kulturelle Einrichtungen, die örtlichen Bibliothek, das lokale Kulturzentrum, der Kulturscout, Sozialarbeiter, Lehrer sowie Unternehmen wurden einbezogen, um soziale Fragen anzupacken, gemeinsame Sache zu machen und Kultur als Werkzeug zu nutzen. Frei nach dem Motto „go out and ask”

Andrew Burke (Leiter der London Sinfonietta) stellte in seinem Referat die Vermittlung von klassischer Musik vor, die in Großbritannien einen hohen Stellenwert und tiefgreifende Diskussionen um den Eigenwert und den instrumentellen Nutzen der Kultur in Gang gesetzt hat. In der Praxis heißt das, dass Musikvermittlung auf Konzerterlebnissen und kreativen Projekten mit aktiver Teilnahme von Amateurmusikern aller Altersklassen und völligen Anfängern beruht. Die Teilnehmenden werden von Komponisten und Workshopleitern angeleitet, ihre eigene Musik, oft ohne jegliche Noten, zu kreieren und diese zusammen mit Berufsmusikern aufzuführen. Die Motivation für diese Bewegung liegt darin begründet den Menschen Kenntnisse des Repertoires zu vermitteln, sie für Musik zu begeistern, sie mit dem Akt des Musizierens vertraut zu machen und sie im Sinne eines besseren Lebens zu beeinflussen. Da dieses Zeil erreicht wurde ist es irrelevant, dass die Besucherzahlen bei Konzerten durch die Kulturvermittlung nicht nennenswert verändert wurden.

Im Lauf der Jahre wurde die Umsetzung der Musikvermittlung vereinheitlicht. Mittlerweile ist das nächste Stadium der Arbeit erreicht: Die Menschen im Publikum werden zu Mitspielern im künstlerischen Hauptprogramm und Computertechnologie und soziale Netzwerke bewirken einen Wandel in der Beziehung zwischen Publikum und kulturellen Organisationen.

In meinem Referat ging es dann darum aufzuzeigen, inwieweit Public Relations mehr Zugang zur Kultur bringen.

Hier meine Folien dazu.

Was mir besonders gut gefiehl war einerseits, dass die Veranstaltung eingerahmt wurde von einführenden und resümierenden Worten des Kulturjournalisten Wolfgang Böhler, Chefredakteur des Online-Musikmagazins Codex Flores und dass fünf Teilnehmer resümierende Statements abgaben. Zum anderen gefiehl mir das intensive Diskutieren, das nur möglich war, weil die Teilnehmer in drei Gruppen aufgeteilt wurden. Jedem Referenten wurde eine Moderatorin zur Seite gestellt und so „zog” ich gemeinsam mit ihr von Gruppe zu Gruppe, um im kleinen Kreis über meine Thesen und den Vortrag zu diskutieren. Sehr gut gefallen hat mir auch, dass sich unter den Teilnehmern eine Diskussion entfachte und nicht nur ich Rede und Antwort stehen musste.

In meinen drei Runden ging es viel um das Thema Social Media für Kultureinrichtungen und das obwohl ich Social Media gar nicht so sehr in den Vordergrund gestellt hatte, sondern es als integralen Bestandteil der Public Relations betrachtet hatte. Auch gab es konkrete Nachfragen zu den vorgestellten Beispielen, was sie gebracht haben und wie die konkrete Umsetzung aussah. „Mein Kunstabenteuer” und der „KAtalk” waren dabei besonders beliebt. Das hat mich natürlich besonders gefreut, nicht nur weil ich sie entwickelt und realisiert hatte, sondern weil es auch „Low-Budget-Maßnahmen” waren, die dennoch wirksam waren. Meine Thesen zu Public Relations, die ich in diesem Blogbeitrag dargelegt hatte, stießen nicht bei allen auf Zustimmung. V. a. die These, dass Kultureinrichtungen mehr auf Corporate-PR setzen sollen, wurde so nicht geteilt. Einige sahen Produkt-PR als ausreichend an und die Medienarbeit als wichtigsten Aspekt der Public Relations.

Durch die Aufteilung in Gruppen, hab ich nicht mitbekommen, was mit den anderen Referenten besprochen wurde, aber dafür habe ich ja Birgit Schmidt-Hurtienne von den Kulturwirtschaftswegen mitgenommen, die die Diskussionen mit allen drei Referenten mitbekommen hat. ;-) Ich denke bei ihr wird es auch noch etwas zum Forum zu lesen geben.

Ich habe selten eine so gut vorbereitete und organisierte Tagung erlebt, auch - oder vor allem - was die Absprachen und das Briefing im Vorfeld anging. Ganz große klasse und sehr zuvorkommend. Es war ein sehr inspirierender Tag in der Dampfzentrale Bern. Danke für die Einladung. Eine Dokumentation der einzelnen Foren gibt es hier.

Nachtrag:  Birgit Schmidt-Hurtienne (Kulturwirtschaftswege) hat einen lesenswerten Bericht, der den Titel “Forum Kulturvermittlung Bern: Wie kann der Zugang zur Kultur für alle gefördert werden?” trägt, geschrieben.

Public Relations sind nicht Medienarbeit

Dienstag, November 29th, 2011

Public Relations

PR Daily hat auf seiner Facebook-Seite kürzlich die Frage gestellt

„ If you could change one thing about being a PR pro, what would it be?”

PR Daily

Eine Antwort, die häufig genannt wurde war „Having to explain what I do for living over and over again” Auch ich kenne diese Frage bzw. das Erklären müssen zur Genüge und zwar nicht nur im Familien- und Bekanntenkreis, sondern auch von Kultureinrichtungen.

Ich hatte mich im Rahmen meines Vortrags zu „Kultur PR und Social Web” beim KMtreff ja schon mal den Begriff erklärt. Damals ging es um die Einbindung von Social Media in die PR-Arbeit. Heute soll’s etwas konkreter werden.

Public Relations sind - verkürzt gesagt - die Gewinnung öffentlichen Vertrauens, also das bewusste und legitime Bemühen um Verständnis sowie der Aufbau und die Pflege von Vertrauen in der Öffentlichkeit. Durch eine transparente Informationskultur nach innen und außen bauen PR-Leute Verständnis auf, das in Vertrauen resultiert und letztendlich aus Interessierten Fürsprecher macht. Konkret heißt das, dass jede Organisation - egal ob Unternehmen oder Kultureinrichtung - Menschen benötigt, um ihre Ziele zu erreichen. Zu diesen Menschen zählen die Mitarbeiter (interne Kommunikation) genauso wie die verschiedenen Teilöffentlichkeiten (externe Kommunikation) wie etwa potentielle Besucher, Journalisten, Dienstleister, Geschäftspartner, Sponsoren etc. Ich nenne diese Menschen Dialoggruppen, da Kultureinrichtungen durch die Social Media nicht nur Beziehungen eingehen, sondern weil im Social Web jeder zum Kommunikator wird. Mehr noch als in der herkömmlichen klassischen PR, sind diese Menschen mehr als Empfänger, sie sind Teil des Ganzen, reden (auch ungefragt) mit und rezipieren Partizipierend. All diesen Personen (intern und extern) muss ein klares Vorstellungsbild der Kultureinrichtung vermittelt werden: Wofür steht die Kultureinrichtung? Was macht sie so einmalig, dass sich andere angezogen fühlen? Mehr noch als früher hat PR hat vor diesem Hintergrund die Aufgabe, intern mit und für die Mitarbeiter ein klares Bild von der Organisation und ihrer Einzigartigkeit zu entwerfen. Nutzen die Mitarbeiter Social Media, werden sie auch von ihrer Einrichtung berichten - berufliches und privates verschwimmen zunehmend. Umso wichtiger ist es, dass die Mitarbeiter zufrieden sind und von der Einzigartigkeit ihrer Kultureinrichtung überzeugt sind und entsprechend kommunizieren. Haben die Mitarbeiter eine klare Vorstellung von der Einzigartigkeit ist es ein Leichtes auch die potentielle Besucher, Geschäftspartner, Sponsoren, ein klares Bild zu vermitteln.

Im Unterschied zur Werbung sind Public Relations auf Dauer angelegt und dienen der Reputation. Vom Marketing unterscheiden sie sich dahingehend, dass Marketing die Funktion hat, so Bernhard Heidel,

„die absatzpolitischen Instrumente eines Unternehmens unter Berücksichtigung des Konsumentenverhaltens zu gestalten”.

In meinem Berufsalltag mache ich oft die Erfahrung, dass Public Relations mit Medienarbeit gleichgesetzt wird. Dass diese Annahme viel zu kurz greift ist, zeigte schon der eingangs erwähnte Hinweis auf die Dialogpartner. Um das öffentlich Vertrauen zu gewinnen sind Newsletter, Flyer, Mitarbeiterzeitschriften, Events, Intranet und Internet, das Social Web sowie die Organisation und/oder Teilnahme an Symposien, um nur einige Beispiele zu nennen, geeignet. Kommuniziert werden hierdurch einerseits Informationen über ganz konkrete Leistungen einer Kultureinrichtung (z. B.  Ausstellungseröffnung, neues Theaterstück) und andrerseits  über den Kulturbetrieb allgemein (Vortragsreihen “Was ist Gegenwart” oder auch zu gesellschaftlichen Themen “Museum Public”).

Häufig wird der Fokus in den Public Relations zu sehr nur auf Kommunikation über die Leistungen gelegt. Ich unterscheide in meinem täglichen PR-Alltag zwischen „Produkt-PR” also die Kommunikation über neue Ausstellungen, Konzerttermine, Lesungen etc., die eher marketingorientiert ist, da sie auf den Verkauf von Tickets abzielen und punktuell (wenn auch kontinuierlich) auftreten. Parallel dazu stehen die Corporate-PR, die kontinuierlich mit übergreifenden, allgemeinen Informationen, Reputationsbildend wirken.

Meine These 1 lautet: Nur wer kontinuierlich Corporate-PR macht, wird längerfristig und nachhaltig auch Erfolg in der Produkt-PR haben, offline oder online. Für Kultureinrichtungen, auch für kleiner und mittlere, ist das Social Web auch aus Public-Relations-Sicht und hier insbesondere für Corporate-PR aus mehreren Gründen interessant. Nicht jede kleine Kultureinrichtung hat die Chance, in den klassischen Medien präsent zu sein sowie Flyer und Newsletter zu gestalten und Vortragsreihen oder Tage der offenen Tür zu organisieren. In dieser Hinsicht bieten Social Media eine Möglichkeit die Dialogpartner kontinuierlich auch mit dem „Blick hinter die Kulissen” an ihrer Arbeit teilhaben zu lassen und ihre Reputation zu schärfen.

Viele Kultureinrichtungen betreiben im Social Web allerdings nur Produkt-PR und wundern sich dann, dass ihr Social-Media-Engagement nur bedingt erfolgreich ist. These 2: Würden sie mehr Corporate-PR zulassen und sich auf Diskussionen einlassen, wären sie sicherlich auch begehrter. Zum einen bieten virtuelle Räume den Kultureinrichtungen die Möglichkeit, sich und ihre Kunst in einem neuen Umfeld zu präsentieren und erlebbar zu machen. Zum anderen führt der Mitmachgedanke, der Dialog, dazu, dass ein Meinungs- und Erfahrungsaustausch stattfindet - Kulturvermittlung  - und sich Aussagen über die Kultureinrichtungen viral verbreiten und die Reputation steigern.

(Der Beitrag war Teil meines Vortrags “Schafft PR mehr Zugang zur Kultur?” im Rahmen des Forum Kulturvermittlung der Pro Helvetia Stiftung)

Wissen sollte frei zugänglich sein ¦ Interview mit Dr. Susanne Gaensheimer, Direktorin des MMK Frankfurt

Freitag, November 4th, 2011

Deutscher Pavillon der Kunstbiennale in Venedig und 20 Jahre Museum für Moderne Kunst Frankfurt: Ein Interview mit der Direktorin Dr. Susanne Gaensheimer über Social Media und Kunstvermittlung.

Dr. Susanne GaensheimerUlrike Schmid: Das MMK nutzt seit gut einem Jahr Social Media, v. a. Facebook zur Kommunikation. Wie lautet Ihr erstes Resümee?
Susanne Gaensheimer: Seit der Anmeldung bei Facebook im Frühjahr 2010 haben wir über 7.000 Fans. Auch wenn die Zahl dabei nicht ausschlaggebend ist, erreichen wir vor allem junge Leute zwischen 25 und 35 als Zielgruppe. Das ist uns sehr wichtig, da gerade diese Personengruppe zu unseren potentiellen Museumsbesuchern zählt.

Facebook bietet uns die Chance, das MMK mit all seinen verschiedenen Facetten zu präsentieren. Wir können etwa mit Reihen wie unserem Mittwochsquiz im Rahmen der Jubiläumsausstellung die Sammlung vorstellen und mit einem Blick hinter die Kulissen, wie bei den Beiträgen zum Ausstellungsaufbau, die Museumsarbeit transparenter machen. All das könnten wir auf unserer Website nicht in diesem Maß darstellen. Wichtig ist uns jedoch, dass auch die Social-Media-Einträge immer inhaltlich fundiert sind. Denn die Entscheidung bei Facebook eine Fanseite einzurichten, haben wir im vergangenen Jahr nicht einfach getroffen, um „auch dabei zu sein”, sondern um eine neue Form der Vermittlung unserer Inhalte anzubieten, die eine spezifische Zielgruppenansprache und auf Facebook abgestimmte Inhalte erfordert. Facebook bietet uns die Chance, unseren Fans täglich einen Einblick in unsere Arbeit zu geben, diese transparenter zu machen und auf unsere Sammlung, Ausstellungen und besondere Highlights aufmerksam zu machen. Besonders die Facebook-User fordern die von uns geteilten Informationen oft als Newsletter. Deswegen verweisen wir häufig auf unsere eigene Website, auf der die interessierten User noch mehr Hintergrundinformationen erfahren.

U. S.: Wo sind die Social-Media-Aktivitäten angesiedelt?
S. G.: Die Social-Media-Aktivitäten sind bei uns in der Abteilung der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, also bei unserer Pressesprecherin Christina Henneke und ihrem Team angesiedelt. Selbstverständlich werden andere Abteilungen des MMK - wie die Kunstvermittlung, die Kuratoren, die Restauratoren oder der Verein der Freunde des MMK - je nach Thema der Beiträge einbezogen.

U. S.: Wie haben Social Media die (Öffentlichkeits-)Arbeit verändert?
S. G.: Die Öffentlichkeitsarbeit des MMK hat sich in den vergangenen Jahren generell verändert. Wir haben erst seit eineinhalb Jahren eine offizielle Stelle „Presse- und Öffentlichkeitsarbeit”. In dieser Zeit haben wir uns stärker und offensiver nach außen geöffnet. Beispielsweise produzieren wir zu unseren Ausstellungen regelmäßig Videos, die wir auf unserer Website sowie bei YouTube und Vimeo einstellen, und auch Veranstaltungen wie etwa die MMK-Talks dokumentieren wir filmisch.

Die Kommunikation über ein junges und aktuelles Medium wie Facebook gehört dann selbstverständlich auch dazu. Da die Kommunikation über Facebook eine ganz andere Ansprache erfordert, ist dadurch ein weiteres Arbeitsgebiet zu den klassischen Medien wie Pressemitteilungen, Web-Texte, Newsletter, Ausstellungsfolder usw. hinzugekommen. Durch die Social-Media-Aktivitäten hat sich die Öffentlichkeitsarbeit auch dahingehend verändert, dass wir viel stärker in unmittelbarem Kontakt zu den Fans und potentiellen Besuchern stehen, wenn diese unsere Pinnwandeinträge kommentieren oder Fragen zu unseren Postings stellen.

U. S.: Wird es weitere Kanäle geben, die Sie in die Social-Media-Kommunikation einbeziehen?
S. G.: Wir beobachten die Entwicklung der Social Media und reagieren entsprechend. Da wir ein sehr kleines Team sind und immer am Rande unserer Kapazitäten arbeiten, muss jeder weitere Social-Media-Kanal auch immer im Verhältnis zum Aufwand gesehen werden. Seit Kurzem sind wir auch bei Flickr. Bei Twitter sind wir derzeit noch nicht, überlegen jedoch, wie wir es sinnvoll nutzen könnten. Wir möchten allerdings nicht unüberlegt herangehen und riskieren, dass wir das personell gar nicht bewältigen können. Es geht uns nicht darum, überall dabei zu sein. Wenn wir uns irgendwo neu einklinken, muss auch immer ein auf dieses Medium zugeschnittenes und praktikables Konzept dahinterstehen.

Wir achten bei der Kommunikation als Museum immer sehr auf die Gleichstellung von Text und Bild. In Zukunft möchten wir vermehrt Ausstellungsvideos in unsere Beiträge einfließen lassen. Dennoch sollen die Beiträge den Museumsbesuch natürlich nicht ersetzen, sondern anregen, motivieren und das Interesse am MMK wecken.

U. S.: Mit der Aktion „Für euch gesammelt” bringen Sie den Facebook-Fans den Sammlungsbestand nahe. Welche Chancen, gerade hinsichtlich der Vermittlung, ergeben sich aus Ihrer Sicht durch Social Media für die Museen?
S. G.: Bei dem Mittwochsquiz „Für euch gesammelt” stellen wir wöchentlich ein Kunstwerk aus dem Museumsbestand vor und stellen oft kniffelige Fragen, die sich nicht nur auf den Titel oder den Namen des Künstlers beziehen, sondern auf Besonderheiten hinweisen, die es zu lösen gilt. So lautete eine unserer Fragen zum Beispiel, was es mit der 150 kg schweren Konfettilandschaft von Markus Sixay auf sich hat. Um die Frage zu beantworten, musste man sich mit dem Kunstwerk auseinandersetzen und einige Zeit recherchieren. Bis jetzt liefen die Beiträge und Kommentare sehr gut. 10 Antwortkommentare empfinden wir dabei als zufriedenstellende Teilnahme.

Wir können unseren Facebook-Fans unseren Sammlungsbestand natürlich nur rudimentär vorstellen. Unser Anspruch lautet aber auch nicht, die Kunstvermittlung mit den Originalen im Museum zu ersetzten, sondern die Lust an der Kunst zu wecken oder das ein oder andere Geheimnis, dass sich um ein Kunstwerk rankt, durch unsere Fragen aufzudecken, bzw. überhaupt darauf hinzuweisen, dass hinter der Oberfläche einer Abbildung vielleicht oder ganz sicher noch Dinge liegen, die es zu entdecken gilt.

U. S.: Für mich ist das Mittwochsquiz eine Form der Kunstvermittlung. Was ist Kunstvermittlung für Sie?
S. G.: Wir sehen unsere Social-Media-Aktivitäten als eine Erweiterung unseres umfangreichen Kunstvermittlungsangebotes und der Öffentlichkeitsarbeit. Die Vermittlungsarbeit im Museum kann dadurch nicht ersetzt werden, da das Erleben der Originale im Museum hierbei immer eine große Bedeutung hat. Jedoch bieten wir auch Kunstvermittlungsprogramme an, in denen sich ein online- und offline-Erleben der Kunst miteinander verbindet: Beispielsweise in einem Ferienworkshop übernahmen Jugendliche für eine Woche den Facebook-Account des MMK und haben ausgehend von ihren Erlebnissen im Museum die Pinnwandbeiträge der Woche eigenständig konzipiert und gepostet.

U. S.: Wie stehen Sie der Einbeziehung der Dialogpartner, sprich potentiellen Besuchern, in den Museumsalltag gegenüber? Also, sie beispielsweise in die kuratorische Arbeit einzubeziehen.
S. G.: Eine Einbeziehung in die allgemeine kuratorische Arbeit kann ich mir nicht vorstellen. Im Rahmen der Museumspädagogik bieten wir allerdings regelmäßig Kooperationsprojekte an, in denen wir Schülerinnen und Schüler einbinden. Bei SHOW UP! haben Schülerinnen und Schüler unter professionellen Bedingungen eine Ausstellung mit Werken der Sammlung zu einem selbst gewählten Thema kuratiert. Die Gruppe entwickelte dabei die Konzeption der Ausstellung. Die Entscheidung über das Thema, über die Auswahl der gezeigten Kunstwerke, sowie deren Hängung im Raum lagen dabei in der Hand der Jugendlichen. Dieses Projekt wurde auch von der Kulturstiftung der Länder ausgezeichnet und wird in den nächsten Monaten fortgesetzt.

U. S.: Seit Sommer ist der Sammlungsbestand des MMK online zu sehen. Was versprechen Sie sich davon? Wie wird das Angebot angenommen?
S. G.: Die Online-Sammlung ist eine tolle Möglichkeit die Vielfalt der Sammlung immer öffentlich darstellen zu können - für jedermann. Das kann schließlich keine noch so umfangreiche Ausstellung leisten. Wir haben einen Sammlungsbestand von über 4.500 Werken internationaler Kunst. Mit einer solchen Konzentration an herausragenden Arbeiten kann kaum ein anderes Museum in Deutschland aufwarten und auch international gilt das MMK als eines der führenden Museen für moderne und zeitgenössische Kunst. Diese Fülle könnten wir in einem Bestandskatalog gar nicht erfassen, weil sie sich ständig weiterentwickelt und wir das finanziell auch gar nicht stemmen könnten.

Wissen sollte frei zugänglich sein, nicht nur für die Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker, für die die Sammlung ein wichtiges Forschungsmedium ist. Jeder sollte die Möglichkeit haben, sich mit den Kunstwerken des Museums auseinanderzusetzen und weiterführende Hintergundinformationen zu erhalten. Generell weckt die Transparenz der Sammlung sicher auch ein Verständnis für die Sammlungstätigkeit eines Hauses.

U. S.: Mein Eindruck ist, dass sich unter Ihrer Leitung das Haus einem breiteren Publikum öffnet. Wie ist die Resonanz etwa auf „MMK After Work”?
S. G.: „MMK After Work” ist eine sehr erfolgreiche Reihe, die wir gemeinsam mit dem Offenbacher Club „Robert Johnson” durchführen. Bei diesem regelmäßig stattfindenden Abend-Event, wie auch bei all unseren Veranstaltungen, geht es uns um Vermittlung. So gibt es nicht nur Musik, Drinks und Essen, sondern auch den ganzen Abend über Führungen, die extrem gut angenommen werden. „MMK After Work” gibt es nun seit einem Jahr und die Resonanz ist enorm. Mit diesem Event erreichen wir auch ein ganz anderes Publikum, ein neues Publikum das wir allmählich auch bei unseren Ausstellungseröffnungen oder an anderen Tagen im Haus sehen.

U. S.: Sie haben für die diesjährige Biennale den Deutschen Pavillon kuratiert und dafür den Goldenen Löwen erhalten. Hat sich dadurch Ihr „Standing” in Frankfurt geändert? Erfährt das MMK einen größeren, öffentlicheren Zuspruch?
S. G.: Dadurch, dass im Zusammenhang mit meinem Namen auch immer das MMK genannt wurde, ist das Haus jetzt natürlich bekannter.

Letztendlich hat aber die Summe aller Maßnahmen, angefangen bei einer veränderten Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, den Social Media und diversen Events, den Kooperationen mit anderen Institutionen wie dem Schauspiel Frankfurt, der Städelschule, dem „Robert Johnson” oder dem Frankfurter Kunstverein dazu geführt, dass das MMK nun stärker im Bewusstsein der Frankfurter Bevölkerung verankert ist.

Vielen Dank Frau Dr. Gaensheimer für das Gespräch.

Bisher erschienene Interviews:

Marcus Bosch, Staatsorchester Aachen, Staatsphilharmonie Nürnberg, Waldhauskonzerte Flims, Opernfestspiele Heidenheim
Prof. Dr. Gerd-Christian Weniger, Neanderthal Museum Mettmann
Johannes Reiss, Österreichisches Jüdisches Museum, Eisenach

Prof. Dr. Klaus Schrenk, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München

Max Hollein, Städel Museum, Schirn Kunsthalle und Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt

Dr. Helmut Gold, Museum für Kommunikation Frankfurt

Dr. Alfred Wendel, Duisburger Philharmoniker

Tobias Möller, Berliner Philharmoniker

Werner Lippert, NRW Forum Düsseldorf

Christian Kabitz, Künstlerischer Leiter des Mozartfestes Würzburg

Kulturvermittlung transmedial

Mittwoch, Oktober 5th, 2011

screenshot_ken-barbieBei Transmedia Storytelling denke ich auch an die „Ken-will-Barbie-wiederhaben-Geschichte”. Hier hat Mattel verschiedenste Social Media genutzt, um die Wiedervereinigung des Traumpaares zu erzählen und auch die Dialogpartner einzubeziehen. Mehrfach hat Mashable darüber berichtet (u. a. hier  und hier).

Seit ich von dieser Geschichte gelesen habe, stelle ich mir von, wie es wohl wäre, in einer ähnlichen Form über die verschiedensten Social Media - transmedial eben - die Vorbereitungen zu einer Ausstellung oder eines Festivals zu erzählen. Von Anfang an die Dialogpartner am Entstehungsprozess teilhaben zu lassen: Wie entsteht die Idee zu einer Ausstellung oder zu einem Schwerpunktthema eines Festivals, wie wird angefangen, welche Telefonate und Meetings müssen abgehalten werden, welche Reisen unternommen. Wie werden Künstler und Arbeiten ausgewählt etc. Ein (fiktiver) Kurator oder eine Festivalleiterin könnte den Entstehungsprozesses durch Check-Ins, ergänzende Blogbeiträge und Notizen via Twitter, Google plus oder Facebook sowie Fotos der ausgewählten oder in der engeren Auswahl stehenden Arbeiten den Entstehungsprozess dokumentieren und die Dialogpartner mit auf die Reise nehmen.

Ich denke Geschichten rund um solch einen Entstehungsprozess sind vielfältig und spannende Geschichten (und Anekdoten) gibt es sicherlich viele zu erzählen. Durch diese Form des Geschichten-Erzählens über verschiedenste Medien hinweg könnten Kultureinrichtungen v. a. auch dem Aspekt der Kulturvermittelung hervorragend nachkommen. Die Neugierde wird geweckt, indem komplexe Zusammenhänge erklärt, Prozesse gestaltet und Beziehungen gepflegt werden. Und so dürfte am Ende einem realen Besuch dessen, was die Dialogpartner wochenlang online verfolgt haben, nichts mehr im Weg stehen.