Archive for the ‘Kulturtipp’ Category

Ausstellungstipp ¦ FischGrätenMelkStand

Freitag, Juli 23rd, 2010

FischGrätenMelkStand ist der Titel des Abschlussprojekts der Temporären Kunsthalle Berlin, das der Künstler John Bock kuratiert. Wie die vorangegangenen von Künstlerinnen und Künstlern kuratierten Ausstellungen stellt auch sein Konzept eine ausgeprägt subjektive künstlerische Perspektive in den Mittelpunkt.
FischGrätenMelkStand Ausstellungsansicht Temporäre Kunsthalle Berlin 2010; Foto: Jan Windszus_41

Für FischGrätenMelkStand hat John Bock eine virtuose Meta-Struktur entwickelt, in der er die Werke von 63 Künstlern, Architekten und Komponisten installiert. Neben Installationen, Filmen, Modellen und Skulpturen finden sich darin auch historische Filmrequisiten, Partituren, Bücher und Fanartikel. Der aus der Milchviehwirtschaft entlehnte Begriff „Fischgrätenmelkstand” bezeichnet die formale Struktur eines Gruppenmelkstandes und ist titelgebend für die elf Meter hohe Stahlkonstruktion, die auf vier Ebenen unterschiedliche Raumsituationen schafft und die einzelnen Arbeiten in einer Art Gesamtkunstwerk vereint. Die begehbare Installation hat nahezu die Dimensionen eines Berliner Mietshauses, mit einer Grundfläche von knapp 150 qm pro Etage. Die darin eingepasste, provisorisch wirkende Raumarchitektur besteht aus einem Materialsammelsurium wie Wellblech, Holz, Autoreifen, Decken, Socken oder verbrannten Pizzen.

Im Gegensatz zum klassischen White Cube bietet dieses dichte Szenario den ausgestellten Arbeiten alles andere als einen neutralen Rahmen. Innerhalb der gleichermaßen funktionalen wie grotesken Struktur fusionieren die Kunstwerke mit dem sie umgebenden Raum oder stehen in scharfem Kontrast dazu. Auf diese Weise erzeugt John Bock überraschende, poetische, formale sowie inhaltliche Verknüpfungen und Widersprüche, die auf Popkultur, Architektur, Film, Wissenschaft und Alltag ebenso Bezug nehmen wie auf Parapsychologie, Musik und Mode.

In seinen eigenen Arbeiten befasst sich John Bock mit offenen Strukturen, für die er absurde Formen von ebenso verspielter wie zwingender innerer Logik findet. Aus dem Ineinandergreifen verschiedener Medien - Skulptur, Installation, Film, Performance - entsteht sein vielfältiges Werk, innerhalb dessen der Künstler häufig selbst als Protagonist auftritt und in unübersichtlichen, surrealen Versuchsanordnungen seinen Kosmos erläutert. Für FischGrätenMelkStand dreht John Bock dieses Prinzip um und erlaubt dem Betrachter an seiner Stelle das prekäre Gebilde, dessen bizarren Raumkonstellationen und die darin enthaltenen Kunstwerke zu erforschen.

Die Ausstellung ist noch bis 31. August in der Temporären Kunsthalle Berlin zu sehen.

Ausstellungstipp ¦ Im Dialog – Erich Hauser zum Achtzigsten

Freitag, Juli 16th, 2010

Die Kunsthalle Weishaupt und das Ulmer Museum präsentieren gemeinsam mit der Kunststiftung Erich Hauser eine Ausstellung zum Werk des Bildhauers Erich Hauser, der in diesem Jahr 80 Jahre alt geworden wäre.

Saelenwand, Erich Hauser, Copyright Kunsthalle WeishauptErich Hauser (1930-2004) zählt zu den bedeutendsten Bildhauern der Bundesrepublik Deutschland. Seit den 1960er Jahren setzen seine Edelstahlskulpturen markante Akzente in vielen Innenstädten. In Ulm stehen Werke an der Martin-Schaffner-Schule, der Friedrichsau und der Universität. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen Werke der 1960er bis 1980er Jahre. In diesen Jahren findet der Künstler zu seiner Material- und Formensprache und seine Werke finden weltweite Anerkennung.

Erich Hauser arbeitet ausschließlich mit Edelstahl. In der Bearbeitung kommt der Bildhauer von einer rauen Behandlung der Oberflächen und Schweißnähte in den Anfangsjahren zu einer auf Perfektion bedachten Ausführung der nun glatten, straff gespannt erscheinenden Skulpturen in den späteren Jahren. Die Werke bestechen durch ihre formale Qualität ebenso wie durch die rhythmische Gliederung der skulpturalen Volumina. Der Erfolg der Arbeiten im öffentlichen Raum resultiert aus ihrer überzeugenden Wechselbeziehung - Kontrast oder Harmonie - mit Standort und Umgebung.

In den hohen Räume der Kunsthalle Weishaupt kommen die großformatigen Skulpturen, die frei im Raum oder an der Wand hängend platziert sind, optimal zur Geltung, wie etwa eines seiner Hauptwerke - „Säulenwand 30/69″, das 1969 auf der X. Kunstbiennale in São Paulo zu sehen war. Das Ulmer Museum konzentriert sich hingegen auf den Werkprozess. Zeichnungen des Bildhauers und eine Auswahl der zahlreich erhaltenen Arbeitsmodelle geben Einblick in das Künstleratelier.

Im Dialog stehen Hausers Arbeiten in der Kunsthalle Weishaupt mit Gemälden etwa von Josef Albers, Lucio Fontana, Gotthard Graubner oder Bridget Riley, die Erich Hausers Aufgeschlossenheit gegenüber der Arbeit und Persönlichkeit von Kolleginnen und Kollegen belegen. Im Ulmer Museum sind es die Arbeiten von Emil Schumacher, Karl Otto Götz, Edgar Hofschen und anderen, welche die Vielfalt der damals zeitgenössischen Szene wieder lebendig werden lassen.

Zu sehen ist der „Dialog” in der Kunsthalle Weishaupt bis 26. September 2010, im Ulmer Museum noch bis zum 8. August 2010.

Ausstellungstipp ¦ Jeff Wall – Transit

Freitag, Juli 9th, 2010

Jeff Wall Storyteller, 1986Gleich die erste Fotoarbeit After ‚Invisible Man’ by Ralph Ellison, the Prologue (1999-2000), die ich von Jeff Wall bei der Documenta 11 gesehen habe, hat bei mir einen derart nachhaltigen Eindruck hinterlassen, dass mich seine Arbeiten nicht mehr losgelassen haben. Es folgte die große, monographische Schau im Jahr 2004 im Baseler Schaulager und immer wieder sah ich The Storyteller (1986) im MMK Frankfurt .

Jetzt gibt es wieder eine größere Schau: Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zeigen im Lipsiusbau 26 Werke des kanadischen Fotokünstlers aus Vancouver. Eine durchaus beachtliche Zahl für den sorgfältig arbeitenden Jeff Wall mit seinem überschaubaren Oeuvre.

Das Faszinierende an diesen Fotoarbeiten ist für mich, Walls Fähigkeit Geschichten zu erzählen und Fragen aufzuwerfen. Auf den ersten Blick wirken die Fotografien wie beiläufige Beschreibungen von Alltagsszenen und wie zufällig geknipst. Doch dann - auf den zweiten Blick - werden die aufwändige konstruierten und theatralischen Inszenierung offensichtlich. Und plötzlich scheint so gar nichts mehr dem Zufall überlassen zu sein. Häufig sind urbane und häusliche Szenarien sein Sujet in denen er Laienschauspieler und Details in aufwändigen Einzelaufnahmen festhält und anschließend zu einem Gesamtbild montiert. Er verschmilzt Elemente der Fotografie mit denen des Films und der Malerei. So sind diese Fotografien perfekt ausgeleuchtet, nachgestellt und sehr genau geplant.

Jeff Wall, Restoration, 1993

Die Leuchtkästen geben den Großbilddias einen ganz eigenen Status: Sie sind weder Projektionen auf der Wand noch gerahmte Bilder an der Wand und doch irgendwie beides - Bilder im Raum. Der größte Leuchtkasten der Auswahl mit dem Titel Restoration (1993), schlägt eine Brücke nach Dresden. Denn „er thematisiert Wiederherstellung und Bewahrung der Vergangenheit anhand der Restaurierung eines monumentalen Panoramagemäldes”, so der Direktor der Galerie Neue Meister, Prof. Dr. Ulrich Bischoff.

Jeff Wall, Morning Cleaning, 1999

Ähnlich verhält es sich mit der Arbeit Morning Cleaning (1999), die Mies van der Rohes Deutschen Pavillon in Barcelona zeigt: Die akkurate Stuhlreihe ist verschoben, auf dem Teppichboden liegen Fussel, eine Reinigungskraft wischt den Boden. Jeden Morgen muss das kulturelle Erbe von Neuem hergerichtet werden. Der dokumentarisch wirkende Leuchtkasten ist ein Beispiel für Jeff Walls „kinematografisches” Werk.

Die Ausstellung Transit (bis 19. September 2010) bezieht sich auf die feinen Übergänge, sei es zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit, sei es zwischen Stadt und Land oder eine verborgene Geschichte, die es zu entdecken gilt. Und es gibt viel zu entdecken in den Arbeiten Jeff Walls.

Ausstellungstipp ¦ Barbara und Katharina Grosse

Freitag, Juli 2nd, 2010

Mit der Ausstellung „Barbara und Katharina Grosse” zeigt das Museum für Neue Kunst erstmals eine Doppelausstellung, in der Mutter Barbara (geb. 1938) und Tochter Katharina Grosse (geb. 1961) ihre Werke gemeinsam ausstellen.

Bereits Ende Mai hat Katharina Grosse, eine der international bedeutendsten Vertreterinnen der Gegenwartskunst, mit ihrer Arbeit in Freiburg begonnen. Denn sie liefert keine fertigen Werke, sondern schafft malerische Rauminstallationen, die vor Ort entstehen. Grosses Arbeit ist von einem anarchischen Impuls geprägt. Seit über zehn Jahren arbeitet die in Freiburg geborene und heute in Berlin lebende Künstlerin an einer Bildform, die alle festgelegten Grenzen und Hierarchien außer Kraft setzt. In einem offenen System des ästhetischen Geschehens zwischen Wirklichkeit und Vorstellung laufen hier Architektur, Skulptur und Tafelbild in einem Objekt zusammen, verbinden sich zu einer farbenprächtigen, alle Kunstgattungen überschreitenden bildnerischen Erscheinung.

Barbara Grosse beschäftigt sich seit vielen Jahren mit zeichnerischen und graphischen Ausdrucksformen, die Spuren des Zufalls mit gezielten bildnerischen Eingriffen verbinden. Auch sie hat für Freiburg neue Werke geschaffen, die auf die Räumlichkeiten zugeschnitten sind. In einer Installation werden sich ihre großformatigen Radierungen von der Wand lösen und mit fast unmerklicher Bewegung im Raum zu schweben scheinen.

Die Ausstellung „Barbara und Katharina Grosse” erzählt nicht nur eine besondere, persönliche Art von Familiengeschichte, sondern schlägt auch einen Bogen zwischen den künstlerischen Medien und den Künstlergenerationen.

Die Ausstellung ist noch bis zum 17. Oktober in der Ausstellungshalle der Städtischen Museen Freiburg im Augustinermuseum zu sehen.