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Kulturtipp ¦ Neo Rauch „Begleiter“

Freitag, Mai 21st, 2010
Raumansicht, Neo-Rauch-Ausstellung, Pinakothek der Moderne

Raumansicht, Pinakothek der Moderne

Einem der international bedeutendsten und am meisten diskutiertesten deutschen Maler seiner Generation widmen derzeit zwei Museen zeitgleich  eine Ausstellung. Die Rede ist von Neo Rauch.

Jeweils 60 Gemälde sind in Museum der bildenden Kunst in Leipzig sowie in der Pinakothek der Moderne in München zu sehen. In enger Zusammenarbeit mit Neo Rauch ausgewählt, stammen die Arbeiten aus allen Schaffensphasen seiner Entwicklung, die vor rund 20 Jahren begonnen hat.

Die Münchner Ausstellung verzichtet bewusst auf eine streng chronologische Anordnung der Werke. Vielmehr gliedert sie sich nach ‚klimatischen’ Aspekten, die charakteristische, oft wiederkehrende Themen und Motive umso klarer hervortreten lassen. Viele der überwiegend großformatigen Gemälde waren noch nie vorher in Europa zu sehen. Ein Großteil stammt aus Privatsammlungen und wird überhaupt erstmals öffentlich gezeigt. Neo Rauchs Malerei verhandelt gesellschaftliche Themen und die psychische Verfasstheit unserer gegenwärtigen Kultur, die sich in unterschiedlichsten Medien artikuliert und mehr denn je durch diese definiert. Rauchs Werk reflektiert das beginnende 21. Jahrhundert als ein Zeitalter der Aufklärung und der Verunklärung gleichermaßen, als eine Epoche des globalen Zeigens und Verbergens, der gezielten Desinformation und öffentlicher Lügen. Dabei vermischen sich alte und neue Bilder, werden Mythen neu und umgeschrieben, alternative Identitäten erfunden, Images manipuliert und entlarvt, gefeiert und verdammt. Eindrucksvoll spiegelt das Werk von Neo Rauch die spezifische Stimmungslage unserer Gegenwart wider. Seine Bilder sind von hoher Dramatik und tiefer Einsamkeit, von Surrealität und Geheimnis geprägt. Die unverwechselbare Malerei knüpft an die große kunsthistorische Tradition an - etwa an Tizian, Tintoretto oder El Greco. Gleich nebenan in der Alten Pinakothek sind bedeutende Beispiele dieser Künstler vertreten.

Als weitere, moderne Bezugspunkte benennt der Künstler Beckmann, Bacon, Beuys und Baselitz - ebenfalls in unmittelbarer Nachbarschaft (im ersten Obergeschoß) vertreten. Stilistische Merkmale des Werks - grafische Elemente, das Schablonenhafte, manchmal Bilderbogenartige - verdichten sich zur inhaltlichen Aussage. In der collageartigen Zusammenführung bestimmter Einzelmotive entsteht ein sperriger Zusammenhang, in dem Räume und Gegenstände, Kostüme, Haltungen und Rituale der wie ausgeschnitten wirkenden Akteure ihre eigene Sinnentleertheit preisgeben.

Auf diese Weise verweigern sich Rauchs Bilder jedem erzählerischen Illusionismus und verweisen auf ihren grundsätzlichen, modellhaften Charakter. Die Welt erscheint als Theater und ²Vorführung”, wie eines der zentralen Gemälde aus dem Jahr 2006 betitelt ist. Vordergründig einer vergangenen Zeit verbunden, bei genauerer Betrachtung jedoch über den Zeiten stehend, lässt sich in Neo Rauchs Malerei eine Gesellschaftskritik erkennen, die aus dem Abstand des vermeintlich Historischen heraus um so kraftvoller argumentiert.

In ihrer fremdartigen Ausstrahlung, mit scheinbar verbrauchten Stoffen und unbenutzbarem Vokabular ermöglichen die Bilder die aktive Auseinandersetzung mit starr gewordenen Denk- und Handlungsformen. Sie fordern die kritische Befragung von ideologisch besetzten Bildformeln heraus und plädieren für eine ästhetische Vorurteilsfreiheit.

Noch bis 15. August in der Pinakothek der Moderne in München sowie im Museum für bildende Kunst in Leipzig zu sehen.