Posts Tagged ‘Christian Kabitz’

Mozartfest Würzburg ¦ Nur noch neun Tage bis zum Eröffnungskonzert

Mittwoch, Mai 20th, 2009

Immer mittwochs schreibt hier der künstlerische Leiter des Mozartfests Würzburg

Noch neun Tage - dann geht’s los! Am 29. Mai um 20.30 Uhr hebt Neville Marriner den Taktstock, und dann weiß ich, ob sich all die Anstrengungen um die letzten Tage der Vorbereitung gelohnt haben und wir einen fantastischen Mozartfest-Auftakt haben werden. Festlich wird es auf jeden Fall werden - nach dem Konzert gibt unser Oberbürgermeister den traditionellen Empfang der Stadt Würzburg, das Fernsehen ist da und viele liebe Freunde aus der Musikszene haben ihr Kommen angekündigt; da wird es viele interessante Gespräche geben. Und endlich wieder ein Moment, wo sich der Besitz eines (eigenen) Smokings glücklich bemerkbar macht - den darf, sollte, müsste man an einem solchen Abend schon mal ausführen …

Eigentlich habe ich es persönlich gerne leger, muss aber zugeben, dass es schon einen ganz eigenen Reiz hat, wenn ein Festival sich auch dadurch schmücken darf, dass seine männliche Gäste es für Smoking-würdig halten, von langen und sehr langen Abendkleidern bei den Damen ganz zu schweigen.

Albrecht Mayer

Albrecht Mayer

Die Steigerung dieses Eröffnungskonzertes ist dann nur noch das Galakonzert, denn - wie der Name schon suggeriert - ist es da noch mal ein bisserl mehr Gala drin. Und vor allem: Es gibt etwas zu essen! Konkret läuft das bei unserem Mozartfest so ab, dass man am 19. und/oder 20. Juni sich schon um 19 Uhr bei einem Glas Winzersekt im Vestibül der Residenz einfindet und dazu einen erlesenen Vorspeisenteller genießt. Dann gibt es Albrecht Mayer, seine Oboe und die Polnische Kammerphilharmonie mit einem pausenlosen Konzert und Gossec (franz. Revolutionskomponist) und Mozart.

Es scheiden sich ja die Geister bei solchen Veranstaltungen. Dass ein ernsthafter Künstler nicht gerne Musik macht, wenn gleichzeitig gelacht, gegessen und getrunken wird, ist verständlich, obwohl dies sicher bis hin zu Mozart am Hofe und in der Oper durchaus üblich war. In Versailles waren die berühmten „concerts royaux” für die Bankette des Königs einem Couperin nicht zu schade, seine besten Suiten zu schreiben, und ob am Hofe des Kurfürsten zu Brandenburg alle nur zugehört haben, wenn Bach seine gleichnamigen Konzerte aufführte, darf man bezweifeln. Musik war dem Adel eine unverzichtbare Begleitung zum Essen, und die Qualität der Kompositionen sollte dem der Pasteten und Braten in nichts nachstehen.

Ich freue mich schon sehr aufs Galakonzert, die Stimmung in den wunderbaren Räumen der Residenz an den festlich gedeckten Tischen mit unzähligen Kerzen ist wirklich einzigartig und fast noch schöner ist der der Blick durch die großen Fenster auf den märchenhaft illuminierten Hofgarten. Bevor ich zu sehr ins Schwärmen gerate - ich muss mir unbedingt noch ein drittes Smoking-Hemd anschaffen - bei der sparsamen Beleuchtung beim Menu hat statistisch jeder dritte männliche Smokingträger um Mitternacht mindestens einen Fleck auf der Weste resp. dem Hemd …

von Christian Kabitz

Bisher erschienen:

I-Mein Mozartfest
II-Die angenehmen Seiten eines Festivalleiters
III-Eine kleine Nachtmusik
IV-Les petits riens
V-Aufgehnde Sterne
VI-Mozart und Paris
VII-Kabitz trifft Hengelbrock
VIII-Die Suche nach dem Sturm und Drang Komponisten
IX-Randnotizen
X-Mozarts Posthorn-Serenade

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Mozartfest Würzburg ¦ Mozarts Posthorn-Serenade

Mittwoch, Mai 13th, 2009

Am vergangenen Mittwoch wurde in der Würzburger Residenz die Bayerische Landesausstellung eröffnet, mit unserem Ministerpräsident Seehofer und allem, was Rang und Namen hat. Der Kaisersaal war brechend voll und das neue Podest war erstmals mit einem großen Orchester bestückt. Dazu eine kleine Erklärung: Der Kaisersaal - übrigens eines der imposantesten Bauwerke Deutschlands mit einem gerade frisch renovierten Deckengemälde von Tiepolo (unbedingt anschauen!) - ist das Kernstück der Residenz, im ersten Stock gelegen, über den so genannten Weißen Saal erreichbar und einige unserer Konzerte finden hier statt.

Im Moment lerne ich gerade intensiv Mozarts Posthorn-Serenade, benannt nach einer eher kurzen Stelle in dem fast halbstündigen Werk, woselbst der 1. Hornist des Orchesters auf einem „corno di Posta” einem Posthorn blasen soll. Die Stelle gilt unter Hornisten als heikel bis unspielbar, meist bläst das der 1. Trompeter auf einem kleinen Posthörnchen. Ich liebe diese ganze Serenade unendlich. Es ist eigentlich eine komplette Sinfonie mit der Extra-Zugabe einer Concertante, einem Konzert für Solobläser und Orchester. Und - es ist von Mozart schon für eine Freiluft-Aufführung konzipiert worden, wohl für eine Universitäts-Abschlussfeier - vielleicht deshalb auch das Posthorn als Symbol für Aufbruch, Abreise, Abschied.

Paul MeyerNebenher frische ich Mozarts Klarinettenkonzert auf, das wir im selben Programm als Nachtmusik haben werden, und ich freue mich auf Paul Meyer, einen der besten Klarinettisten der Welt. Trotz seines nach Sabine klingenden Namens ist er weder mit ihr verwandt noch sonst was, er ist sogar ein Franzose, allerdings aus dem Elsass, genau genommen aus Mulhouse.

1984 hat er in New York den berühmten Young Concert Artists Wettbewerb gewonnen und hat bei den Preisträgerkonzerten den legendären Benny Goodman kennen gelernt. Dessen musikalischer Einfluss und seine Freundschaft spielen eine ganz große Rolle im Leben von Paul. Penderecki hat ein Konzert für ihn komponiert, das Paul 1987 uraufgeführt hat, überhaupt interessiert er sich intensiv für zeitgenössische Musik und hat viele Ur- und Erstaufführungen gespielt. In letzter Zeit dirigiert er auch, die Liste „seiner” Orchester ist Ehrfurcht gebietend, ich glaube, ich muss fleißig üben, damit alles perfekt klappt.

Viele Außenstehende fragen sich ja sowieso, was der Dirigent denn eigentlich macht, das Orchester kann das sicher doch ohne ihn (böse Zungen meinen: besser …). Interessanterweise stimmt das auch - teilweise: Mit einem engagiert spielenden Konzertmeister und dementsprechend positiv und kammermusikalisch denkenden Orchestermitgliedern lässt sich sicher bis zu einer bestimmten Besetzungsgröße und dem richtigen Repertoire vieles ohne Dirigent sehr gut meistern. In Russland gab es (man hat da ja in der Revolutionszeit eh solch diktatorisch auftretende Gestalten abgeschafft) von 1922 - 1932 ein veritables Orchester mit Namen Persimfans ohne Dirigenten, das sogar internationale Berühmtheit erlangte, weil es auch groß besetzte Literatur ausgezeichnet wiedergegeben hat. Darius Milhaud hat mit Persimfans musiziert und war angetan, meinte allerdings, mit Dirigent hätte man die Proben in der Hälfte der Zeit bewältigt.

Schwierig ist es immer, einen Solisten zu begleiten, gut zu begleiten. Man muss mitfühlen, voraus denken, und das Orchester immer zum Spiel im Bereich piano bis pianissimo anhalten. Das ist bei Literatur ab der Romantik schon viel schwerer, aber selbst Mozarts Klarinettenkonzert hat viele Stellen, wo die Wiedergabe zwischen gut und perfekt einen erschreckend langen Proben-Abstand hat. Mal sehen, wie das open-air im Hofgarten gelingen wird … Daumendrücken!

von Christian Kabitz

Bisher erschienen:

I-Mein Mozartfest
II-Die angenehmen Seiten eines Festivalleiters
III-Eine kleine Nachtmusik
IV-Les petits riens
V-Aufgehnde Sterne
VI-Mozart und Paris
VII-Kabitz trifft Hengelbrock
VIII-Die Suche nach dem Sturm und Drang Komponisten
IX-Randnotizen

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Mozartfest Würzburg ¦ Randnotizen

Mittwoch, Mai 6th, 2009

Immer schneller rückt der 29. Mai heran - der Tag unseres Eröffnungskonzertes mit Sir Neville Marriner, dem 85-jährigen Grandsigneur unter den Dirigenten, der das Symphonie-Orchester des Bayrischen Rundfunks leiten wird. Und zunehmend intensiver wird die Vorbereitung auf all die tausend kleinen und großen Accessoires eines Festivals. „Les Siecles”, das französische Spezialorchester, möchte gerne für sein Konzert Barockpauken gestellt bekommen, aber bitte mit extradünnem Kuhfell, das Cembalo soll auf 430′ gestimmt sein, aber mitteltönig nach einem Modus, von dem ich noch nie was gehört habe, für die Mozartnacht muss der Begleitartikel für das Abendprogramm von mir geschrieben werden - wo kriege ich Literatur über Herrn Gossec her?

Kaisersaal der ResidenzLangsam wird es auch für mich persönlich spannender. Ich muss die Interviews für die Mozart-Cafés vorbereiten. Jeder meiner vier Gäste soll ja ein maßgeschneidertes Fragenpaket bekommen, dazu muss Musik ausgesucht werden, und eine Moderation beim Tee-Konzert will auch noch zu Papier gebracht werden. Zum Glück geht es um ein interessantes Kapitel der Musikgeschichte - um 1780 lebte in Paris der damals einzige farbige Komponist - Le Chevalier de Saint-George - in Guadeloupe geboren, der als Geigenvirtuose, Komponist, Dirigent, Fechter und Frauenheld Furore machte; schon bald nannte man ihn „Den schwarze Mozart”. Eines seiner zahlreichen und durchaus hörenswerten Streichquartette wird erklingen.

Unglaublich, was im auf Hochtouren laufenden Büro von Karin Rawe, Elke Kuhn und der inzwischen unentbehrlichen Praktikantin Romy Bürger geleistet wird, wie da alle logistischen Probleme aus dem Weg geräumt werden, schon bevor sie Ärger machen können. Beliebt sind die Anekdoten aus lang zurückliegenden Jahren vom vergesslichen Solisten, der erst zehn Minuten vor Auftritt feststellt, dass die Frackhose im Hotel verblieben ist …

Und weil wir schon beim Vergnüglichen sind: eine echte unsterbliche Mozartfest-Anekdote gibt es, wobei ich wirklich nicht weiß, ob sie wahr ist und die sich vor mehr als 20 Jahren zugetragen hat: Alfred Brendel erkundigt sich vor seinem Klavierabend im Kaisersaal nach den zur Verfügung stehenden Instrumenten. Man will ja als Künstler wissen, ob man es mit einem Steinway, einem Bösendorfer oder etwa nur mit einem Yamaha zu tun hat. Am Mozartfest-Telefon ist eine Praktikantin, der der Name Brendel direkt nichts sagt - kein Wunder, sie ist ja auch für das Sortieren von Karten-Bestellungen zuständig. „Liebes Kind, können Sie mir sagen, welchen Flügel Sie in der Residenz für mich haben?” fragt Brendel. „Tja, also, mhhh, da haben wir den Südflügel und den Nordflügel …”

von Christian Kabitz

Bisher erschienen:

I-Mein Mozartfest
II-Die angenehmen Seiten eines Festivalleiter
III-Eine kleine Nachtmusik
IV-Les petits riens
V-Aufgehende Sterne
VI-Mozart und Paris
VII-Kabitz trifft Hengelbrock
VIII-Die Suche nach dem Sturm und Drang Komponisten

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Mozartfest Würzburg ¦ Die Suche nach dem Sturm und Drang Komponisten

Mittwoch, April 29th, 2009

Dass Würzburg seit 1921 ein Mozartfest sein eigen nennen darf, verdankt die Stadt Hermann Zilcher, einem zu Unrecht fast vergessenen Mann. Komponist, Pianist, Dirigent, Pädagoge,  seit 1920 Direktor des Staats-Konservatoriums, wie die heutige Musikhochschule früher hieß, hatte er 1921 eine Musik- und Theaterwoche initiiert, bei der er ein Orchesterkonzert mit Werken Mozarts im Kaisersaal der Residenz dirigierte. “[...] ich brauchte manche Ornamentik mit dem Dirigentenstab nur nachzuzeichnen und eine innige Vermählung zwischen Ton, Architektur und Farbe fand statt. Die Töne schwebten beinahe sichtbar zu allen Tiepolo’schen Kostbarkeiten hin und diese selbst gaben ihre letzten plastischen Möglichkeiten mit Dank zurück.” Der Grundstein für das Mozartfest war gelegt.

Mit der Ouvertüre zur “Zauberflöte” eröffnete Zilcher am 17. Juni 1921 die “Mozartwoche” (wie das Mozartfest damals hieß). Aufgeführt wurden zwei Orchesterkonzerte und eine Kammermusik im Kaisersaal, eine Nachtmusik im Hofgarten, im Gartensaal ein Teekonzert mit “Gesellschaftsmusik”, das Requiem in der Neubaukirche und eine Oper im Würzburger Stadttheater.

Ich wüsste zu gerne, wie das damals geklungen hat - wir wissen ja nicht, ob 1921 das Orchester mit sattem Vibrato (wie bei Böhm oder Karajan noch vor wenigen Jahren üblich) musiziert wurde, oder ob Zilcher vielleicht schon ein heimlicher Vorgänger von Harnoncourt war und auf Pfaden des Originalklangs wandelte. Für mich als Dirigent ist es hochinteressant, quasi am eigenen Leib das sich so wandelnde Stilempfinden mitzuerleben. Jede Generation - sagt der amerikanische Regisseur Peter Sellars - findet bei Mozart die Dinge, nach denen sie sucht. An der Schwelle zum 19. Jahrhundert verglich man ihn mit Raffael, in der Frühromantik idealisierte man seine Musik zum Inbegriff des heiter Erhabenen, Stendhal fand bei ihm - anders als bei Rossini - nur Melancholie und Trauer, E. T. A Hoffmann begeisterte sich beim Don Giovanni an „schwarz-romantischer Dämonie” und Robert Schumann fand in der g-Moll-Symphonie, die für uns doch sehr dramatisch tönt, „griechisch schwebende Grazie”.

Die Ideen, wie man Mozart denn konkret aufführen solle, haben sich ebenfalls gewaltig geändert; man ist inzwischen eigentlich weit weg vom hochglanzpolierten Sound der 60er Jahre, sucht das Gestische, das Theatralische, das körperlich Agile, in Wahrheit den „Sturm-und-Drang-Komponisten”. Das wird mir bei den Aufführungen mit Thomas Hengelbrock bewusst, der zu dieser ganzen neuen Generation von Dirigenten gehört, die sich eben dies auf die Fahnen geschrieben haben. Zugespitzte Tempi, markante Artikulation, pointierte Hell-Dunkel-Kontraste, dazu natürlich die Bevorzugung originaler Instrumente, besonders gut hörbar bei den Hörnern, Trompeten und Pauken sorgen für einen aufregend neuen Klang.

Für die Mozartfeste der näheren Zukunft haben Thomas und ich uns vorgenommen, diesem neuen Mozartklangbild in unseren Programmen mehr Platz einzuräumen. Wir wollen Dirigenten einladen, die sich jener aktuellen Sichtweise auf Mozart verschrieben haben, wir wollen Solisten, die in ihren Interpretationen sich auf die Suche gemacht haben nach neuen Ansätzen.

Hochinteressant dabei ist ja, dass die meisten großen und berühmten Symphonieorchester sich dafür ja inzwischen auch begeistern. Früher oft geschmäht als die Lordsiegelbewahrer des veralteten Mozartstils, sind sie nun neugierig geworden und laden sich zunehmend Spezialisten ein, die mit ihnen geänderte Bogenstriche, Verzicht auf Vibrato etc.pp. ausprobieren.

Was vor dreißig Jahren mit Harnoncourt und der Barockmusik-Szene begonnen hatte, setzt sich nun bei Mozart nahtlos fort. Für mich ist das natürlich sehr spannend, denn wir wollen ja nicht die immergleichen Routine-Auftritte, sondern aufregende Konzerterlebnisse ermöglichen. Heute werde ich in Bamberg bei diesem wunderbaren, so traditionsreichen Orchester ausloten, was wir in den nächsten vier Jahren an spannenden Programmen mit vielleicht nicht so bekannten, aber vielversprechenden Dirigenten planen können. Das Orchester hat mit Wolfgang Fink einen neuen Intendanten, den ich aus seinen Jahren an der Alten Oper Frankfurt gut kenne und der für diese aktuellen Strömungen ein offenes Ohr und ein weites Herz hat. Nach sehr erfolgreichen Jahren bei den Orchestern in Lyon und in Sidney ist er wieder nach Deutschland zurückgekommen und wird „die Bamberger” sicher auf ihrem guten Weg noch ein großes Stück weiterbringen.

von Christian Kabitz

Bisher erschienen

I-Mein Mozartfest
II-Die angenehmen Seiten eines Festivalleiter

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V-Aufgehende Sterne
VI-Mozart und Paris
VII-Kabitz trifft Hengelbrock

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Mozartfest Würzburg ¦ Kabitz trifft Hengelbrock

Mittwoch, April 22nd, 2009

Vor drei Wochen habe ich aus aktuellem Anlass ein paar Sätze zu Thomas Hengelbrock, meinem Künstlerischen Beirat, gesagt - er war gerade zum neuen Chefdirigenten des NDR-Sinfonieorchesters ab der Saison 2011/2012 berufen worden. 2010 wird er beim Mozartfest die drei letzten Sinfonien Mozarts mit seinem Balthasar-Neumann-Ensemble wiederholen.

Thomas HengelbrockWir kennen uns seit ziemlich genau 30 Jahren. 1979 kam ich als junger Kirchenmusiker aus München nach Würzburg. Direkt neben der “meiner” St. Johanniskirche steht die Musikhochschule, und in meinem ersten Jahr als Kantor spielte der damals schon bekannte Violinstudent Thomas Hengelbrock im Bachorchester am ersten Geigenpult neben seinem Professor Conrad von der Goltz bei Bachs Matthäus-Passion. 1980 habe ich das „Rock-Requiem” in Würzburg wieder aufgeführt. Hier und bei der nachfolgenden Tournee - und ganz besonders auch bei der legendären Schallplattenaufnahme 1981- war Thomas mein Konzertmeister. Die beiden großen Violinsoli hat er wunderbar gespielt - gerade habe ich es mir wieder einmal aufgelegt - die Aufnahme wird bestimmt in ein paar Jahren zu Sensationspreisen gehandelt … wegen Thomas!

Ich habe seine unglaubliche Karriere vom hochbegabten Geiger zum genialen Dirigenten natürlich verfolgt - dass seine Ensembles den Namen des Würzburger Residenz-Baumeisters Balthasar Neumann tragen, ist nicht etwa eine kleine Reminiszenz an seine Studienzeit, sondern eine Hommage an die architektonische Engführung von Bau, Malerei, Skulptur und Garten des deutschen Barock. Seine unbändige Lust am intensiven Zusammenspiel von Musik und anderen Künsten, innovative halbszenische Projekte, bei denen Musik, Rezitation, Schauspiel und Tanz auf immer neue Weise miteinander kombiniert werden, - all das konnte er erstmals dann richtig bei dem von ihm gegründeten Feldkirch-Festival ausleben. Ich war jedes Mal dabei und habe die mutigen Programmideen und das „quasi improvisato” des ganzen Festivals sehr bewundert.

CD-Produktionen haben ihn und „Balte”, wie wir das Ensemble liebevoll abkürzen, schnell weltweit berühmt gemacht. Einladungen in alle Herren Länder ließen nicht auf sich warten, und inzwischen ist er gleichermaßen als Opern- wie auch als Konzertdirigent international gefragt. Regelmäßig dirigiert er an der Opéra de Paris, unter der neuen Intendanz von Gerard Mortier wird er ab 2010 jährlich eine Opernproduktion am Teatro Real in Madrid leiten. Im Festspielhaus Baden-Baden ist er mit spektakulären Produktionen zu einem der wichtigsten Protagonisten geworden. 2011 debütiert er mit einer Neuproduktion von “Tannhäuser” bei den Bayreuther Festspielen, im selben Jahr wird er erstmals auch in Glyndebourne am Pult stehen. Gastdirigate führen ihn wiederholt zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunk, den Münchener Philharmonikern, dem Chamber Orchestra of Europe, zum Mahler Chamber Orchester und zu den Sinfonieorchestern des WDR und des SWR Stuttgart.

Für mich ist es hochinteressant zu sehen, wie Thomas, ursprünglich ja ein herausragender Vertreter historischer Aufführungspraxis, sich mehr und mehr auch dem Repertoire des 19. und 20. Jahrhunderts zugewandt hat und mit welcher Kompetenz er eine Dvorak-Symphonie, eine Lutoslawski-Komposition oder ein Werk von Bartok einem Orchester näher bringt, wie er seine Vorstellungen in Klang umsetzt und wie fröhlich und beschwingt all das vonstatten geht.

Ich bin sehr glücklich, dass Thomas in Würzburg mit „Balte” als „artist und ensemble in residence” uns jährlich mit mindestens zwei Produktionen begeistern wird und damit auch ein kleines Stück „nach Hause” gekommen ist. In diesem Jahr wird er ja mit Bachs Hoher Messe in der St. Johanniskirche gastieren - das wird bestimmt einer der Höhepunkte des Mozartfestes - und als Schlusskonzert mit der wunderbaren Sopranistin Veronique Gens ein Haydn-Mozart-Beethoven-Programm musizieren. Und ganz besonders freue ich mich natürlich auf 2010, wo wir die in vielen Gesprächen gewonnenen Ideen erstmals intensiv umzusetzen versuchen werden. Seine Tätigkeit als Künstlerischer Berater findet ja gerade darin seinen Sinn, dass er uns zum einen durch seine immensen Kontakten zu tollen Solisten und Ensembles verhilft, zum andern aber seine große Lust auf Ideen abseits der ausgetretenen Pfade mich bei meinen Plänen und Vorhaben  beflügelt.

von Christian Kabitz

(Nachtrag 23.  April) Bisher erschienen:

I-Mein Mozartfest
II-Die angenehmen Seiten eines Festivalleiters
III-Eine kleine Nachtmusik
IV-Les petits riens
V-Aufgehende Sterne
VI-Mozart und Paris

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Mozartfest Würzburg ¦ Mozart und Paris

Mittwoch, April 15th, 2009

Mozart und Paris - das ist das Thema unseres Mozartfestes 2009. Ich werde immer wieder gefragt, was es denn damit auf sich hat. Grundsätzlich stellt sich aber die Frage nach einem Thema sowieso, denn viele große Festivals haben keines - und ein Thema macht immer unendlich viel Arbeit.

W.A. Mozart von S. Hofschlaeger pixelio.deIn Würzburg hatten wir schon Mozart in Beziehung zu London und Prag gesetzt. Nun ist die Idee Mozart in Beziehung zu einzelnen Städten zu stellen grundsätzlich gut. Man kann die Werke bringen, die Mozart in oder für diese Städte komponiert hat, man kann Künstler und Ensembles aus diesen einladen, und - noch interessanter - man kann Komponisten mit den Stücken vorstellen, die um Mozarts Zeit dort in den „Top Ten” rangierten.

Bei Mozart und Paris ist das ein wenig problematisch. Er war dreimal an der Seine, zweimal als kleines Wunderkind und dann 1777/78 noch einmal - und um diesen Aufenthalt geht es eigentlich. Da reiste er erstmals ohne den immer noch übermächtigen Vater, dafür mit der Mutter, des Französischen nicht mächtig und einem Riesenpaket an Erwartungen: Der junge Salzburger Starkomponist sollte eine Stelle am Hofe oder wenigstens bei einem Adligen erlangen, gegen Honorar Konzerte geben und komponieren und vielleicht einen Auftrag für eine große Oper mit nach Hause bringen. Doch vorher machte Mozart so ausgiebig in Mannheim Station, dass der Vater den berühmten „Fort mit dir nach Paris!”-Brief schreiben mußte, ehe der Sohn die Koffer packte.

Dort war dann eigentlich alles unerfreulich - und wir wissen dank dem intensiven Briefwechsel mit dem Vater, wie schrecklich es gewesen sein muss. Zwar war die Pariser Sinfonie ein großer Erfolg, zwar entstand das Flöten-Harfen-Konzert gegen Honorar, aber an der Oper gab es nur eine winzige Ballettmusik zu schreiben, und erst recht gab es keine Stellung als Hofcompositeur. Ein Angebot, Organist der Schlosskapelle in Versailles zu werden, lehnte er ab - viel zu wenig Gehalt. Begegnungen mit Adligen und ihren Salons waren entwürdigend, Geldsorgen plagten und dann starb auch noch am 3. Juli 1778 die Mutter.

Aber Mozart hat - wieder daheim in Salzburg - all die musikalischen Erfahrungen dieser frustrierenden Monate in eine wahre Sturzflut von neuen Werken münden lassen. So war die Weltmusikmetropole Paris für Mozart letztendlich doch noch ein Gewinn.

Beim diesjährigen Mozartfest arbeiten wir mit den genannten drei Ideen: Wir bringen alle wichtigen Werke, die durch seine Pariser Erfahrungen entstanden sind: die Ballettmusik zu „Les petites riens” (Die kleinen Nichtse …), wir laden französischen Mozartspezialisten ein und wir bringen die Komponisten, die um 1780 in Paris Furore gemacht haben - an der Oper Gluck, Cherubini, Mehul, Grétry, kammermusikalisch Gossec, Saint-George, Jadin u.a.m.

von Christian Kabitz

Bisher erschienen:

I-Mein Mozartfest
II-Die angenehmen Seiten eines Festivalleiters
III-Eine kleine Nachtmusik
IV-Les petits riens
V-Aufgehende Sterne

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