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Go out and ask. Das war das zweite Forum Kulturvermittlung

Freitag, Dezember 2nd, 2011

© Ioannis Kounadeas, Fotolia Die schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia organisiert vier Foren zur Kulturvermittlung, die sich primär an Entscheidungsträger aus der Kultur- und Bildungspolitik richten.

„Auch in der Schweiz erhält die Kulturvermittlung ein zunehmendes Gewicht: sei es im kulturellen Schaffen, in der Kulturförderung oder in der Bildung. So groß das Interesse für Kulturvermittlung ist, so zahlreich sind die Fragen, die sich rund um sie stellen: Welcher politische Auftrag steht dahinter? Welche Leute soll sie erreichen? Und wer ist eigentlich für die Finanzierung zuständig? Ist es ein bildungs- oder ein kulturpolitisches Thema?”

heißt es in der Projektbeschreibung.

Im ersten Forum wurde der Frage nachgegangen „Die Kulturvermittlung. Ein Bedürfnis? Für wen? Wozu?” Vergangenen Freitag fand das zweite Forum statt, unterstützt von der Abteilung Kulturelles der Präsidialdirektion der Stadt Bern, in dem der Aspekt „Kulturvermittlung: Marketingmaßnahmen oder Veränderungsimpuls” diskutiert wurde. In drei Referaten wurde das Thema aus drei verschiedenen (Länder-)Blickwinkeln beleuchtet.

Worum ging es?

Ruud Breteler (Projektmanager der Abteilung für Kunst und Kultur der Stadt Rotterdam) hat zwei Kulturvermittlungsprojekte aus Rotterdam vorgestellt. Im ersten Projekt ging es darum für das Theater Zuidplein einen Spielort zu programmieren, der einen Zuschauerkreise mit über 170 verschiedenen kulturellen Hintergründen bedienen und anziehen sollte. Realisiert wurde es dadurch dass ein Programmausschuss zusammenstellt wurde, der die Zusammensetzung der Bevölkerung so getreu wie möglich widerspiegelt. Und nachdem der Ausschuss einmal steht, war es an ihm, selbständige Entscheide über die Programmgestaltung unabhängig vom künstlerischen Leiter zu treffen. Klar, dass Ruud Breteler sich anfangs die Frage gefallen lassen musste, ob er denn verrückt geworden sei, die Macht und das Kuratieren leichtfertig aus den Händen zu geben. Doch der Erfolg hat ihm recht gegeben - es war äußerst erfolgreich. Und zehn Jahre später, also 2008, beschloss der Stadtrat von Rotterdam, sich u. a. auf die soziale Entwicklung - Kunst und Kultur eingeschlossen -zu konzentrieren. Kunst und Kultur wurden verwendet, um das Leben in den Nachbarschaften zu verändern. Im Klartext hieß das Bewohner, Künstler, wichtige kulturelle Einrichtungen, die örtlichen Bibliothek, das lokale Kulturzentrum, der Kulturscout, Sozialarbeiter, Lehrer sowie Unternehmen wurden einbezogen, um soziale Fragen anzupacken, gemeinsame Sache zu machen und Kultur als Werkzeug zu nutzen. Frei nach dem Motto „go out and ask”

Andrew Burke (Leiter der London Sinfonietta) stellte in seinem Referat die Vermittlung von klassischer Musik vor, die in Großbritannien einen hohen Stellenwert und tiefgreifende Diskussionen um den Eigenwert und den instrumentellen Nutzen der Kultur in Gang gesetzt hat. In der Praxis heißt das, dass Musikvermittlung auf Konzerterlebnissen und kreativen Projekten mit aktiver Teilnahme von Amateurmusikern aller Altersklassen und völligen Anfängern beruht. Die Teilnehmenden werden von Komponisten und Workshopleitern angeleitet, ihre eigene Musik, oft ohne jegliche Noten, zu kreieren und diese zusammen mit Berufsmusikern aufzuführen. Die Motivation für diese Bewegung liegt darin begründet den Menschen Kenntnisse des Repertoires zu vermitteln, sie für Musik zu begeistern, sie mit dem Akt des Musizierens vertraut zu machen und sie im Sinne eines besseren Lebens zu beeinflussen. Da dieses Zeil erreicht wurde ist es irrelevant, dass die Besucherzahlen bei Konzerten durch die Kulturvermittlung nicht nennenswert verändert wurden.

Im Lauf der Jahre wurde die Umsetzung der Musikvermittlung vereinheitlicht. Mittlerweile ist das nächste Stadium der Arbeit erreicht: Die Menschen im Publikum werden zu Mitspielern im künstlerischen Hauptprogramm und Computertechnologie und soziale Netzwerke bewirken einen Wandel in der Beziehung zwischen Publikum und kulturellen Organisationen.

In meinem Referat ging es dann darum aufzuzeigen, inwieweit Public Relations mehr Zugang zur Kultur bringen.

Hier meine Folien dazu.

Was mir besonders gut gefiehl war einerseits, dass die Veranstaltung eingerahmt wurde von einführenden und resümierenden Worten des Kulturjournalisten Wolfgang Böhler, Chefredakteur des Online-Musikmagazins Codex Flores und dass fünf Teilnehmer resümierende Statements abgaben. Zum anderen gefiehl mir das intensive Diskutieren, das nur möglich war, weil die Teilnehmer in drei Gruppen aufgeteilt wurden. Jedem Referenten wurde eine Moderatorin zur Seite gestellt und so „zog” ich gemeinsam mit ihr von Gruppe zu Gruppe, um im kleinen Kreis über meine Thesen und den Vortrag zu diskutieren. Sehr gut gefallen hat mir auch, dass sich unter den Teilnehmern eine Diskussion entfachte und nicht nur ich Rede und Antwort stehen musste.

In meinen drei Runden ging es viel um das Thema Social Media für Kultureinrichtungen und das obwohl ich Social Media gar nicht so sehr in den Vordergrund gestellt hatte, sondern es als integralen Bestandteil der Public Relations betrachtet hatte. Auch gab es konkrete Nachfragen zu den vorgestellten Beispielen, was sie gebracht haben und wie die konkrete Umsetzung aussah. „Mein Kunstabenteuer” und der „KAtalk” waren dabei besonders beliebt. Das hat mich natürlich besonders gefreut, nicht nur weil ich sie entwickelt und realisiert hatte, sondern weil es auch „Low-Budget-Maßnahmen” waren, die dennoch wirksam waren. Meine Thesen zu Public Relations, die ich in diesem Blogbeitrag dargelegt hatte, stießen nicht bei allen auf Zustimmung. V. a. die These, dass Kultureinrichtungen mehr auf Corporate-PR setzen sollen, wurde so nicht geteilt. Einige sahen Produkt-PR als ausreichend an und die Medienarbeit als wichtigsten Aspekt der Public Relations.

Durch die Aufteilung in Gruppen, hab ich nicht mitbekommen, was mit den anderen Referenten besprochen wurde, aber dafür habe ich ja Birgit Schmidt-Hurtienne von den Kulturwirtschaftswegen mitgenommen, die die Diskussionen mit allen drei Referenten mitbekommen hat. ;-) Ich denke bei ihr wird es auch noch etwas zum Forum zu lesen geben.

Ich habe selten eine so gut vorbereitete und organisierte Tagung erlebt, auch - oder vor allem - was die Absprachen und das Briefing im Vorfeld anging. Ganz große klasse und sehr zuvorkommend. Es war ein sehr inspirierender Tag in der Dampfzentrale Bern. Danke für die Einladung. Eine Dokumentation der einzelnen Foren gibt es hier.

Nachtrag:  Birgit Schmidt-Hurtienne (Kulturwirtschaftswege) hat einen lesenswerten Bericht, der den Titel “Forum Kulturvermittlung Bern: Wie kann der Zugang zur Kultur für alle gefördert werden?” trägt, geschrieben.

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