Public Relations sind nicht Medienarbeit

3 Kommentare » November 29th, 2011

Public Relations

PR Daily hat auf seiner Facebook-Seite kürzlich die Frage gestellt

„ If you could change one thing about being a PR pro, what would it be?”

PR Daily

Eine Antwort, die häufig genannt wurde war „Having to explain what I do for living over and over again” Auch ich kenne diese Frage bzw. das Erklären müssen zur Genüge und zwar nicht nur im Familien- und Bekanntenkreis, sondern auch von Kultureinrichtungen.

Ich hatte mich im Rahmen meines Vortrags zu „Kultur PR und Social Web” beim KMtreff ja schon mal den Begriff erklärt. Damals ging es um die Einbindung von Social Media in die PR-Arbeit. Heute soll’s etwas konkreter werden.

Public Relations sind - verkürzt gesagt - die Gewinnung öffentlichen Vertrauens, also das bewusste und legitime Bemühen um Verständnis sowie der Aufbau und die Pflege von Vertrauen in der Öffentlichkeit. Durch eine transparente Informationskultur nach innen und außen bauen PR-Leute Verständnis auf, das in Vertrauen resultiert und letztendlich aus Interessierten Fürsprecher macht. Konkret heißt das, dass jede Organisation - egal ob Unternehmen oder Kultureinrichtung - Menschen benötigt, um ihre Ziele zu erreichen. Zu diesen Menschen zählen die Mitarbeiter (interne Kommunikation) genauso wie die verschiedenen Teilöffentlichkeiten (externe Kommunikation) wie etwa potentielle Besucher, Journalisten, Dienstleister, Geschäftspartner, Sponsoren etc. Ich nenne diese Menschen Dialoggruppen, da Kultureinrichtungen durch die Social Media nicht nur Beziehungen eingehen, sondern weil im Social Web jeder zum Kommunikator wird. Mehr noch als in der herkömmlichen klassischen PR, sind diese Menschen mehr als Empfänger, sie sind Teil des Ganzen, reden (auch ungefragt) mit und rezipieren Partizipierend. All diesen Personen (intern und extern) muss ein klares Vorstellungsbild der Kultureinrichtung vermittelt werden: Wofür steht die Kultureinrichtung? Was macht sie so einmalig, dass sich andere angezogen fühlen? Mehr noch als früher hat PR hat vor diesem Hintergrund die Aufgabe, intern mit und für die Mitarbeiter ein klares Bild von der Organisation und ihrer Einzigartigkeit zu entwerfen. Nutzen die Mitarbeiter Social Media, werden sie auch von ihrer Einrichtung berichten - berufliches und privates verschwimmen zunehmend. Umso wichtiger ist es, dass die Mitarbeiter zufrieden sind und von der Einzigartigkeit ihrer Kultureinrichtung überzeugt sind und entsprechend kommunizieren. Haben die Mitarbeiter eine klare Vorstellung von der Einzigartigkeit ist es ein Leichtes auch die potentielle Besucher, Geschäftspartner, Sponsoren, ein klares Bild zu vermitteln.

Im Unterschied zur Werbung sind Public Relations auf Dauer angelegt und dienen der Reputation. Vom Marketing unterscheiden sie sich dahingehend, dass Marketing die Funktion hat, so Bernhard Heidel,

„die absatzpolitischen Instrumente eines Unternehmens unter Berücksichtigung des Konsumentenverhaltens zu gestalten”.

In meinem Berufsalltag mache ich oft die Erfahrung, dass Public Relations mit Medienarbeit gleichgesetzt wird. Dass diese Annahme viel zu kurz greift ist, zeigte schon der eingangs erwähnte Hinweis auf die Dialogpartner. Um das öffentlich Vertrauen zu gewinnen sind Newsletter, Flyer, Mitarbeiterzeitschriften, Events, Intranet und Internet, das Social Web sowie die Organisation und/oder Teilnahme an Symposien, um nur einige Beispiele zu nennen, geeignet. Kommuniziert werden hierdurch einerseits Informationen über ganz konkrete Leistungen einer Kultureinrichtung (z. B.  Ausstellungseröffnung, neues Theaterstück) und andrerseits  über den Kulturbetrieb allgemein (Vortragsreihen “Was ist Gegenwart” oder auch zu gesellschaftlichen Themen “Museum Public”).

Häufig wird der Fokus in den Public Relations zu sehr nur auf Kommunikation über die Leistungen gelegt. Ich unterscheide in meinem täglichen PR-Alltag zwischen „Produkt-PR” also die Kommunikation über neue Ausstellungen, Konzerttermine, Lesungen etc., die eher marketingorientiert ist, da sie auf den Verkauf von Tickets abzielen und punktuell (wenn auch kontinuierlich) auftreten. Parallel dazu stehen die Corporate-PR, die kontinuierlich mit übergreifenden, allgemeinen Informationen, Reputationsbildend wirken.

Meine These 1 lautet: Nur wer kontinuierlich Corporate-PR macht, wird längerfristig und nachhaltig auch Erfolg in der Produkt-PR haben, offline oder online. Für Kultureinrichtungen, auch für kleiner und mittlere, ist das Social Web auch aus Public-Relations-Sicht und hier insbesondere für Corporate-PR aus mehreren Gründen interessant. Nicht jede kleine Kultureinrichtung hat die Chance, in den klassischen Medien präsent zu sein sowie Flyer und Newsletter zu gestalten und Vortragsreihen oder Tage der offenen Tür zu organisieren. In dieser Hinsicht bieten Social Media eine Möglichkeit die Dialogpartner kontinuierlich auch mit dem „Blick hinter die Kulissen” an ihrer Arbeit teilhaben zu lassen und ihre Reputation zu schärfen.

Viele Kultureinrichtungen betreiben im Social Web allerdings nur Produkt-PR und wundern sich dann, dass ihr Social-Media-Engagement nur bedingt erfolgreich ist. These 2: Würden sie mehr Corporate-PR zulassen und sich auf Diskussionen einlassen, wären sie sicherlich auch begehrter. Zum einen bieten virtuelle Räume den Kultureinrichtungen die Möglichkeit, sich und ihre Kunst in einem neuen Umfeld zu präsentieren und erlebbar zu machen. Zum anderen führt der Mitmachgedanke, der Dialog, dazu, dass ein Meinungs- und Erfahrungsaustausch stattfindet - Kulturvermittlung  - und sich Aussagen über die Kultureinrichtungen viral verbreiten und die Reputation steigern.

(Der Beitrag war Teil meines Vortrags “Schafft PR mehr Zugang zur Kultur?” im Rahmen des Forum Kulturvermittlung der Pro Helvetia Stiftung)

Wissen sollte frei zugänglich sein ¦ Interview mit Dr. Susanne Gaensheimer, Direktorin des MMK Frankfurt

6 Kommentare » November 4th, 2011

Deutscher Pavillon der Kunstbiennale in Venedig und 20 Jahre Museum für Moderne Kunst Frankfurt: Ein Interview mit der Direktorin Dr. Susanne Gaensheimer über Social Media und Kunstvermittlung.

Dr. Susanne GaensheimerUlrike Schmid: Das MMK nutzt seit gut einem Jahr Social Media, v. a. Facebook zur Kommunikation. Wie lautet Ihr erstes Resümee?
Susanne Gaensheimer: Seit der Anmeldung bei Facebook im Frühjahr 2010 haben wir über 7.000 Fans. Auch wenn die Zahl dabei nicht ausschlaggebend ist, erreichen wir vor allem junge Leute zwischen 25 und 35 als Zielgruppe. Das ist uns sehr wichtig, da gerade diese Personengruppe zu unseren potentiellen Museumsbesuchern zählt.

Facebook bietet uns die Chance, das MMK mit all seinen verschiedenen Facetten zu präsentieren. Wir können etwa mit Reihen wie unserem Mittwochsquiz im Rahmen der Jubiläumsausstellung die Sammlung vorstellen und mit einem Blick hinter die Kulissen, wie bei den Beiträgen zum Ausstellungsaufbau, die Museumsarbeit transparenter machen. All das könnten wir auf unserer Website nicht in diesem Maß darstellen. Wichtig ist uns jedoch, dass auch die Social-Media-Einträge immer inhaltlich fundiert sind. Denn die Entscheidung bei Facebook eine Fanseite einzurichten, haben wir im vergangenen Jahr nicht einfach getroffen, um „auch dabei zu sein”, sondern um eine neue Form der Vermittlung unserer Inhalte anzubieten, die eine spezifische Zielgruppenansprache und auf Facebook abgestimmte Inhalte erfordert. Facebook bietet uns die Chance, unseren Fans täglich einen Einblick in unsere Arbeit zu geben, diese transparenter zu machen und auf unsere Sammlung, Ausstellungen und besondere Highlights aufmerksam zu machen. Besonders die Facebook-User fordern die von uns geteilten Informationen oft als Newsletter. Deswegen verweisen wir häufig auf unsere eigene Website, auf der die interessierten User noch mehr Hintergrundinformationen erfahren.

U. S.: Wo sind die Social-Media-Aktivitäten angesiedelt?
S. G.: Die Social-Media-Aktivitäten sind bei uns in der Abteilung der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, also bei unserer Pressesprecherin Christina Henneke und ihrem Team angesiedelt. Selbstverständlich werden andere Abteilungen des MMK - wie die Kunstvermittlung, die Kuratoren, die Restauratoren oder der Verein der Freunde des MMK - je nach Thema der Beiträge einbezogen.

U. S.: Wie haben Social Media die (Öffentlichkeits-)Arbeit verändert?
S. G.: Die Öffentlichkeitsarbeit des MMK hat sich in den vergangenen Jahren generell verändert. Wir haben erst seit eineinhalb Jahren eine offizielle Stelle „Presse- und Öffentlichkeitsarbeit”. In dieser Zeit haben wir uns stärker und offensiver nach außen geöffnet. Beispielsweise produzieren wir zu unseren Ausstellungen regelmäßig Videos, die wir auf unserer Website sowie bei YouTube und Vimeo einstellen, und auch Veranstaltungen wie etwa die MMK-Talks dokumentieren wir filmisch.

Die Kommunikation über ein junges und aktuelles Medium wie Facebook gehört dann selbstverständlich auch dazu. Da die Kommunikation über Facebook eine ganz andere Ansprache erfordert, ist dadurch ein weiteres Arbeitsgebiet zu den klassischen Medien wie Pressemitteilungen, Web-Texte, Newsletter, Ausstellungsfolder usw. hinzugekommen. Durch die Social-Media-Aktivitäten hat sich die Öffentlichkeitsarbeit auch dahingehend verändert, dass wir viel stärker in unmittelbarem Kontakt zu den Fans und potentiellen Besuchern stehen, wenn diese unsere Pinnwandeinträge kommentieren oder Fragen zu unseren Postings stellen.

U. S.: Wird es weitere Kanäle geben, die Sie in die Social-Media-Kommunikation einbeziehen?
S. G.: Wir beobachten die Entwicklung der Social Media und reagieren entsprechend. Da wir ein sehr kleines Team sind und immer am Rande unserer Kapazitäten arbeiten, muss jeder weitere Social-Media-Kanal auch immer im Verhältnis zum Aufwand gesehen werden. Seit Kurzem sind wir auch bei Flickr. Bei Twitter sind wir derzeit noch nicht, überlegen jedoch, wie wir es sinnvoll nutzen könnten. Wir möchten allerdings nicht unüberlegt herangehen und riskieren, dass wir das personell gar nicht bewältigen können. Es geht uns nicht darum, überall dabei zu sein. Wenn wir uns irgendwo neu einklinken, muss auch immer ein auf dieses Medium zugeschnittenes und praktikables Konzept dahinterstehen.

Wir achten bei der Kommunikation als Museum immer sehr auf die Gleichstellung von Text und Bild. In Zukunft möchten wir vermehrt Ausstellungsvideos in unsere Beiträge einfließen lassen. Dennoch sollen die Beiträge den Museumsbesuch natürlich nicht ersetzen, sondern anregen, motivieren und das Interesse am MMK wecken.

U. S.: Mit der Aktion „Für euch gesammelt” bringen Sie den Facebook-Fans den Sammlungsbestand nahe. Welche Chancen, gerade hinsichtlich der Vermittlung, ergeben sich aus Ihrer Sicht durch Social Media für die Museen?
S. G.: Bei dem Mittwochsquiz „Für euch gesammelt” stellen wir wöchentlich ein Kunstwerk aus dem Museumsbestand vor und stellen oft kniffelige Fragen, die sich nicht nur auf den Titel oder den Namen des Künstlers beziehen, sondern auf Besonderheiten hinweisen, die es zu lösen gilt. So lautete eine unserer Fragen zum Beispiel, was es mit der 150 kg schweren Konfettilandschaft von Markus Sixay auf sich hat. Um die Frage zu beantworten, musste man sich mit dem Kunstwerk auseinandersetzen und einige Zeit recherchieren. Bis jetzt liefen die Beiträge und Kommentare sehr gut. 10 Antwortkommentare empfinden wir dabei als zufriedenstellende Teilnahme.

Wir können unseren Facebook-Fans unseren Sammlungsbestand natürlich nur rudimentär vorstellen. Unser Anspruch lautet aber auch nicht, die Kunstvermittlung mit den Originalen im Museum zu ersetzten, sondern die Lust an der Kunst zu wecken oder das ein oder andere Geheimnis, dass sich um ein Kunstwerk rankt, durch unsere Fragen aufzudecken, bzw. überhaupt darauf hinzuweisen, dass hinter der Oberfläche einer Abbildung vielleicht oder ganz sicher noch Dinge liegen, die es zu entdecken gilt.

U. S.: Für mich ist das Mittwochsquiz eine Form der Kunstvermittlung. Was ist Kunstvermittlung für Sie?
S. G.: Wir sehen unsere Social-Media-Aktivitäten als eine Erweiterung unseres umfangreichen Kunstvermittlungsangebotes und der Öffentlichkeitsarbeit. Die Vermittlungsarbeit im Museum kann dadurch nicht ersetzt werden, da das Erleben der Originale im Museum hierbei immer eine große Bedeutung hat. Jedoch bieten wir auch Kunstvermittlungsprogramme an, in denen sich ein online- und offline-Erleben der Kunst miteinander verbindet: Beispielsweise in einem Ferienworkshop übernahmen Jugendliche für eine Woche den Facebook-Account des MMK und haben ausgehend von ihren Erlebnissen im Museum die Pinnwandbeiträge der Woche eigenständig konzipiert und gepostet.

U. S.: Wie stehen Sie der Einbeziehung der Dialogpartner, sprich potentiellen Besuchern, in den Museumsalltag gegenüber? Also, sie beispielsweise in die kuratorische Arbeit einzubeziehen.
S. G.: Eine Einbeziehung in die allgemeine kuratorische Arbeit kann ich mir nicht vorstellen. Im Rahmen der Museumspädagogik bieten wir allerdings regelmäßig Kooperationsprojekte an, in denen wir Schülerinnen und Schüler einbinden. Bei SHOW UP! haben Schülerinnen und Schüler unter professionellen Bedingungen eine Ausstellung mit Werken der Sammlung zu einem selbst gewählten Thema kuratiert. Die Gruppe entwickelte dabei die Konzeption der Ausstellung. Die Entscheidung über das Thema, über die Auswahl der gezeigten Kunstwerke, sowie deren Hängung im Raum lagen dabei in der Hand der Jugendlichen. Dieses Projekt wurde auch von der Kulturstiftung der Länder ausgezeichnet und wird in den nächsten Monaten fortgesetzt.

U. S.: Seit Sommer ist der Sammlungsbestand des MMK online zu sehen. Was versprechen Sie sich davon? Wie wird das Angebot angenommen?
S. G.: Die Online-Sammlung ist eine tolle Möglichkeit die Vielfalt der Sammlung immer öffentlich darstellen zu können - für jedermann. Das kann schließlich keine noch so umfangreiche Ausstellung leisten. Wir haben einen Sammlungsbestand von über 4.500 Werken internationaler Kunst. Mit einer solchen Konzentration an herausragenden Arbeiten kann kaum ein anderes Museum in Deutschland aufwarten und auch international gilt das MMK als eines der führenden Museen für moderne und zeitgenössische Kunst. Diese Fülle könnten wir in einem Bestandskatalog gar nicht erfassen, weil sie sich ständig weiterentwickelt und wir das finanziell auch gar nicht stemmen könnten.

Wissen sollte frei zugänglich sein, nicht nur für die Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker, für die die Sammlung ein wichtiges Forschungsmedium ist. Jeder sollte die Möglichkeit haben, sich mit den Kunstwerken des Museums auseinanderzusetzen und weiterführende Hintergundinformationen zu erhalten. Generell weckt die Transparenz der Sammlung sicher auch ein Verständnis für die Sammlungstätigkeit eines Hauses.

U. S.: Mein Eindruck ist, dass sich unter Ihrer Leitung das Haus einem breiteren Publikum öffnet. Wie ist die Resonanz etwa auf „MMK After Work”?
S. G.: „MMK After Work” ist eine sehr erfolgreiche Reihe, die wir gemeinsam mit dem Offenbacher Club „Robert Johnson” durchführen. Bei diesem regelmäßig stattfindenden Abend-Event, wie auch bei all unseren Veranstaltungen, geht es uns um Vermittlung. So gibt es nicht nur Musik, Drinks und Essen, sondern auch den ganzen Abend über Führungen, die extrem gut angenommen werden. „MMK After Work” gibt es nun seit einem Jahr und die Resonanz ist enorm. Mit diesem Event erreichen wir auch ein ganz anderes Publikum, ein neues Publikum das wir allmählich auch bei unseren Ausstellungseröffnungen oder an anderen Tagen im Haus sehen.

U. S.: Sie haben für die diesjährige Biennale den Deutschen Pavillon kuratiert und dafür den Goldenen Löwen erhalten. Hat sich dadurch Ihr „Standing” in Frankfurt geändert? Erfährt das MMK einen größeren, öffentlicheren Zuspruch?
S. G.: Dadurch, dass im Zusammenhang mit meinem Namen auch immer das MMK genannt wurde, ist das Haus jetzt natürlich bekannter.

Letztendlich hat aber die Summe aller Maßnahmen, angefangen bei einer veränderten Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, den Social Media und diversen Events, den Kooperationen mit anderen Institutionen wie dem Schauspiel Frankfurt, der Städelschule, dem „Robert Johnson” oder dem Frankfurter Kunstverein dazu geführt, dass das MMK nun stärker im Bewusstsein der Frankfurter Bevölkerung verankert ist.

Vielen Dank Frau Dr. Gaensheimer für das Gespräch.

Bisher erschienene Interviews:

Marcus Bosch, Sinfonierorchester Aachen, Staatsphilharmonie Nürnberg, Waldhauskonzerte Flims, Opernfestspiele Heidenheim
Prof. Dr. Gerd-Christian Weniger, Neanderthal Museum Mettmann
Johannes Reiss, Österreichisches Jüdisches Museum, Eisenach

Prof. Dr. Klaus Schrenk, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München

Max Hollein, Städel Museum, Schirn Kunsthalle und Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt

Dr. Helmut Gold, Museum für Kommunikation Frankfurt

Dr. Alfred Wendel, Duisburger Philharmoniker

Tobias Möller, Berliner Philharmoniker

Werner Lippert, NRW Forum Düsseldorf

Christian Kabitz, Künstlerischer Leiter des Mozartfestes Würzburg

stART11 ¦ Nachgefragt bei Christian Henner-Fehr

2 Kommentare » Oktober 19th, 2011

Am 17. und 18. November findet die dritte Auflage der stARTconference in Duisburg statt. Die stART11 steht in diesem Jahr unter dem Motto „Die Kunst des digitalen Erzählens”. In diesem Jahr wird es einige Veränderung zu den Vorjahren geben. Ein Anlass bei @Kulturmanager Christian Henner-Fehr nachzufragen, der gemeinsam mit Frank Tentler und Harald Link die stART11 organisiert.

Christian Henner-Fehr, Mitorganisator der stARTconference

Christian Henner-Fehr, Mitorganisator der stARTconference

Christian, was verbirgt sich hinter dem Titel „Die Kunst des digitalen Erzählens”, was müssen sich die Besucher darunter vorstellen?
Storytelling bzw. das transmediale Erzählen erleben derzeit einen ziemlichen Hype und nachdem wir glauben, dass darin mittel- und langfristig für den Kunst- und Kulturbereich ein gewaltiges Potenzial steckt, wollen wir im Rahmen der stART11 die vielfältigen Möglichkeiten für Künstler und Kulturbetriebe aufzeigen. Wir sind der Überzeugung, dass sich viele Geschichten, die im Film, im Theater, aber auch in der Musik erzählt werden, in anderen Formaten weiterentwickeln und -erzählen lassen. Das ist schon der Ausgangspunkt für die Entwicklung transmedialer Welten, die nur dann entstehen können, wenn sich die Experten in den verschiedenen (Kunst-)Sparten zusammenschließen. Im Idealfall lassen sich auf diesem Weg neue Wertschöpfungsketten und Erlösmodelle entwickeln, die dazu beitragen, die oftmals kritische finanzielle Situation von Kulturbetrieben zu verbessern.

Die leeren Kassen haben dazu geführt, dass im Kunst- und Kulturbereich fast ausschließlich über Einsparungen diskutiert wird. Für Visionen bleibt da kein Platz mehr, was schade ist, denn Visionen zu entwickeln, kann nicht nur Spaß machen, sondern bringt den Kunst- und Kulturbereich, so meine Überzeugung, auch weiter voran. Nun ist es natürlich zuweilen etwas ermüdend, wenn ein Konferenzpublikum dazu aufgefordert wird, über Ziele und Visionen nachzudenken. Für die stART11 haben wir deshalb die Zeitmaschine angeworfen und sind im Jahr 2020 gelandet. Die Visionen sind bereits erfolgreich umgesetzt worden, was uns nun interessiert ist der Weg dorthin. Es geht im Rahmen der stARTconference daher nicht um die Ausgestaltung einer nett klingenden Vision, sondern es geht um die konkreten Schritte dorthin. Social Media und Transmedia Storytelling sind für uns auf diesem Weg nicht wegzudenken. Das heißt, wir laden die Konferenzteilnehmer nicht nur dazu ein, sich mit den Themen Social Media und Transmedia Storytelling zu beschäftigen, sondern wir unternehmen auch zusammen eine Zeitreise, die uns dann hoffentlich neue und vielleicht auch überraschende Erkenntnisse bringt.

Was kannst du zum Programm sagen?
Im Unterschied zu den letzten Jahren setzen wir bei der stART11 mehr auf Workshops, denn wir verstehen uns als Teil einer Community und da ist es nur logisch, dass man miteinander arbeitet und voneinander profitiert. Im Hinblick auf das Programm haben wir uns die Kritik der letzten Jahre zu Herzen genommen und das Angebot ziemlich reduziert. Statt wie im letzten Jahr sieben Tracks, bieten wir dieses Jahr nur noch maximal drei Tracks gleichzeitig an. Das heißt, die Konferenzbesucher verpassen nicht mehr so viel.

Natürlich stehen die Themen Social Media und Storytelling im Vordergrund. Mit Marcus Brown haben wir einen absoluten Experten aus dem Bereich Digital Storytelling als Keynote-Sprecher gewinnen können. Er wird uns zeigen, dass Geschichten nicht mehr so wie früher einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben müssen. Nicht ohne Grund spricht Brown von „Streamtelling” und hat angekündigt, uns in seinem Vortrag „die Kunst der ewigen Mitte” näher zu bringen.

Ich persönlich freue mich vor allem auf Christoph Deeg und seine Idee, die Entwicklung einer Social-Media-Strategie für eine Kultureinrichtung als Spiel anzulegen. Es wird einen ganzen Tag dauern und wie in einem Spiel so üblich wird es die Guten und die Bösen geben, das heißt, für Spannung ist gesorgt.

Ihr habt für dieses Jahr eine offene Form der Veranstaltungsorganisation gewählt. Wie muss man sich das vorstellen?
Ausgangspunkt ist die Idee, rund um die stARTconference eine Art Community zu entwickeln. Deshalb gibt es neben der Konferenz selbst auch unterschiedliche Formate wie stARTcamps oder stARTtogether, die diese Community kontinuierlich mit Leben füllen. Damit das gelingen kann, muss man sich von der Vorstellung verabschieden, ein Produkt zu entwickeln und es dann erfolgreich verkaufen zu wollen, sondern es geht darum, möglichst viele Menschen zum Beispiel in den Entstehungsprozess einer Konferenz miteinzubeziehen. Das funktioniert nicht immer und überall, weil es erstens Situationen gibt, wo schnelle Entscheidungen gefragt sind und wir das zweitens (noch) nicht gewohnt sind.

Aber wir haben es immer wieder versucht, der Titel der Konferenz „Die Kunst des digitalen Erzählens” etwa ist ein Beispiel, wo das sehr gut funktioniert hat. Von uns, also dem Organisationsteam, kam weder der Vorschlag, noch haben wir am Ende die Auswahl getroffen. In Facebookgruppen haben wir versucht, verschiedene Themenbereiche zu kommunizieren und die jeweiligen Gruppenmitglieder in die Prozesse miteinzubeziehen. Manchmal hat das geklappt, sehr viel häufiger aber auch nicht. Mit ein Grund ist die fehlende Zeit. Je näher die Konferenz rückt, desto eher neigt man dazu, die Dinge selbst zu machen als erst in einer Gruppe einen unter Umständen längeren Diskussionsprozess zu starten. Ich hoffe, wir lernen davon und machen das dann bei der stART12 besser.

In welchen Bereichen braucht ihr noch Unterstützung?
Im Augenblick können wir noch direkte Kontakte zu den klassischen Medien gut gebrauchen, denn wir würden uns wünschen, dort sehr viel präsenter zu sein. Ansonsten hilft es uns am meisten, wenn möglichst viele Menschen nach Duisburg kommen und dazu beitragen, dass es wieder zwei tolle Tage werden.

Ihr habt nicht nur eine neue Organisationsform, sondern auch eine neue Location gewählt, die auch kleiner ist. Wie wirkt sich die neue Umgebung auf den Ablauf aus?
Es sind mehrere Faktoren, die dazu geführt haben, dass die stARTconference dieses Jahr in Duisburg-Ruhrort stattfindet. Dieses Viertel rund um den weltgrößten Binnenhafen hat sich in den letzten Jahren zu einem „Kreativquartier” entwickelt, dessen Atmosphäre und Energie wir nicht nur für die Konferenz, sondern darüber hinaus nutzen wollen. Hinzu kommt, dass wir mit der Firma Haniel und der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung Duisburg zwei Partner gewonnen haben, die uns nicht nur bei der stART11 unterstützen, sondern mit denen wir über das Jahr 2011 hinaus Projekte planen. Von unschätzbarem Wert ist es natürlich, dass uns Haniel die Räumlichkeiten zur Verfügung stellt. Auch für das Abendprogramm haben wir mit dem Binnenschifffahrtsmuseum eine tolle Location in Duisburg-Ruhrort gefunden.

Das Thema „Visionen” ist in den vergangen Monaten immer wieder in verschiedenen Blogbeiträgen thematisiert worden (etwa Axel Kopp, Christian Gries, Christoph Deeg oder Sebastian Hartmann). Es gab eine Blogparade zum Konzert der Zukunft und Christoph Deeg und ich planen ein Diskussionsforum dazu. Dennoch scheinen sich Kultureinrichtungen damit schwer zu tun. Wie visionär müssen deiner Meinung nach Kultureinrichtungen sein?
Ja, sie tun sich schwer, aber wir sollten nicht ungerecht sein, denn das Fehlen von Visionen zeichnet nicht nur den Kunst- und Kulturbereich aus. Wir leben gerade in einer Zeit, die von vielen auch deshalb als so negativ empfunden wird, weil uns die übergeordneten Ziele abhandengekommen sind.

Wer sich nur ein Stück weit von der Realität entfernt, wird der Realitätsferne bezichtigt und wenn wir uns über die Zukunft von Kultureinrichtungen Gedanken machen, dann geht es meist nur um Einsparungspotenziale. Ich habe vor einiger Zeit „The Hypothetical Development Organization” entdeckt, die unter dem Motto „Implausible Futures For Unpopular Places” versucht, unattraktive Gebäude oder Plätze mit einer hypothetischen, aber absolut unrealistisch scheinenden Zukunft auszustatten. Und obwohl das Projekt „nur” als Ausstellung konzipiert war, hat es trotzdem etwas in Gang gesetzt, was sich letzten Endes positiv auf die Entwicklung der Gebäude und Plätze und damit auch auf die jeweilige Region ausgewirkt hat. Einen ähnlichen Ansatz wünsche ich mir für den Kunst- und Kulturbereich. Auch wenn unsere Visionen vielleicht völlig unrealistisch sind. Sie geben uns trotzdem die Energie, die nötig ist, um Entwicklungen positiv zu beeinflussen.

Viele Kultureinrichtungen fangen gerade erst an, sich mit den verschiedenen Social Media zu befassen. Transmedia Storytelling ist noch mal eine ganz andere Dimension, da es mehr ist als den Content auf den verschiedenen Plattformen zu verteilen. Überfordert ihr die Kultureinrichtungen nicht mit dem Thema?
Ich denke nicht, denn unsere Absicht ist es ja nicht, sofort alle Kultureinrichtungen dazu zu bringen, Transmedia Storytelling zu betreiben. Aber mit dem Thema sollte man sich schon einmal beschäftigen, die drei Jahre Rückstand auf die USA sind bald rum. ;-)

Für alle, die in diesem Thema noch nicht so bewandert sind: Kannst du es kurz zusammenfassen oder auf einen Überblicksartikel verweisen?
Wenn mir die Werbung in eigener Sache gestattet sei, ich habe vor einiger Zeit einen Blogbeitrag geschrieben, in dem ich mich mit den Grundlagen von Transmedia Storytelling beschäftigt habe. Empfehlen kann ich aber auch den Leitfaden von Robert Pratten „Getting Started in Transmedia Storytelling“.

Ich finde ja die „Ken-und-Barbie-Geschichte” ein sehr anschauliches und auch auf Kultureinrichtungen übertragbares Beispiel dafür, wie transmedial ein Geschichte erzählt werden kann. Kannst du weitere anschauliche Beispiele nennen, an denen sich Kultureinrichtungen orientieren können?
Einer meiner Favoriten ist „Inanimate Alice“, die Geschichte eines zehnjährigen Mädchens. Diese „digital novel” zeigt, dass solche Projekte auch im kleinen Rahmen entstehen können, wobei ich mit „klein” auf den Vergleich mit diversen Großproduktionen anspiele, die schon sehr, sehr teuer sind. Auf der stARTconference werden wir erfahren, wie sich die Geschichte von Peer Gynt weiter erzählen lässt. „Peers return” ist deshalb so interessant, weil geplant ist, diese Geschichte auch als Musiktheater fortzuführen.

Zurück zur stART11: Wo finden Interessierte weitere Infos zur stART11 und wo gibt’s Tickets?
Informationen zum Programm, zu den Sprechern, ja ganz generell zur Konferenz gibt es auf unserem Blog. Damit aber niemand sich die Informationen mühsam zusammensuchen muss, haben wir eine eigene Übersichtsseite eingerichtet, über die man ganz gezielt die benötigten Themenbereiche ansteuern kann.

Die Tickets kosten dieses Jahr nur 144 Euro, unsere Partner Haniel und die Gesellschaft für Wirtschaftsförderung Duisburg haben dazu beigetragen, dass die Tickets so günstig zu haben sind. Die Bestellung erfolgt ganz einfach über unser Online-Formular, gezahlt wird dann per Banküberweisung.

Christian, vielen Dank für die ausführlichen Antworten!

Kulturvermittlung transmedial

1 Kommentar » Oktober 5th, 2011

screenshot_ken-barbieBei Transmedia Storytelling denke ich auch an die „Ken-will-Barbie-wiederhaben-Geschichte”. Hier hat Mattel verschiedenste Social Media genutzt, um die Wiedervereinigung des Traumpaares zu erzählen und auch die Dialogpartner einzubeziehen. Mehrfach hat Mashable darüber berichtet (u. a. hier  und hier).

Seit ich von dieser Geschichte gelesen habe, stelle ich mir von, wie es wohl wäre, in einer ähnlichen Form über die verschiedensten Social Media - transmedial eben - die Vorbereitungen zu einer Ausstellung oder eines Festivals zu erzählen. Von Anfang an die Dialogpartner am Entstehungsprozess teilhaben zu lassen: Wie entsteht die Idee zu einer Ausstellung oder zu einem Schwerpunktthema eines Festivals, wie wird angefangen, welche Telefonate und Meetings müssen abgehalten werden, welche Reisen unternommen. Wie werden Künstler und Arbeiten ausgewählt etc. Ein (fiktiver) Kurator oder eine Festivalleiterin könnte den Entstehungsprozesses durch Check-Ins, ergänzende Blogbeiträge und Notizen via Twitter, Google plus oder Facebook sowie Fotos der ausgewählten oder in der engeren Auswahl stehenden Arbeiten den Entstehungsprozess dokumentieren und die Dialogpartner mit auf die Reise nehmen.

Ich denke Geschichten rund um solch einen Entstehungsprozess sind vielfältig und spannende Geschichten (und Anekdoten) gibt es sicherlich viele zu erzählen. Durch diese Form des Geschichten-Erzählens über verschiedenste Medien hinweg könnten Kultureinrichtungen v. a. auch dem Aspekt der Kulturvermittelung hervorragend nachkommen. Die Neugierde wird geweckt, indem komplexe Zusammenhänge erklärt, Prozesse gestaltet und Beziehungen gepflegt werden. Und so dürfte am Ende einem realen Besuch dessen, was die Dialogpartner wochenlang online verfolgt haben, nichts mehr im Weg stehen.