Freud und Leid einer Festivalbesucherin …
Sommerzeit ist Festspielzeit. Landauf, landab finden sie statt und auch ich bin regelmäßiger Gast von zweien: Dem Rheingau Musik Festival und den Bregenzer Festspielen. Bei beiden habe ich Open-Air-Veranstaltungen besucht und dort meine ganz besonderen Erfahrungen gemacht.
Rheingau Musik Festival
Donnerstagabend, traumhaftes Sommerwetter und als Kulisse Schloss Vollrads auf dessen Seebühne das Konzert stattfindet. Da steht einem wunderbaren Open-Air-Konzert von Silje Neergard und Esperanza Spalding ja nichts mehr im Wege - denke ich. Doch schon kurz nach Beginn des Konzerts werde ich eines besseren belehrt. Kaum dass Esperanza Spalding die erstes Lied gesungen hat, kommt Bewegung in die Stuhlreihen. Einige Besucher halten es vor Hunger nicht mehr aus und drängeln sich an ihren Sitznachbarn vorbei, um sich Nachschub an Getränken und Essen zu holen. Das geht das gesamte Konzert so weiter. Selbst als die Künstlerin ihr letztes Lied ankündigt - die Pause, um Nachschub zu fassen, also zum Greifen nahe ist - hält das manche Besucher nicht davon ab, schon mal Richtung Ausgang zu steuern, um möglichst der Erste in der Essensschlange zu sein. Der Hinweis einer Festival-Mitarbeiterin während der Pause, man möge doch bitte sitzenzubleiben, zeigt im zweiten Teil nur kurzfristige Wirkung. Die Musik von Silje Nergard scheint nicht jedermanns Geschmack zu sein und so sucht v. a. älteres Publikum das Weite. Die bis zum Ende Dageblieben haben es nach dem offiziellen Ende dann so eilig, dass sie weder die Verbeugung noch die Zugabe erwarten können - zu groß scheint die Sorge, nicht schnell genug vom Parkplatz zu kommen …
Bregenzer Festspiele
Der Wettergott meint es auch an diesem Abend mit mir und den anderen circa 7.000 Besuchern gut und beschert uns einen lauen Sommerabend. Die letzen Besucher drängeln sich auf ihre Plätze - aber gerne doch steht die halbe Reihe für die Spätkommenden noch mal auf - das Spiel auf dem See kann beginnen. Die Wiener Symphoniker stimmen bereits die Ouvertüre zu Verdis AIDA an, als sich meine Nachbarinnen in der Hinterreihe noch lautstark über das atemberaubende Bühnenbild austauschen müssen. Nur gut, dass die Bühnentechnik dann die Damen - fürs Erste - verstummen läßt. Wäre da nicht eben diese Bühnentechnik, die im Verlauf der Vorstellung immer wieder zu Gesprächen animiert. Klar bei all dem was einem an Bühnenbilder so geboten wird, muss man die Nachbarin auch darauf hinweisen was wo welcher Kran gerade wieder bewegt. Könnte ja sein, dass sie nicht alles sieht.
Just in dem Moment als dann Radamès Aida seine leidenschaftliche Liebe beteuert, kramt der Vordermann ein Bonbon hervor, das ganz langsam ausgepackt wird, damit es auch richtig schön knistert. Muss das ausgerechnet jetzt sein, frag ich mich? Kaum sind Radamès und Aida im Totenschiff in die Lüfte entschwunden springen auch schon die ersten Besucher von ihren Sitzen auf und stürzen Richtung Ausgang ohne auch nur die Künstler eines Blickes zu würdigen. War für sie die Vorstellung nur eine Pflichtveranstaltung von der sie so schnell als möglich weider weg wollen?
Es hätten zwei so schöne Abende werden können: Die Kulisse in Vollrads traumhaft, der Bodensee war ruhig, die Temperaturen angenehm und die AIDA-Inszenierung ließ einen erstaunen. Wenn da nur so manche Zuhörer anderen Zuhörern, aber vor allem den fabelhaften Leistungen der Künstler gegenüber mehr Respekt zollen würden …