Posts Tagged ‘Ausstellung’

Ausstellungstipp ¦ Re:Visionen

Freitag, August 13th, 2010

Re:Visionen - Vorstellungen revidieren - ist eine Serie von Fotografien, entstanden im unmittelbaren Anschluss an die Flohmarktbesuche des Künstlers Norbert Hayduk, die ab Sonntag (15. Aug.) im Alten Fundament in Bremen zu sehen ist.

Regenschirm, Foto ©Norbert Hayduk 2008

Regenschirm, Foto ©Norbert Hayduk 2008

Seit 2007 hat der Wahlbremer seine ganz eigene Art entwickelt, seine Flohmarktjagd zu gestalten und zu dokumentieren. Wenn am Ende des Verkaufstages sich die Plätze und Straßen leeren, nicht nur der Müll zurückblieb, sondern auch die Verkäufer einige Waren aussortierten und zurückließen machte sich Norbert Hayduk auf die Pirsch. Er beobachtete das Geschehen und merkte, dass eine andere Schicht von Sammlern diesen Ort aufsuchte. Es waren diejenigen, die die Hinterlassenschaften der Verkäufer durchsuchten und vieles davon mitnahmen. In diesen kurzen Momenten zog er seine Kamera und fing an, einige dieser Bagatellen zu fotografieren. Ein zurückgelassener Schirm, ein Fernseher, eine Friteuse - das Wettrennen um die Sachen wurde eröffnet zwischen ihm, den Restesammlern und den Reinigungskräften, die den Platz zu säubern begangen.

Seine Motive sind unverfälschte Bestandsaufnahmen. Sie wurden weder von ihm in irgendeiner Form arrangiert, noch erfahren die Fotos irgendwelche Montage in der Bildbearbeitung. Norbert Hayduk hält den kurzen Moment fest, indem ein Kreislauf des Besitzerwechsels neu angeregt wird, oder durch die Reinigungskraft beendet wird. Damit wird ein Stück der Geschichte der an diesem Kreislauf teilnehmenden Menschen, aber auch der Gegenstände selbst, erfasst, ohne dass sie selbst auf diesen Fotos zu sehen sind. Wem gehörte der Gegenstand - der Schirm -, wurde er nur vergessen, sollte er überhaupt verkauft werden, warum wurde er zurückgelassen? Diese und andere Fragen entspinnen sich im Kopf des Betrachters und sind die Geschichte hinter dem Bild.

Die Ausstellung ist ab 15. August im Alten Fundamt, Auf der Kuhlen 1a in Bremen/Steintor zu sehen. Die Ausstellungsdauer ist noch offen.

Weitere Informationen über den Künstler und seine Arbeiten gibt es unter www.hayduk.de.

Nachtrag: Die Ausstellung ist bis 3. September 2010 zu sehen.

Ausstellungstipp ¦ FischGrätenMelkStand

Freitag, Juli 23rd, 2010

FischGrätenMelkStand ist der Titel des Abschlussprojekts der Temporären Kunsthalle Berlin, das der Künstler John Bock kuratiert. Wie die vorangegangenen von Künstlerinnen und Künstlern kuratierten Ausstellungen stellt auch sein Konzept eine ausgeprägt subjektive künstlerische Perspektive in den Mittelpunkt.
FischGrätenMelkStand Ausstellungsansicht Temporäre Kunsthalle Berlin 2010; Foto: Jan Windszus_41

Für FischGrätenMelkStand hat John Bock eine virtuose Meta-Struktur entwickelt, in der er die Werke von 63 Künstlern, Architekten und Komponisten installiert. Neben Installationen, Filmen, Modellen und Skulpturen finden sich darin auch historische Filmrequisiten, Partituren, Bücher und Fanartikel. Der aus der Milchviehwirtschaft entlehnte Begriff „Fischgrätenmelkstand” bezeichnet die formale Struktur eines Gruppenmelkstandes und ist titelgebend für die elf Meter hohe Stahlkonstruktion, die auf vier Ebenen unterschiedliche Raumsituationen schafft und die einzelnen Arbeiten in einer Art Gesamtkunstwerk vereint. Die begehbare Installation hat nahezu die Dimensionen eines Berliner Mietshauses, mit einer Grundfläche von knapp 150 qm pro Etage. Die darin eingepasste, provisorisch wirkende Raumarchitektur besteht aus einem Materialsammelsurium wie Wellblech, Holz, Autoreifen, Decken, Socken oder verbrannten Pizzen.

Im Gegensatz zum klassischen White Cube bietet dieses dichte Szenario den ausgestellten Arbeiten alles andere als einen neutralen Rahmen. Innerhalb der gleichermaßen funktionalen wie grotesken Struktur fusionieren die Kunstwerke mit dem sie umgebenden Raum oder stehen in scharfem Kontrast dazu. Auf diese Weise erzeugt John Bock überraschende, poetische, formale sowie inhaltliche Verknüpfungen und Widersprüche, die auf Popkultur, Architektur, Film, Wissenschaft und Alltag ebenso Bezug nehmen wie auf Parapsychologie, Musik und Mode.

In seinen eigenen Arbeiten befasst sich John Bock mit offenen Strukturen, für die er absurde Formen von ebenso verspielter wie zwingender innerer Logik findet. Aus dem Ineinandergreifen verschiedener Medien - Skulptur, Installation, Film, Performance - entsteht sein vielfältiges Werk, innerhalb dessen der Künstler häufig selbst als Protagonist auftritt und in unübersichtlichen, surrealen Versuchsanordnungen seinen Kosmos erläutert. Für FischGrätenMelkStand dreht John Bock dieses Prinzip um und erlaubt dem Betrachter an seiner Stelle das prekäre Gebilde, dessen bizarren Raumkonstellationen und die darin enthaltenen Kunstwerke zu erforschen.

Die Ausstellung ist noch bis 31. August in der Temporären Kunsthalle Berlin zu sehen.

Ausstellungstipp ¦ Barbara und Katharina Grosse

Freitag, Juli 2nd, 2010

Mit der Ausstellung „Barbara und Katharina Grosse” zeigt das Museum für Neue Kunst erstmals eine Doppelausstellung, in der Mutter Barbara (geb. 1938) und Tochter Katharina Grosse (geb. 1961) ihre Werke gemeinsam ausstellen.

Bereits Ende Mai hat Katharina Grosse, eine der international bedeutendsten Vertreterinnen der Gegenwartskunst, mit ihrer Arbeit in Freiburg begonnen. Denn sie liefert keine fertigen Werke, sondern schafft malerische Rauminstallationen, die vor Ort entstehen. Grosses Arbeit ist von einem anarchischen Impuls geprägt. Seit über zehn Jahren arbeitet die in Freiburg geborene und heute in Berlin lebende Künstlerin an einer Bildform, die alle festgelegten Grenzen und Hierarchien außer Kraft setzt. In einem offenen System des ästhetischen Geschehens zwischen Wirklichkeit und Vorstellung laufen hier Architektur, Skulptur und Tafelbild in einem Objekt zusammen, verbinden sich zu einer farbenprächtigen, alle Kunstgattungen überschreitenden bildnerischen Erscheinung.

Barbara Grosse beschäftigt sich seit vielen Jahren mit zeichnerischen und graphischen Ausdrucksformen, die Spuren des Zufalls mit gezielten bildnerischen Eingriffen verbinden. Auch sie hat für Freiburg neue Werke geschaffen, die auf die Räumlichkeiten zugeschnitten sind. In einer Installation werden sich ihre großformatigen Radierungen von der Wand lösen und mit fast unmerklicher Bewegung im Raum zu schweben scheinen.

Die Ausstellung „Barbara und Katharina Grosse” erzählt nicht nur eine besondere, persönliche Art von Familiengeschichte, sondern schlägt auch einen Bogen zwischen den künstlerischen Medien und den Künstlergenerationen.

Die Ausstellung ist noch bis zum 17. Oktober in der Ausstellungshalle der Städtischen Museen Freiburg im Augustinermuseum zu sehen.

Kulturtipp ¦ Rodney Graham. Through the Forest

Freitag, Juni 18th, 2010
Studiokulisse von Allegory of Folly. Study for an Equestrian Monument in the Form of a Wind Vane, 2005 Courtesy the artist Photo: Scott Livingstone

Studiokulisse von Allegory of Folly. Photo: Scott Livingstone

Die Ausstellung des kanadischen Künstlers Rodney Graham “Through the Forest” im Kunstmuseum Basel gibt Einblick in die Entwicklung seines umfassenden Werkkomplexes. Die Wurzeln von Grahams Arbeitsweise, die beeinflusst ist von der Konzeptkunst der 1970er Jahre, und seine Art des Denkens begründen sich in der Adaption von literarischen Modellen.

Seine erste große fotografische Arbeit, 75 Polaroids, schuf Graham 1976. Die Serie von Schnappschüssen wurde nachts während eines Spaziergangs in den Wäldern rund um Vancouver aufgenommen und in der Pender Gallery in Vancouver ausgestellt; dies war zugleich Grahams erste Einzelausstellung und markiert den Beginn seiner Kariere als Künstler. 75 Polaroids enthält Elemente, die essentiell für seine späteren Arbeiten sind, in denen sich seine Faszination für fotografische Prozesse zeigen, die Objekte reiner Repräsentation in autonome Bilder übertragen, genauso wie die Idee, verschiedene Orte nachts mit einem Blitzlicht zu erleuchten. Im Anschluss an diese Arbeit experimentierte Graham mit einer Camera Obscura, die er selbst anfertigte und dazu benutzte, archäologische Fundorte während seines Aufenthaltes in der American Academy in Rome zu fotografieren. Diese Reihe von Arbeiten kulminierte in der Serie Rome Ruins (1978). 1984 wurde die bahnbrechende Außeninstallation mit dem Titel Two Generators in Vancouver ausgestellt.

Ein wesentlicher Teil der Ausstellung ist den frühen Arbeiten gewidmet und der Entwicklung seines Werkes. Aus diesem Grund wurde Yves Gevaert - ein belgischer Verleger, mit dem Rodney Graham viele seiner frühen Bücher publizierte - dazu eingeladen, erstmalig Einsicht in seine umfassende Materialsammlung an Büchern, Schriften, Fotografien und Entwurfzeichnungen zu geben, die es dem Besucher erlauben, Verbindungen zu Grahams Arbeitsmethode herzustellen. Eine Ansammlung von weiteren Materialien wurde außerdem hinzugenommen, die wesentlich zum Verständnis von Rodney Grahams Denkweise beitragen. Die Buchbindungen- und einbände, die Graham selber entwarf, sind beispielsweise Vorläufer der Judd-artigen Objekte.

Ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind seine späteren Filmen, die - auf formaler Ebene - die Tradition von konzeptuellen Textarbeiten und Phänomenen optischer Erscheinungen des Lichts in Hinsicht auf Thema und Motiv weiterführen.

Ein weiterer Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit der Rolle des Künstlers. In der Videoarbeit Lobbing Potatoes at a Gong, 1969 (2006) stellt Graham eine Szene nach, die auf eine Anekdote eines Pink-Floyd-Konzerts zurück geht, bei dem ein Musiker Kartoffeln auf einen Gong warf. Ein Destilliergerät, mit dem Graham aus den Kartoffeln, die den Gong getroffen haben, Wodka machen ließ und der Wodka selbst sind Teil der Installation. Rodney Graham interessiert sich für diese Art von „Übersetzungsprozessen”: Dinge, die der Literatur entstammen, werden zu physischen Objekten, sobald sie in ein neues Medium übertragen werden.

Schließlich präsentiert sich Rodney Graham als ein Maler, der sich, im Gegensatz zu The Gifted Amateur, der Stilrichtung der sogenannten École de Paris zuwendet, um abstrakte Gemälde im Stil dieser Periode zu produzieren. Die Ausstellung Through the Forest zeigt einen langen Weg auf, der bei der Adaption von literarischen Modellen und der Aneignung von entscheidenden Momenten der Kunstgeschichte beginnt, über beeindruckende Filmarbeiten führt und letztendlich beim klassischsten aller Medien endet, der Malerei.

Die Ausstellung wurde organisiert vom Museu d’Art Contemporani de Barcelona in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Basel, dem Museum für Gegenwartskunst und der Hamburger Kunsthalle und ist noch bis 26. September 2010 zu sehen.