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Hier twittert der Chef noch selbst ¦ Interview mit Werner Lippert, Ausstellungsleiter des NRW-Forums

Dienstag, März 9th, 2010

Im Rahmen der Studie „Museen und Orchester im Social Web” führte ich ein Telefoninterview mit dem Ausstellungsleiter des NRW-Forums Düsseldorf, Werner Lippert.

Ulrike Schmid: Was war Ihre Motivation, sich ins Social Web zu begeben?
Werner LippertWerner Lippert: Also es gibt drei Beweggründe: Erstens halte ich es für normal. Das wäre so, wie wenn ich mir die Frage stelle, warum machst du PR in Tageszeitungen? Und natürlich ist Web 2.0 inzwischen Realität in der Öffentlichkeitsarbeit. Insofern war es für uns immer klar. Die Frage war nur, wann fangen wir damit an und wie fangen wir damit richtig an. Wir wollten nicht nur ein bisschen darin „rumfummeln” und bei Facebook 200 Fans bekommen, sondern es sollte schon so professionell sein, wie die gesamte Öffentlichkeitsarbeit des NRW-Forums.

Der zweite Grund ist ein biografischer. Ich bin Herausgeber des Jahrbuchs Annual Multimedia (jährlich erscheinendes Jahrbuch für Digital Marketing, Anm. U. S.) und hätte mich allmählich schämen müssen, wenn ich als Fachautorität hinter den Entwicklungen herlaufen würde.

Drittens haben wir absolut das Publikum dafür. Wir sind ein extrem junges Museum. Der Altersdurchschnitt unserer Besucher liegt deutlich unter 35 Jahren, während er bei anderen Häusern bei über 45 liegt. Wir haben ein Publikum das extrem equipt ist mit allem was man braucht in der digitalen Welt und auch damit umgeht. Es fühl sich stark angesprochen durch solche Dinge.

U. S.: Ihr Blog besteht seit 2009. Wann kamen die anderen Kanäle dazu bzw. wie sind Sie an das Thema herangegangen?
W. L.:
Der Blog war unser erster “Fehler”. Wir haben damit bereits Januar 2009 angefangen und nicht auf die Befindlichkeiten der Szene gehört. Der erste Blog war eigentlich ein Blog, der zu sehr selbstzentriert war. Wir haben dort Sachen geschrieben, die wir selber interessant fanden. Zum Teil waren sie auch kunsthistorisch sehr schwer verdaulich und wir sind damit hinter unseren Erwartungen zurückgeblieben. Dafür, dass wir einen so hohen Aufwand betrieben haben, hatten wir zu wenige Zugriffe. Wir haben ihn dann wieder vom Netz genommen und uns noch einmal Gedanken darüber gemacht, was denn ein Blog wirklich ist, abgesehen von unseren Vorstellungen. Also, was das Publikum erwartet.

Und das funktioniert jetzt auch viel besser, auch wenn sich die Respons-Rate in Grenzen hält. Wir sehen den Blog allerdings auch als Archiv. Wir erhalten eine ganze Menge Fragen, nur an anderer Stelle und das ist natürlich auch ganz interessant.

U. S.: Wo werden diese Fragen gestellt?
W. L.:
Die Fragen kommen über Twitter und Facebook und auch über Google Buzz. Wir sind ja auch ein öffentlich zugängliches Haus und so bekommen wir auch Briefe, E-Mails und Anrufe. Also insgesamt merken wir, dass all unsere Aktivitäten zu einer Kommunikation beitragen. Es ist schon sehr interessant zu sehen, wie man an einer ganz anderen Stelle ein Respons erhält, wenn man etwa bei Facebook etwas eingestellt hat.

U. S.: Zum Beispiel?
W. L.:
Kürzlich kam eine Gruppe von berufstätigen Frauen an die Kasse und fragte, ob sie nicht auch noch um sieben Uhr eine Führung bekommen könnten, das hätten sie tags zuvor auf Facebook gelesen. Oder wir sehen, dass direkt über die Homepage Führungen gebucht werden und dass sich plötzlich im Shop Artikel besser verkaufen als früher. An bestimmten Dingen kann man relativ eindeutig ablesen: Das ist jetzt eine Folge von etwas, das wir gerade auf Facebook gemacht haben.

Es ist jetzt nicht so, dass sich unsere Besucherzahl verdoppelt hätte, wir merken nur da passiert insgesamt etwas.

U. S.: Wie fing es an? Kam der Anstoß zu Ihren Social-Media-Aktivitäten von innen oder von Agenturseite?
W. L.:
Wir haben vor rund sechs Wochen damit angefangen und haben alles präzise vorbereitet. Der Anstoß kam von innen. Wir machen in regelmäßigen Abständen Workshops mit Agenturen. Wir suchen uns alle halbe Jahre konkret eine Agentur aus und machen mit ihr einen Workshop zu einem bestimmten Thema. So war das auch bei Conosco, denen wir gesagt haben, dass wir das Thema Web 2.0 professionell angehen möchten. So ein Workshop muss nicht zwangsläufig zu einem Auftrag führen. Im Falle Conosco war dem so. Die Agentur hat auch einen gehörigen Anteil an unseren Social-Web-Aktivitäten. Das ist eine supertolle Zusammenarbeit.

Die Inhalte kommen von mir. Ich verfasse alles selber und muss mich auch nicht verstellen. Wir haben mit Conosco eine Vereinbarung, dass sie uns täglich informieren und uns auch auf Sachen hinweisen, die ich oft im Tagesgeschäft gar nicht so mitbekomme.

U. S.: Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihren Social-Media-Aktivitäten?
W. L.:
Na ja, erreichbare Zielgruppen erweitern, virale Effekte nutzen und Besucherzahlen steigern.

U. S.: Wie wichtig ist Ihnen der Dialog?
W. L.:
Wir hören extrem aufmerksam zu. Also jedes Mal, wenn etwas Relevantes kommentiert wird, dann diskutiere ich das auch mit Conosco. So etwa der Hinweis, dass wir unser Web-Freunde mit Informationen etwas überstrapazieren. Solche Hinweise nehmen wir extrem ernst.

U. S.: Wie proaktiv sind Sie?
W. L.:
Wie so oft, wenn man sich im Netzt bewegt, stößt man auf spannende Gruppen oder auf Kongresse. Wir machen demnächst zum Beispiel ein iPhone-Konzert mit Zee, die mir vorher nicht bekannt waren. Das war eine Information, die mich über Twitter oder Facebook erreicht hatte. Und als ich mit ihnen telefoniert habe, hieß es: ‚‚Ach ja toll NRW-Forum! Sie sind doch die von Facebook.” Und da schließt sich für mich wieder der Kreis. Das sind so Sachen in denen ich nicht so zuhause bin und wo ich entscheidende Hinweise bekommen.

Ich merke, dass es bei all den Social-Media-Aktivitäten auch um so etwas wie Reputationsbildung geht. Jetzt kommt allerdings auch der Punkt, wo ich mir überlegen muss, wie weit gehe ich, wie populistisch werde ich oder wo wahrt man die Kompetenz eines Museums.

U. S.: Wie messen Sie den Erfolg Ihrer Maßnahmen?
W. L.:
Auch wenn das noch nicht statistisch relevant ist, wir sehen schon, dass wir unbekannte Gesichter im Museum haben. Ich kann das nur noch nicht beweisen, dafür ist der Zeitraum zu kurz und die Frage ist auch immer, wie nachhaltig ist das Ganze. Ich erhoffe mir, dass wir durch das Social Web wieder eine andere Besucherschicht gewinnen werden.

U. S.: Was tun Sie, um die Freunde aus dem Social Web ins Museum zu bekommen?
W. L.:
Wir organisieren spezielle Führungen für unsere Facebook-Fans und wir laden Blogger zu unterschiedlichen Themen ein. Wir hatten vergangenes Jahr eine Ausstellung mit Karl Lagerfeld gemacht und da gab es erstmals eine eigene Blogger-Pressekonferenz. So eine Art Preview, weil Blogger mehr Bedarf an Informationen und Diskussion haben. Da hatten wir drei bis vier Gesprächspartner, bei Mapplethorp waren es schon um die 20 Blogger.

U. S.: Weshalb die Trennung?
W. L.:
Blogger haben einen höheren Bedarf an Informationen. Die machen ein kleines Video mit einer Minikamera oder haben fünfzig Fragen, die sie beantwortet wissen wollen und sie sind auch ein bisschen wilder und „anstrengender” als die Feuilletonisten und teils naiver und unorganisierter. Sehr spannend zu erleben. Irgendwann wird sich das auch auflösen und es wird nur noch eine Pressekonferenz geben.

U. S.: Was empfehlen Sie anderen Kultureinrichtungen, die Social Media in ihrer Kommunikation einbinden wollen.
W. L.:
Bevor man sich als Kultureinrichtungen ins Social Web begibt, muss man sich tatsächlich die Frage stellen, will ich das wirklich, passt das zu mir und wie bewerkstellige ich das. Kultureinrichtung sollten sich auch Gedanken um Authentizität machen.

Vielen Dank Herr Lippert für Ihre Zeit und das Gespräch!

Studie Museen und Orchester im Social Web

Mittwoch, Februar 10th, 2010

foto

Ein sprunghaftes Ansteigen von Twitter-Accounts und Facebook-Fanseiten von Kultureinrichtungen innerhalb des vergangenen Jahres lassen auf den ersten Blick vermuten, dass Kultureinrichtungen das Social Web entdeckt haben. Doch ist dem wirklich so? Und wenn ja, wie sehen die Aktivitäten aus? Wie viele Kultureinrichtungen sind es tatsächlich, die aktiv das Social Web nutzen? Sind es nur die „großen” Häuser oder sehen es auch kleine Häuser als attraktiv an, im Social Web präsent zu sein?

Diesen und anderen Fragen will ich in den nächsten Wochen nachgehen.

Ausgangssituation
In Deutschland gibt es allein rund 6.500 Museen und Ausstellungshäuser und die Deutsche Orchestervereinigung listet 133 Kultur- und Kammerorchester. Nicht zu vergessen, die Bibliotheken, Festivals, Musik(hoch)schulen, Theater, Literaturhäuser, Archive, Chöre und so weiter und so fort. Wenn man all diese Einrichtungen zusammenzählt, kommt man leicht auf eine fünfstellige Zahl deutscher Kulturinstitutionen. Dagegen mutet die Zahl der im Social Web Aktiven geradezu bescheiden an.

Methode
In meiner Untersuchung beschränke ich mich auf Museen (ich verwende den Begriff Museen synonym für Museen, Ausstellungshäuser, Kunstvereine) und Orchester. Aufgrund der hohen Anzahl kultureller Einrichtungen in Deutschland (u. a. Schauspiel- oder Opernhäuser, Festivals etc.) ist eine Begrenzung notwendig, um eine sinnvolle Analyse durchzuführen. Qualität geht in auch in diesem Fall vor Quantität. Die Auswahl der beiden Kategorien, Museen und Orchester hängt - ganz ehrlich - auch mit meinen persönlichen Vorlieben und Erfahrungen zusammen. Die Gegenüberstellung Orchester/Museen wird - so meine Erwartung - sicherlich aufzeigen, dass es im Bereich der Kommunikation kultureller Einrichtungen nicht nur Unterschiede in Bezug auf die „Größe” der Einrichtungen geben wird. Vielleicht ist das Kommunikationsverhalten - zumindest bezogen auf das Social Web - ja auch abhängig, welche Inhalte wie in dieser Welt kommunizierbar sind?

Vorgehen
Selbst bei Beschränkung auf zwei Kategorien ist eine weitere Eingrenzung der zu untersuchenden Einrichtungen notwendig. Hierbei bin ich u. a. mit einer, wie ich natürlich weiß, sehr vereinfachenden Prämisse vorgegangen: eine geringe Webpräsenz lässt auf noch geringere Aktivitäten im Bereich Social Media schließen.

Auswahl der Orchester
Die zu untersuchenden Institutionen habe ich folgendermaßen recherchiert. Im Falle der Orchester war es relativ einfach. Die Anzahl 133 ist überschaubar und bei der Deutschen Orchestervereinigung sind alle Kultur- und Kammerorchester gelistet. Eingang in die Untersuchung fanden alle jene Orchester, die mindestens 20.000 Google-Einträge haben, denn dies ist für mich ein Indiz dafür, dass sie im Netz rege sind. Mir ist sehr wohl bewusst, dass dies noch nichts über Social Media-Aktivitäten aussagt und begrenzte „Google-Treffer” auch andere Ursachen haben können, als eine bescheidene Social Media-Präsenz. Dazu in einem späteren Beitrag mehr.

Auswahl der Museen
Schwieriger war es, Museen zu recherchieren (nicht alle Museen sind auch Mitglied beim Deutschen Museumsverband) und dann von den rund 6.500 Museen eine überschaubare Zahl zu untersuchen. Da sich bei Wikipedia eine sehr umfangreiche Liste deutscher Museen findet, diente diese mir als erstes Auswahlkriterium. Im nächsten Schritt hatte ich festgelegt, dass ich nur all die Museen in die „enger Auswahl” nehme, die bei Google mindestens 50.000 Einträge haben. Bei kleineren Einrichtungen, die mir erst im Laufe des Beobachtens und Vergleichens aufgefallen sind, hab ich diejenigen zusätzlich mit aufgenommen, die mindestens 100 Follower bei Twitter und/oder Fans auf der Facebook-Fanseite haben.

Von den 6.633 Museen und Orchestern blieben letztendlich insgesamt rund 160 114, die ich mir näher ansehe. Über die Ergebnisse werde ich an dieser Stelle regelmäßig berichten.

Freu(nd)e schenken

Montag, Dezember 21st, 2009

Es gibt kaum eine Kultureinrichtung, die es vor Weihnachten versäumt, darauf hinzuweisen, dass Kataloge, Bücher etc. aus ihrem Museums-Shop oder auch eine Mitgliedschaft im Freundeskreis das ideale Weihnachtsgeschenk wären. Meist werden sie in Schriftform im jeweiligen Newsletter angeboten. Dass es auch anders - kreativer und emotionaler - geht, hat die Junge Deutsche Philharmonie in ihrem Newsletter bewiesen. Ich schätze diesen Newsletter schon per se, weil er gut gemacht ist und meist auch ein Video enthält. Im aktuellen Newsletter werben Sie denn auch für ihren Freundeskreis per Video. Die Junge Deutsche Philharmonie hat hierfür einerseits bestehenden Freunde für sich sprechen lassen und auch einen Einblick dessen vermittelt, was einen als Freund oder Freundin erwartet. So etwa “Musiker zum Anfassen” und Proben mitzuerleben - wenn’s dann auch noch Friedrich Guldas Konzert für “Cello und Blasmusik” ist …

Wer meine Blogbeiträge schon länger verfolgt, weiß, dass ich eine große Befürworterin vom Einsatz der Bewegtbildkommunikation bei Kultureinrichtungen bin und schon öfter darüber geschrieben habe (etwa hier und hier). Insofern hat bei mir hat diese Ansprache auch gleich dazu geführt, dass ich auf den „Freunde-Button” geklickt habe. Ein fantastisches Video - Mein Kompliment!

Damit verabschiede ich mich in die Weihnachtspause, wünsche allen Leserinnen und Lesern schöne Weihnachtstage und alles Gute fürs neue Jahr!