Posts Tagged ‘Fotografie’

Ausstellungstipp ¦ I still do. Leben und Lieben mit Alzheimer

Freitag, Oktober 1st, 2010

Die Ausstellung „I still do. Leben und Lieben mit Alzheimer” zeigt ergreifende Porträts eines Mannes mit Alzheimer. Gesehen und beschrieben durch die Augen seiner Ehefrau und Pflegepartnerin - der Fotografin Judith Fox.

Fragments Foto: Judith FoxEntstanden sind eindrucksvolle Momentaufnahmen eines fortschreitenden Prozesses: Bilder voller Nähe, Zärtlichkeit und manchmal auch voller Erstaunen. Zusammen mit dem von ihr verfassten Buch wurde daraus ein beeindruckendes Porträt eines Alzheimer-Kranken.  - aus der Sicht einer Angehörigen. Judith Fox gibt der Krankheit ein Gesicht und möchte so das Gefühl der Isolation bei den pflegenden Angehörigen lindern und der Stigmatisierung der Krankheit entgegenwirken.

Ed sleeping, Foto: Judith FoxDer Fotografin geht es vor allem darum, mit den Bildern aus ihrem ganz privaten Umfeld, Einblicke zu geben, was die Diagnose Alzheimer für den Einzelnen und seine Angehörigen bedeuten kann. „Es gibt viele falsche Ansichten zu der Krankheit - manchmal auch bei den Betroffenen selbst”, sagt sie. So habe auch ihr Ehemann einige Jahre lang nicht gewollt, dass die Menschen von seiner Alzheimer-Erkrankung erfuhren. Er wollte mit Respekt behandelt werden, hatte Angst, die Leute dächten, er sei verrückt. Für Fox wäre aber gerade ein offenerer, transparenterer Umgang mit Alzheimer wichtig.

Bei ihrem Ehemann, Dr. Edward Ackell, wurde nach dreijähriger Ehe eine Alzheimer-Erkrankung diagnostiziert. Während der nächsten zehn Jahre erlebte Judith Fox die Veränderungen ihres Mannes mit: „Dies sind einige der Dinge, die mein Ehemann früher getan hat: ein Flugzeug steuern, Menschen operieren, weltweite Beratungen vornehmen, eine Universität und medizinische Zentren leiten, vier Holes-in-One schlagen und im selben Basketballteam wie Bob Cousy spielen, einem ehemaligen Profi-Basketballer”, schildert sie. Und: „Dies sind einige der Dinge, die mein Ehemann nicht mehr tun kann: Den Weg zu einem unbekannten Badezimmer und wieder zurück finden, die Kaffeemaschine bedienen, ein Golfturnier spielen oder sich an das erinnern, was ich ihm vor zwei Minuten erzählt habe.”

Die Fotografien sind noch bis 5. November im Theodor Tucher in Berlin zu sehen.

Ausstellungstipp ¦ Re:Visionen

Freitag, August 13th, 2010

Re:Visionen - Vorstellungen revidieren - ist eine Serie von Fotografien, entstanden im unmittelbaren Anschluss an die Flohmarktbesuche des Künstlers Norbert Hayduk, die ab Sonntag (15. Aug.) im Alten Fundament in Bremen zu sehen ist.

Regenschirm, Foto ©Norbert Hayduk 2008

Regenschirm, Foto ©Norbert Hayduk 2008

Seit 2007 hat der Wahlbremer seine ganz eigene Art entwickelt, seine Flohmarktjagd zu gestalten und zu dokumentieren. Wenn am Ende des Verkaufstages sich die Plätze und Straßen leeren, nicht nur der Müll zurückblieb, sondern auch die Verkäufer einige Waren aussortierten und zurückließen machte sich Norbert Hayduk auf die Pirsch. Er beobachtete das Geschehen und merkte, dass eine andere Schicht von Sammlern diesen Ort aufsuchte. Es waren diejenigen, die die Hinterlassenschaften der Verkäufer durchsuchten und vieles davon mitnahmen. In diesen kurzen Momenten zog er seine Kamera und fing an, einige dieser Bagatellen zu fotografieren. Ein zurückgelassener Schirm, ein Fernseher, eine Friteuse - das Wettrennen um die Sachen wurde eröffnet zwischen ihm, den Restesammlern und den Reinigungskräften, die den Platz zu säubern begangen.

Seine Motive sind unverfälschte Bestandsaufnahmen. Sie wurden weder von ihm in irgendeiner Form arrangiert, noch erfahren die Fotos irgendwelche Montage in der Bildbearbeitung. Norbert Hayduk hält den kurzen Moment fest, indem ein Kreislauf des Besitzerwechsels neu angeregt wird, oder durch die Reinigungskraft beendet wird. Damit wird ein Stück der Geschichte der an diesem Kreislauf teilnehmenden Menschen, aber auch der Gegenstände selbst, erfasst, ohne dass sie selbst auf diesen Fotos zu sehen sind. Wem gehörte der Gegenstand - der Schirm -, wurde er nur vergessen, sollte er überhaupt verkauft werden, warum wurde er zurückgelassen? Diese und andere Fragen entspinnen sich im Kopf des Betrachters und sind die Geschichte hinter dem Bild.

Die Ausstellung ist ab 15. August im Alten Fundamt, Auf der Kuhlen 1a in Bremen/Steintor zu sehen. Die Ausstellungsdauer ist noch offen.

Weitere Informationen über den Künstler und seine Arbeiten gibt es unter www.hayduk.de.

Nachtrag: Die Ausstellung ist bis 3. September 2010 zu sehen.

Ausstellungstipp ¦ Jeff Wall – Transit

Freitag, Juli 9th, 2010

Jeff Wall Storyteller, 1986Gleich die erste Fotoarbeit After ‚Invisible Man’ by Ralph Ellison, the Prologue (1999-2000), die ich von Jeff Wall bei der Documenta 11 gesehen habe, hat bei mir einen derart nachhaltigen Eindruck hinterlassen, dass mich seine Arbeiten nicht mehr losgelassen haben. Es folgte die große, monographische Schau im Jahr 2004 im Baseler Schaulager und immer wieder sah ich The Storyteller (1986) im MMK Frankfurt .

Jetzt gibt es wieder eine größere Schau: Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zeigen im Lipsiusbau 26 Werke des kanadischen Fotokünstlers aus Vancouver. Eine durchaus beachtliche Zahl für den sorgfältig arbeitenden Jeff Wall mit seinem überschaubaren Oeuvre.

Das Faszinierende an diesen Fotoarbeiten ist für mich, Walls Fähigkeit Geschichten zu erzählen und Fragen aufzuwerfen. Auf den ersten Blick wirken die Fotografien wie beiläufige Beschreibungen von Alltagsszenen und wie zufällig geknipst. Doch dann - auf den zweiten Blick - werden die aufwändige konstruierten und theatralischen Inszenierung offensichtlich. Und plötzlich scheint so gar nichts mehr dem Zufall überlassen zu sein. Häufig sind urbane und häusliche Szenarien sein Sujet in denen er Laienschauspieler und Details in aufwändigen Einzelaufnahmen festhält und anschließend zu einem Gesamtbild montiert. Er verschmilzt Elemente der Fotografie mit denen des Films und der Malerei. So sind diese Fotografien perfekt ausgeleuchtet, nachgestellt und sehr genau geplant.

Jeff Wall, Restoration, 1993

Die Leuchtkästen geben den Großbilddias einen ganz eigenen Status: Sie sind weder Projektionen auf der Wand noch gerahmte Bilder an der Wand und doch irgendwie beides - Bilder im Raum. Der größte Leuchtkasten der Auswahl mit dem Titel Restoration (1993), schlägt eine Brücke nach Dresden. Denn „er thematisiert Wiederherstellung und Bewahrung der Vergangenheit anhand der Restaurierung eines monumentalen Panoramagemäldes”, so der Direktor der Galerie Neue Meister, Prof. Dr. Ulrich Bischoff.

Jeff Wall, Morning Cleaning, 1999

Ähnlich verhält es sich mit der Arbeit Morning Cleaning (1999), die Mies van der Rohes Deutschen Pavillon in Barcelona zeigt: Die akkurate Stuhlreihe ist verschoben, auf dem Teppichboden liegen Fussel, eine Reinigungskraft wischt den Boden. Jeden Morgen muss das kulturelle Erbe von Neuem hergerichtet werden. Der dokumentarisch wirkende Leuchtkasten ist ein Beispiel für Jeff Walls „kinematografisches” Werk.

Die Ausstellung Transit (bis 19. September 2010) bezieht sich auf die feinen Übergänge, sei es zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit, sei es zwischen Stadt und Land oder eine verborgene Geschichte, die es zu entdecken gilt. Und es gibt viel zu entdecken in den Arbeiten Jeff Walls.

Kulturtipp ¦ Tuomo Manninen - „We / Wir“

Freitag, April 2nd, 2010

©Tuomo ManninenFotografien aus der Serie „We / Wir” des finnischen Fotografen Tuomo Manninen zeigt derzeit der Kunstverein Ulm.

Die Serie gibt Auskunft über Differenzierung und sichtbare Unterschiede in einer immer mehr zusammenwachsenden Welt. Sie beleuchtet das Verhältnis von Individuum, Gruppe und Gesellschaft und zeigt, wie Menschen sich selbst erleben und sehen und wie sie erlebt und gesehen werden wollen. Manninens Fotos erfahren in der Nachbearbeitung keine Manipulation oder Retusche. Er fühlt sich dem Gesehenen und den abgebildeten Personen verpflichtet. Dennoch unterliegen die Arbeiten einer vorsichtigen, aus der Situation sich ergebenden und eher intuitiven Bildregie durch den Fotografen. Die Grenze zwischen Selbstdarstellung und Rollenspiel gerät dabei ins Schwimmen. Eine Ähnlichkeit mit Theaterszenerien drängt sich auf. Jedes Foto zeigt sich wie eine einzelne eingefrorene Szene, wobei der die Gruppe prägende Ort häufig die „Bühne” ihres „Auftritts” darstellt. So präsentieren sich die Schornsteinfeger des 3. Kehrbezirks von Helsinki hoch auf den Dächern der finnischen Hauptstadt und der Verein der Eisschwimmer bibbernd im Badeanzug auf einer Plattform im See.

Den Fotografien sagen Kritiker eine gewisse Eingängigkeit nach, eine Einfachheit, die es leicht mache, die Bilder zu lesen. Die Fotos zeigen Zentralperspektiven von Innenräumen oder absichtsvolle diagonale Strukturen. Die dargestellten Personen folgen oft einem pyramidalen Aufbau. Von rechts oder links schieben sich Figuren oder Gegenstände vom Rand her ins Bild: Ein an einem Schreibtisch lehnender Besen oder ein hölzerner „Bollerwagen”. Tuomo Manninen zitiert hier ganz eindeutig Bildformeln der Malerei: das „Repoussoir” der Renaissance, einen Gegenstand im Vordergrund, groß und prägnant, durch den das Bild in „vorne” und „hinten” geschieden wird und der ihm dadurch scheinbar Tiefe verleiht. Oder er erinnert an die niederländischen Gruppenporträts des 17. Jahrhunderts, des goldenen Zeitalters, gewendet ins Heutige: die Börsenmakler in Helsinki oder Biker mit ihren Maschinen in Riga. Durch das Aufgreifen solcher traditioneller Bauprinzipien von Bildern erscheinen Manninens Fotografien seltsam vertraut, auch weil die gewählten Orte banal, alltäglich erscheinen: Kirmesplatz, Hallenbad, Wohnsiedlung.

In ihrer Gesamtheit formulieren die Bilder eine „Geschichte von heute”. Wir erfahren etwas von „dress codes”, vom Lebensgefühl, von Hierarchien, von Veränderungen. Tuomo Manninen will nach eigener Aussage Bilder vorstellen, die „zeitlos im Transitorischen” sind. Er ist sich dessen bewusst, dass er mit seinen Fotografien Individuen und die aus ihnen gebildeten Gruppen im „Übergang”, zu einem bestimmten Zeitpunkt im Laufe einer Entwicklung, auf das Bild bannt. Identität findet sich, wandert mit den Menschen als ihr Träger in Zeit und Raum. Nichts zeigt das besser als die Fotografien der Friseursalons, der Afro-Shops, der Väter mit ihren Kindern, die man so oder so ähnlich inzwischen in vielen Städten finden kann. Sich auflösende Strukturen - wie die Selbstsicherheit und Selbstzufriedenheit bestimmter Berufs- oder sozialer Gruppen, daneben neue Realitäten einer sich immer weiter verschränkenden Welt, all das wird an der fotografischen Bestandsaufnahme von Tuomo Manninen ablesbar, die auch kulturhistorisches Dokument ist.

Noch bis zum 24. Mai im Kunstverein Ulm zu sehen.