Kulturtipp ¦ David Schnell „Stunde“

David Schnell, Ecke, 2008, Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin, Foto: Uwe Walter

David Schnell, Ecke, 2008, Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin, Foto: Uwe Walter

Farbintensiv und energiegeladen sind die Landschaftsbilder, die der Kunstverein Hannover derzeit gemeinsam mit einer Serie von Linolschnitten in der Ausstellung „Stunde” zeigt. Es ist die bislang umfangreichste Ausstellung von David Schnell, die sich auf die unterschiedlichen Werkgruppen innerhalb seiner Arbeit konzentriert.

Traditionell wird das Motiv der Landschaft entweder in einem romantisch-kontemplativen Kontext oder als Kontrast zu Zivilisation und Technologie eingesetzt. David Schnell dagegen verwendet Landschaft als reines Bildmaterial. In unterschiedlichen malerischen Techniken und anhand immer wiederkehrender Motive - einzelne Bretter, Häuser, Treppen, Verschläge, Baumstämme und Blattwerk - setzt er sich mit den grundlegenden Fragestellungen der Malerei auseinander: Komposition, Farbgebung und Perspektive verdichten seine Bilder zu markanten Versuchen über die Behandlung von Raum, dessen Darstellung und seiner Brechung. Schnell arbeitet mit konstruiertem Raum, dessen Horizonte sich überlagern und widersprechen und der in verschiedene Fluchtpunkteauseinander drängt. Schnell nimmt in seinen Szenen Landschaft und Architektur auseinander und setzt sie in irrealen Perspektiven neu zusammen, so dass die Fragmente seiner eigenwilligen Konstruktionen wie Relikte einer virtuellen Realität erscheinen.

Ein Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit Schnells Arbeiten findet sich im Gemälde „Gelbe Scheune” (2005), das als eine der frühesten in der Ausstellung vertretenen Arbeiten deren Auftakt bildet: Schnell zieht den Blick durch einen angedeuteten Bretterverschlag auf eine nicht weiter definierte Szenerie hinter der fragmentarisch angelegten Konstruktion, durch deren Zwischenräume sich die umgebende Vegetation drängt. Jeder Versuch, die architektonische Struktur der Bretter genauer zu bestimmen, schlägt fehl: Obwohl die Arbeit eine unleugbare Tiefe besitzt und die Bleistiftstriche des dem Bild zu Grunde liegenden perspektivischen Rasters deutlich sichtbar sind, löst sich der Verschlag bei der Suche nach seiner Struktur mehr und mehr in einzelne Farbflächen auf. Der extreme Fluchtpunkt, den das Bild inne zu haben scheint und aus dem es seine Sogwirkung zieht, bleibt unbestimmbar: Der Fokus springt zwischen mehreren perspektivischen Ebenen hin und her und wehrt jeden Versuch ab, die architektonische Struktur der Bretter zu bestimmen.

Dominiert in „Gelbe Scheune” ein quasiarchitektonischer Innenraum, verschränken sich Innen- und Außenraum in anderen Arbeiten immer weiter ineinander, bis die architektonischen Formen nur noch angedeutet sind. Die Raumwahrnehmung wird gebrochen und in Einzelteile zerlegt, die das Auge desorientieren und den Betrachter förmlich ins Wanken bringen.

In den neuesten Arbeiten bringt Schnell die Auflösung des Motivs mit der des Raums zusammen: Organische und architektonische Elemente sind so sehr auf angedeutete Formen reduziert, dass sie nur noch durch die unterschiedliche perspektivische Anordnung als Baumstämme oder Bretterwände identifizieren lassen. Die Fokussierung auf einzelne Bestandteile lässt die Gemälde zwischen konkreter Szenerie und abstrakten Farbstreifen changieren.

In seinen Linolschnitten schließlich verzichtet David Schnell auf jede Farbigkeit und widmet sich vollständig der Frage der Abstraktion, wenn er einzelne Gemälde in reines Schwarz-Weiß umsetzt.

Die Kompositionen der Leinwandarbeiten sind in den druckgrafischen Arbeiten auf ein absolutes Minimum an sauberen Linien und scharf umrissenen Flächen reduziert. Mit der Überführung der räumlichen Ansichten in strenge Zweidimensionalität stellt Schnell die den Gemälde zugrunde liegenden Kompositionen in den Vordergrund und führt seine Auseinandersetzung mit dem Raum zurück in die Wirklichkeit der Zeichenfläche.

Die Ausstellung ist bis 30. Mai im Kunstverein Hannover und anschließend im GEM Museum voor actuele Kunst, Den Haag, und im  Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen, zu sehen.

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