Kulturtipp ¦ Tuomo Manninen - „We / Wir“
Fotografien aus der Serie „We / Wir” des finnischen Fotografen Tuomo Manninen zeigt derzeit der Kunstverein Ulm.
Die Serie gibt Auskunft über Differenzierung und sichtbare Unterschiede in einer immer mehr zusammenwachsenden Welt. Sie beleuchtet das Verhältnis von Individuum, Gruppe und Gesellschaft und zeigt, wie Menschen sich selbst erleben und sehen und wie sie erlebt und gesehen werden wollen. Manninens Fotos erfahren in der Nachbearbeitung keine Manipulation oder Retusche. Er fühlt sich dem Gesehenen und den abgebildeten Personen verpflichtet. Dennoch unterliegen die Arbeiten einer vorsichtigen, aus der Situation sich ergebenden und eher intuitiven Bildregie durch den Fotografen. Die Grenze zwischen Selbstdarstellung und Rollenspiel gerät dabei ins Schwimmen. Eine Ähnlichkeit mit Theaterszenerien drängt sich auf. Jedes Foto zeigt sich wie eine einzelne eingefrorene Szene, wobei der die Gruppe prägende Ort häufig die „Bühne” ihres „Auftritts” darstellt. So präsentieren sich die Schornsteinfeger des 3. Kehrbezirks von Helsinki hoch auf den Dächern der finnischen Hauptstadt und der Verein der Eisschwimmer bibbernd im Badeanzug auf einer Plattform im See.
Den Fotografien sagen Kritiker eine gewisse Eingängigkeit nach, eine Einfachheit, die es leicht mache, die Bilder zu lesen. Die Fotos zeigen Zentralperspektiven von Innenräumen oder absichtsvolle diagonale Strukturen. Die dargestellten Personen folgen oft einem pyramidalen Aufbau. Von rechts oder links schieben sich Figuren oder Gegenstände vom Rand her ins Bild: Ein an einem Schreibtisch lehnender Besen oder ein hölzerner „Bollerwagen”. Tuomo Manninen zitiert hier ganz eindeutig Bildformeln der Malerei: das „Repoussoir” der Renaissance, einen Gegenstand im Vordergrund, groß und prägnant, durch den das Bild in „vorne” und „hinten” geschieden wird und der ihm dadurch scheinbar Tiefe verleiht. Oder er erinnert an die niederländischen Gruppenporträts des 17. Jahrhunderts, des goldenen Zeitalters, gewendet ins Heutige: die Börsenmakler in Helsinki oder Biker mit ihren Maschinen in Riga. Durch das Aufgreifen solcher traditioneller Bauprinzipien von Bildern erscheinen Manninens Fotografien seltsam vertraut, auch weil die gewählten Orte banal, alltäglich erscheinen: Kirmesplatz, Hallenbad, Wohnsiedlung.
In ihrer Gesamtheit formulieren die Bilder eine „Geschichte von heute”. Wir erfahren etwas von „dress codes”, vom Lebensgefühl, von Hierarchien, von Veränderungen. Tuomo Manninen will nach eigener Aussage Bilder vorstellen, die „zeitlos im Transitorischen” sind. Er ist sich dessen bewusst, dass er mit seinen Fotografien Individuen und die aus ihnen gebildeten Gruppen im „Übergang”, zu einem bestimmten Zeitpunkt im Laufe einer Entwicklung, auf das Bild bannt. Identität findet sich, wandert mit den Menschen als ihr Träger in Zeit und Raum. Nichts zeigt das besser als die Fotografien der Friseursalons, der Afro-Shops, der Väter mit ihren Kindern, die man so oder so ähnlich inzwischen in vielen Städten finden kann. Sich auflösende Strukturen - wie die Selbstsicherheit und Selbstzufriedenheit bestimmter Berufs- oder sozialer Gruppen, daneben neue Realitäten einer sich immer weiter verschränkenden Welt, all das wird an der fotografischen Bestandsaufnahme von Tuomo Manninen ablesbar, die auch kulturhistorisches Dokument ist.
Noch bis zum 24. Mai im Kunstverein Ulm zu sehen.
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