Posts Tagged ‘Fotografie’

Kulturtipp ¦ Mit Abstand – Ganz nah

Freitag, März 26th, 2010

Jens Rötzsch Leipzig, August 1987 (aus der Serie: Protokoll-Strecken) 1987-1991 © Jens Rötzsch

Jens Rötzsch Leipzig, August 1987 (aus der Serie: Protokoll-Strecken) 1987-1991 © Jens Rötzsch

Mit Abstand - Ganz nah. Fotografie aus Leipzig ist derzeit in den Opelvillen Rüsselsheim zu sehen.

Noch immer bewegt sich das kunstgeschichtlich recht junge Medium der Bildenden Kunst - die Fotografie - zwischen Dokumentarischem und konzeptuell Inszeniertem.

Wie so oft prägen Schulen und Akademien nachhaltig die künstlerischen Auffassungen und Strategien für Generationen. Eine davon ist die Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig, die die wichtigste Ausbildungsstätte für künstlerisch ambitionierte Fotografie in der DDR war. Sie prägte in den 1980er-Jahren jene Fotografengeneration, welche die Dominanz des agitatorischen Bildjournalismus unterminierte und eigene Handschriften entwickelte. Die kritische, soziologisch-empirische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, der Blick auf die Menschen und ihre sozialen Zwänge stehen seither im Fokus der Leipziger Fotografie.

Obwohl man Leipzig im Kunstbereich häufig zuerst mit traditionsreicher Malerei verbindet, war und ist die Stadt schon immer ein Ort, an dem die Fotografie sowohl als künstlerische Disziplin als auch als akademisches Lehrfach eine wichtige Rolle spielt. Die Ausstellung gibt mit Werken von 25 Künstlerinnen und Künstlern, die alle an der Hochschule für Grafik und Buchkunst ein Studium absolviert haben, einen Überblick zur Leipziger Fotografie seit den späten 1970er-Jahren bis in die unmittelbare Gegenwart hinein. Ausgehend von der Sammlung Fotografie des Kunstmuseums Dieselkraftwerk Cottbus, die zu den bedeutendsten ostdeutscher Fotokunst zählt, zeigt die Ausstellung rund 140 markante Werke ostdeutscher Fotokunst  und exemplarische Arbeiten der nachrückenden Künstlergeneration(en), darunter etwa 90, die nach 1990 entstanden sind. Rund 40 Exponate stammen aus Cottbus, 100 weitere Arbeiten sind Leihgaben von Künstlern und Galerien aus Leipzig und Berlin.

Die Weiterentwicklung konzeptuell unterschiedlicher Auffassungen der Leipziger Absolventen nach 1990 lässt sich an ausgewählten Positionen zur Gegenwartskunst ermessen. Die kritische Distanz zur gesellschaftlichen Wirklichkeit, sowohl unter den Perspektiven privatalltäglicher als auch öffentlicher, globaler Zusammenhänge, markiert bis heute einen wesentlichen Bestandteil der Leipziger Fotografie.

Zu sehen sind u. a. Werke von Tina Bara, Viktoria Binschtok, Christian Borchert, Yvon Chabrowski, Klaus Elle, Ulrich Gebert, Göran Gnaudschun, Matthias Hoch, Susanne Huth, Thomas Kläber, Bertram Kober, Werner Mahler, Jens Rötzsch, Ricarda Roggan, Rudolf Schäfer, Adrian Sauer, Erasmus Schröter, Gundula Schulze Eldowy, Maria Sewcz, Andreas Schulze, Grit Schwerdtfeger, Esperanza Spierling, Anett Stuth, Albrecht Tübke, Tobias Zielony.

Die Ausstellung ist noch bis 16. Mai 2010 zu sehen.

Kulturtipp ¦ Robert Mapplethorpe

Freitag, Februar 19th, 2010
Robert Mapplethorpe: Self Portrait, 1988 © Robert Mapplethorpe Foundation. Used by permission

Robert Mapplethorpe: Self Portrait, 1988 © Robert Mapplethorpe Foundation. Used by permission

Meine Empfehlung in dieser Woche gilt der Ausstellung Robert Mapplethorpe im NRW-Forum Düsseldorf. Der US-amerikanischer Fotokünstler ist einer der wenigen Künstler, denen es vergönnt ist, weit über die Grenzen der Kunstwelt hinaus bekannt zu werden. Er dominierte die Fotoszene des ausgehenden 20. Jahrhunderts und öffnete den Weg zur Anerkennung der Fotografie als Kunstform. Er verankerte das homosexuelle Sujet in der Massenkultur und entwarf in der Fotografie ein klassizistisches Bild vom meist männlichen Körper, das Eingang in die kommerzielle Fotografie fand.

Insbesondere in den USA wurde zu Lebzeiten und postum Mapplethorpes Werk kontrovers diskutiert. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts wurden Ausstellungen seiner Fotografien boykottiert, zensiert oder geschlossen. Umstritten waren stets seine radikalen Darstellungen von Nacktheit und sexuellen Handlungen. Insbesondere Fotos sado-masochistischer Praktiken führten dazu, dass es bei Ausstellungen Protestkundgebungen gab und Museumsdirektoren verklagt wurden.

Robert Mapplethorpe: Patti Smith, 1975 © Robert Mapplethorpe Foundation. Used by permission

Robert Mapplethorpe: Patti Smith, 1975 © Robert Mapplethorpe Foundation. Used by permission

Die Ausstellung im NRW-Forum umfasst alle Bereiche Mapplethorpes Schaffen wie Porträts, Selbstporträts, Homosexualität, Aktfotografien, Blumenaufnahmen und als Quintessenz die fotografischen Aufnahmen von Skulpturen. Die Ausstellung ordnet die Fotografien nach Themen wie Selbstporträts einschließlich jener berüchtigten Aufnahme, die ihn mit einer in seinen Anus eingeführten Bullenpeitsche zeigt, und geradezu poetischen Aufnahmen seiner Gefährtin Patti Smith; den Fotografien schwarzer Männer versus weißer Frauen, wie der Bodybuilderin Lisa Lyon; der Gegenüberstellung von Penissen und Blumen, die Mapplethorpe in einem Interview selbst provozierte und schließlich jenen Aufnahmen von klassischer Schönheit, die sich an den Skulpturen der Renaissance orientierten, sowie den beeindruckenden Porträts von Kindern und Berühmtheiten seiner Zeit.

Diese Zusammenstellung zeigt Robert Mapplethorpe - bei allen offensichtlichen Rückgriffen auf die Schönheitsideale der Renaissance wie auch auf die fotografische Historie von Wilhelm von Gloeden bis Man Ray - als einen Künstler, der in seiner Zeit verankert ist. Seine Zeitgenossen sind Andy Warhol und Brice Marden.

Polaroids sind in den 1970er Jahren das Medium der Wahl und die Auseinandersetzung mit Körper und Sexualität ist bei vielen Künstlern - etwa Vito Acconci oder Bruce Nauman - ein Thema, das zentral für einen gesellschaftlichen Wandel war. Vor allem aber entwickelt Robert Mapplethorpe einen eigenen fotografischen Stil, der den Idealen von Perfektion und Form huldigt. »I look for the perfection of form. I do this in portraits, in photographs of penises, in photographs of flowers.«.

Die Präsentation auf schneeweißen Wänden trägt dieser Betrachtung Rechnung und führt weg von der verschämten Boudoir-Präsentation auf flieder- und lila-farbenen Wänden, wie sie jahrelang die Ausstellungen Mapplethorpes beherrschten, und öffnet den Blick für eine eher konzeptionelle, minimalistische Betrachtung der Werke.

Die Auswahl von 150 Fotografien umspannt frühe Polaroids von 1973 bis hin zu seinen letzten Selbstporträts aus dem Jahr 1988, die ihn bereits gezeichnet vom nahen Tod zeigen, und präsentiert viele bekannte, geradezu ikonische Motive aber auch bislang nie oder nur selten gezeigte Arbeiten. Sie schöpft aus dem Fundus der New Yorker Robert Mapplethorpe Foundation.

Bis 15. August 2010. Mehr Informationen auf der Internetseite des NRW-Forums Düsseldorf.