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Mozartfest Würzburg ¦ Chevalier de Saint-George

Mittwoch, Juni 10th, 2009

Langsam beginnt das Mozartfest mein Leben mit einem ganz neuen Rhythmus zu versehen. Verkehrswidrig links auf den Residenzparkplatz abbiegen, immer wieder neu dieses einzigartige Kunstwerk in Sandstein und das holprige Kopfsteinpflaster auf dem Vorplatz bewundern, jedes Mal erneut das Bild vor Augen, wie bewundernd wohl Napoleon bei seinen Besuchen in Würzburg vor dem „schönsten Pfarrhaus Europas” gestanden hat.

Am Samstag stand eine Welt-Ur-Wiederaufführung auf dem Programm: Salieris Ouvertüre zu der damals berühmten Oper „La calamità de’ cuori” ist seit der Premiere 1774 damals in Wien nie wieder erklungen. Thomas Fey hat die Partitur ausgegraben und das höchst hörenswerte Stück (übrigens für zwei Orchester!) effektvoll musiziert. Dazu ein besonderes Erlebnis: Wilhelm Bruns auf dem Naturhorn mit Mozarts Hornkonzert KV 417.

Domin QuartettAm Sonntag haben wir die Teekonzerte wieder aufleben lassen, mit einem Benefiz-Konzert für die Restaurierung der Toskana-Möbel. An jedem ersten Sonntag im Juni findet jährlich europaweit der „World-Heritage-Day” statt, der Tag des UNESCO-Denkmals und die Residenz gehört natürlich dazu. Erstmals hat das Mozartfest die Ausrichtung des Konzertes übernommen - ein voller Erfolg, wir werden das zur Gewohnheit werden lassen … Herr Weiler, Chef der Residenz, hat die in einem beklagenswerten Zustand sich befindenden Sitzmöbel vorgestellt, die auch ausgestellt waren, ich habe das Konzert moderiert. Der Gartensaal war wunderbar geschmückt, das Domin-Quartett aus Heidelberg hat einen herrlichen Mozart und einen überraschenden Chevalier de St. George gespielt. Und weil die Quartettisten vorher noch nie in der Würzburger Residenz waren, gab’s nach dem Konzert eine (auch für mich) beeindruckende Privatführung. Herrlich: wir waren ganz alleine, eine fast unwirkliche Stille in diesem Riesengebäude. Dank an Frau Leo von der Residenz für dieses unvergessliche Erlebnis!

Ein (längerer) Satz zum Joseph Chevalier de St. George: Er war der erste farbige Komponist von Weltruhm, geboren entweder 1739 oder 1745 in Guadeloupe. Sein Vater George de Boulogne de St. George lebte dort als Plantagenbesitzer, seine Mutter Nanon, war eine schwarze Sklavin. 1749 geht die Familie nach Paris, der kleine Joseph bekommt Musik- und Fechtunterricht, avanciert zum Superathlet, schwimmt einarmig durch die Seine, war ungeschlagener Fechtkünstler und Sprinter, wird Offizier der königlichen Wache (mit Alexander Dumas als Untergebenem), wird nebenher Konzertmeister im damals berühmten Orchester „Le Concert des Amateurs” und ab 1773 dort Dirigent.

Nun begann auch seine Laufbahn als Komponist. 1778 - in dem Jahr, als Mozart seine so erfolglose Reise nach Paris antrat - finden wir St. George auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Drei Opern, viele Symphonien, Violinkonzerte, mehrere „Sinfonien concertante”, Kammermusik, darunter Violinsonaten, Streichquartette usw. Interessanterweise erwähnt ihn Mozart in seinen Briefen mit keinem Wort. Man weiß auch nicht, ob sich die beiden irgendwann einmal begegnet sind. Schon bald bekam St. George den Beinamen „Der schwarze Mozart”. Ab 1779 unterrichtete er die Prinzessin Marie Antoinette in Versailles. Überdies muss er großen Erfolg bei Frauen - besonders verheirateten - gehabt haben.

In den Wirren der französischen Revolution finden wir ihn als Capitain eines Reiterregiments für den König, nur ein Jahr später führt er nun für die Revolution ein Corps von Afro-Franzosen, also ein Regiment aus Farbigen. Er besucht England und wirbt für die Aufhebung der Skalverei, zurück in Paris wird er für fast ein Jahr inhaftiert, geht dann zurück in seine Heimat, dann nach Saint-Dominique, heute Haiti. 1797 kehrt er zurück nach Paris, gründet wieder ein Orchester, Le Cercle de Harmonie, dirigiert sehr erfolgreich und stirbt 1799. Heute fast unbekannt, in Paris gibt es eine Straße mit seinem Namen - und beim Mozartfest 2009 erklang sein Streichquartett in D-Dur - mehr als hörenswert!

Von Christian Kabitz

Bisher erschienen:

I-Mein Mozartfest
II-Die angenehmen Seiten eines Festivalleiters
III-Eine kleine Nachtmusik
IV-Les petits riens
V-Aufgehende Sterne
VI-Mozart und Paris
VII-Kabitz trifft Hengelbrock
VIII-Die Suche nach dem Sturm und Drang Komponisten
IX-Randnotizen
X-Mozarts Posthorn-Serenade
XI-Nur noch neun Tage bis zum Eröffnungskonzert
XII-Mozarts Zauberkiste
XIII- Das Eröffnungskonzert

Mozartfest Würzburg ¦ Das Eröffnungskonzert

Mittwoch, Juni 3rd, 2009

Immer mittwochs schreibt hier der künstlerische Leiter des Mozartfests Würzburg.

Am Freitag war es endlich soweit: Eröffnung des Mozartfestes 2009! Ich war schon um 18.30 Uhr in der Residenz, zwei Stunden zu früh, aber ich wollte so viel als möglich von der festlich-betriebsamen Atmosphäre eines solchen Events mitbekommen. Manchmal ist das Wort „Routine” leicht negativ besetzt, aber wenn ich sehe, mit welcher Routine Elke Kuhn es geschafft hat, dass alle Platzanweiser, alle Kartenverkäufer, die Tresen und Stellwände an ihrem richtigen Platz stehen, gewinnend lächeln und eine Stimmung gelöster Heiterkeit verstrahlen - das ist einfach super.

Und schon um 19.30 Uhr begann der Auftritt unserer Ehrengäste. In der Person von Wolfgang Bötsch, dem ehemaligen Postminister, unserem Schirmherren, haben wir einen unersetzlichen „Patron” in des Wortes bester Bedeutung, der über all die Jahre hinweg es immer geschafft hat, dass die große Politik (und auch die kleinere) Station in Würzburg gemacht hat. Unser Alt-Ministerpräsident Stoiber samt Gattin stieg aus dem Auto, gleich danach Alt-Bundespräsident Roman Herzog, Ex-Wirtschaftsminister Michael Glos und Grünen-Vorsitzende Claudia Roth, dazu Prominenz aus der Wirtschaft und natürlich alles, was in Würzburg Rang und Namen hat, allen voran unser OB Georg Rosenthal mit seiner Gattin Hannah, die sich weit über das gewohnte Maß hinaus für Kultur interessiert, mehr noch: aktiv einsetzt.

Dazwischen immer wieder - durch den Dienstfrack erkenntlich - Musiker aus dem Symphonie-Orchester des Bayr. Rundfunks, von denen ich viele persönlich kenne, weil sie im Bachorchester Würzburg mitspielen oder Mitglied im Bach-Collegium München sind, das ich vor mehr als 30 Jahren gegründet habe und das jetzt von Florian Sonnleitner geleitet wird, der auch Konzertmeister im BR-Orchester ist.

Die Stunde vor dem Konzert ist wunderbar gefüllt mit Gesprächen - endlich lerne ich alle die Leute (oder wenigstens einen Teil davon) kennen, die für unsere Stadt und letztendlich für das Mozartfest wichtig sind, sein oder werden könnten.

Sir Neville ist im April 85 geworden, steigt aber mit fast jugendlichem Schwung aufs Podest und dirigiert die fabelhaften Münchner, eine Ouvertüre in B-Dur, bei der einem schon nach 10 Takten klar wird: Das ist kein Mozart … Dann das Flöte-Harfe-Konzert, souverän musiziert von Boucly und Moretti, nach der Pause (für Viele der Höhepunkt des Konzerts!) Brittens „Les Illuminations” nach Gedichten von Rimbaud mit Laura Aikin, - traumhaft! Und dann - wegen Mozart & Paris - die Pariser Sinfonie D-Dur.

Nach dem Konzert möchte Sir Neville noch ein bisserl feiern und so sind wir schließlich eine lustige Gesellschaft, die bei Spargel, Bratwürsten, Weißburgunder und vielen Anekdoten vor allem Sir Neville Marriner feiern.

von Christian Kabitz

Bisher erschienen

I-Mein Mozartfest
II-Die angenehmen Seiten eines Festivalleiters
III-Eine kleine Nachtmusik
IV-Les petits riens
V-Aufgehende Sterne
VI-Mozart und Paris
VII-Kabitz trifft Hengelbrock
VIII-Die Suche nach dem Sturm und Drang Komponisten
IX-Randnotizen
X-Mozarts Posthorn-Serenade
XI-Nur noch neun Tage bis zum Eröffnungskonzert
XII-Mozarts Zauberkiste

Mozartfest Würzburg ¦ Mozarts Zauberkiste

Mittwoch, Mai 27th, 2009

Immer mittwochs schreibt hier der künstlerische Leiter des Mozartfests Würzburg.

Nur noch zwei Tage - dann ist es soweit!  Seltsam: Jetzt wo das Fest direkt vor der Tür steht und dann in einem wahren Dauerfeuerwerk abbrennen wird, denke ich intensiv an das Jahr 2010 und darüber hinaus. Früher gab es alle zwei Jahre einen Mozartfest-Gesangswettbewerb, Quasthoff hat hier gewonnen und viele andere heute bekannte KünstlerInnen. Der letzte fand 2006 statt, eigentlich wäre 2010 endlich wieder einer „dran gewesen”. Aber so ein Wettbewerb braucht eine gediegene Vorlaufzeit - ein Jahr ist tatsächlich zu knapp. Wir haben ihn nun definitiv auf 2011 verschoben. Das bot sich an, denn in zwei Jahren feiern wir 90 Jahre Mozartfest.

Was mir aber besonders am Herzen liegt, ist ein interessantes Kinderprogramm. Nun hat das Mozartfest immer schon etwas für Kinder übrig gehabt, auch in diesem Jahr haben wir - wenn man die zwei Picknickkonzerte dazuzählt - vier Veranstaltungen für die musikalische Zuhörer-Zukunft, einen „Musikfantasiomat” und sogar Mozarts eigene Zauberkiste. Auf dem Markt der freien Ensembles gibt es viele Angebote für Kinderkonzerte, die als fertiges Paket angeboten werden. Man kann sich über die Publikums-Resonanz dieser Events in der Vergangenheit informieren, meist vorher eine DVD des Projektes anschauen und kriegt oft ein richtig gutes und pädagogisch sinnvolles Kinderprogramm.

Aber - es ist halt nichts Eigenes. Nun habe ich durch sieben Jahre Kinderkonzerte in der Alten Oper Frankfurt in Zusammenarbeit mit dem Museums-Orchester einen gewissen Stolz entwickelt, nach dem Motto: Das können wir selber. Und so plane ich für 2010 drei Kinderkonzerte rund um Mozarts Werke, die allerdings weniger Entertainment als Information sein werden. Trotzdem geht es immer sehr lustig zu, denn spontan fragende Kinder sind sowieso besser als jeder vorgeplante Gag. Es könnte im nächsten Jahr geben: Mozarts Figaro in einer kindgemäßen Fassung, dazu einen Nachmittag zum Genre „Streichquartett” und dann den magischen „Flötenzauber” - aber immer mit der sehr aktiven Hilfe der Kinder.

Simon Rattle hat einmal (ich glaube, es war im Zusammenhang mit „Rhyth’m it”) gesagt, für Kinder sei bei der Musik höchste Qualität gerade gut genug. Das ist rühmlich, aber in der Praxis bei sehr niedrig gehaltenen Eintrittspreisen für Familien nicht leicht umzusetzen. Umso glücklicher bin ich, dass es unter den Profimusikern doch etliche gibt, die sich da in den Dienst der Sache stellen und uns bei den Gagen enorm entgegenkommen.

Aber diese Infotainment-Geschichten, bei denen ich mir wirklich auch eine gewisse Nachhaltigkeit bei den Kindern erhoffe, sind nur ein Teil. Das andere sind so wunderbare Erfindungen wie die schon länger erprobten Picknick-Konzerte, bei unserem Würzburger Mozartfest im Rosenbach-Park, direkt neben der Residenz - einmal über die Straße. Es weht ein Hauch von „very british” und Glyndebourne über den Rasen, es gibt zu Essen und zu Trinken (auch wenn man keinen eigenen Picknick-Korb besitzt).

Aber ich möchte noch mehr: Einen Kindertag im nächsten Jahr auf der wunderbaren Festung Marienberg, die im Bewusstsein der Würzburger lang nicht so präsent ist wie die Residenz. Vielleicht werden wir in der geschichtsträchtigen Kelterhalle für die Kinder musizieren, die Kinder mit Kostüm und Schminke samt Perücke wie zu Wolferls Zeiten ausstaffieren - und (meine Lieblings-Idee): einmal mit einer originalen Kutsche übers Kopfsteinpflaster des Innenhofes fahren, damit jedes Kind den weit gereisten Wolfgang (7 Jahre alt) verstehen kann, der nach einer anstrengenden Holperfahrt geschrieben hat: „Da hat mich mein Arsch so gebrennt, dass ich es unmöglich habe aushalten können.”

von Christian Kabitz

I-Mein Mozartfest
II-Die angenehmen Seiten eines Festivalleiters
III-Eine kleine Nachtmusik
IV-Les petits riens
V-Aufgehnde Sterne

VI-Mozart und Paris
VII-Kabitz trifft Hengelbrock
VIII-Die Suche nach dem Sturm und Drang Komponisten

IX-Randnotizen
X-Mozarts Posthorn-Serenade
XI-Nur noch neun Tage bis zum Eröffnungskonzert

Mozartfest Würzburg ¦ Nur noch neun Tage bis zum Eröffnungskonzert

Mittwoch, Mai 20th, 2009

Immer mittwochs schreibt hier der künstlerische Leiter des Mozartfests Würzburg

Noch neun Tage - dann geht’s los! Am 29. Mai um 20.30 Uhr hebt Neville Marriner den Taktstock, und dann weiß ich, ob sich all die Anstrengungen um die letzten Tage der Vorbereitung gelohnt haben und wir einen fantastischen Mozartfest-Auftakt haben werden. Festlich wird es auf jeden Fall werden - nach dem Konzert gibt unser Oberbürgermeister den traditionellen Empfang der Stadt Würzburg, das Fernsehen ist da und viele liebe Freunde aus der Musikszene haben ihr Kommen angekündigt; da wird es viele interessante Gespräche geben. Und endlich wieder ein Moment, wo sich der Besitz eines (eigenen) Smokings glücklich bemerkbar macht - den darf, sollte, müsste man an einem solchen Abend schon mal ausführen …

Eigentlich habe ich es persönlich gerne leger, muss aber zugeben, dass es schon einen ganz eigenen Reiz hat, wenn ein Festival sich auch dadurch schmücken darf, dass seine männliche Gäste es für Smoking-würdig halten, von langen und sehr langen Abendkleidern bei den Damen ganz zu schweigen.

Albrecht Mayer

Albrecht Mayer

Die Steigerung dieses Eröffnungskonzertes ist dann nur noch das Galakonzert, denn - wie der Name schon suggeriert - ist es da noch mal ein bisserl mehr Gala drin. Und vor allem: Es gibt etwas zu essen! Konkret läuft das bei unserem Mozartfest so ab, dass man am 19. und/oder 20. Juni sich schon um 19 Uhr bei einem Glas Winzersekt im Vestibül der Residenz einfindet und dazu einen erlesenen Vorspeisenteller genießt. Dann gibt es Albrecht Mayer, seine Oboe und die Polnische Kammerphilharmonie mit einem pausenlosen Konzert und Gossec (franz. Revolutionskomponist) und Mozart.

Es scheiden sich ja die Geister bei solchen Veranstaltungen. Dass ein ernsthafter Künstler nicht gerne Musik macht, wenn gleichzeitig gelacht, gegessen und getrunken wird, ist verständlich, obwohl dies sicher bis hin zu Mozart am Hofe und in der Oper durchaus üblich war. In Versailles waren die berühmten „concerts royaux” für die Bankette des Königs einem Couperin nicht zu schade, seine besten Suiten zu schreiben, und ob am Hofe des Kurfürsten zu Brandenburg alle nur zugehört haben, wenn Bach seine gleichnamigen Konzerte aufführte, darf man bezweifeln. Musik war dem Adel eine unverzichtbare Begleitung zum Essen, und die Qualität der Kompositionen sollte dem der Pasteten und Braten in nichts nachstehen.

Ich freue mich schon sehr aufs Galakonzert, die Stimmung in den wunderbaren Räumen der Residenz an den festlich gedeckten Tischen mit unzähligen Kerzen ist wirklich einzigartig und fast noch schöner ist der der Blick durch die großen Fenster auf den märchenhaft illuminierten Hofgarten. Bevor ich zu sehr ins Schwärmen gerate - ich muss mir unbedingt noch ein drittes Smoking-Hemd anschaffen - bei der sparsamen Beleuchtung beim Menu hat statistisch jeder dritte männliche Smokingträger um Mitternacht mindestens einen Fleck auf der Weste resp. dem Hemd …

von Christian Kabitz

Bisher erschienen:

I-Mein Mozartfest
II-Die angenehmen Seiten eines Festivalleiters
III-Eine kleine Nachtmusik
IV-Les petits riens
V-Aufgehnde Sterne
VI-Mozart und Paris
VII-Kabitz trifft Hengelbrock
VIII-Die Suche nach dem Sturm und Drang Komponisten
IX-Randnotizen
X-Mozarts Posthorn-Serenade