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Wissen sollte frei zugänglich sein ¦ Interview mit Dr. Susanne Gaensheimer, Direktorin des MMK Frankfurt

Freitag, November 4th, 2011

Deutscher Pavillon der Kunstbiennale in Venedig und 20 Jahre Museum für Moderne Kunst Frankfurt: Ein Interview mit der Direktorin Dr. Susanne Gaensheimer über Social Media und Kunstvermittlung.

Dr. Susanne GaensheimerUlrike Schmid: Das MMK nutzt seit gut einem Jahr Social Media, v. a. Facebook zur Kommunikation. Wie lautet Ihr erstes Resümee?
Susanne Gaensheimer: Seit der Anmeldung bei Facebook im Frühjahr 2010 haben wir über 7.000 Fans. Auch wenn die Zahl dabei nicht ausschlaggebend ist, erreichen wir vor allem junge Leute zwischen 25 und 35 als Zielgruppe. Das ist uns sehr wichtig, da gerade diese Personengruppe zu unseren potentiellen Museumsbesuchern zählt.

Facebook bietet uns die Chance, das MMK mit all seinen verschiedenen Facetten zu präsentieren. Wir können etwa mit Reihen wie unserem Mittwochsquiz im Rahmen der Jubiläumsausstellung die Sammlung vorstellen und mit einem Blick hinter die Kulissen, wie bei den Beiträgen zum Ausstellungsaufbau, die Museumsarbeit transparenter machen. All das könnten wir auf unserer Website nicht in diesem Maß darstellen. Wichtig ist uns jedoch, dass auch die Social-Media-Einträge immer inhaltlich fundiert sind. Denn die Entscheidung bei Facebook eine Fanseite einzurichten, haben wir im vergangenen Jahr nicht einfach getroffen, um „auch dabei zu sein”, sondern um eine neue Form der Vermittlung unserer Inhalte anzubieten, die eine spezifische Zielgruppenansprache und auf Facebook abgestimmte Inhalte erfordert. Facebook bietet uns die Chance, unseren Fans täglich einen Einblick in unsere Arbeit zu geben, diese transparenter zu machen und auf unsere Sammlung, Ausstellungen und besondere Highlights aufmerksam zu machen. Besonders die Facebook-User fordern die von uns geteilten Informationen oft als Newsletter. Deswegen verweisen wir häufig auf unsere eigene Website, auf der die interessierten User noch mehr Hintergrundinformationen erfahren.

U. S.: Wo sind die Social-Media-Aktivitäten angesiedelt?
S. G.: Die Social-Media-Aktivitäten sind bei uns in der Abteilung der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, also bei unserer Pressesprecherin Christina Henneke und ihrem Team angesiedelt. Selbstverständlich werden andere Abteilungen des MMK - wie die Kunstvermittlung, die Kuratoren, die Restauratoren oder der Verein der Freunde des MMK - je nach Thema der Beiträge einbezogen.

U. S.: Wie haben Social Media die (Öffentlichkeits-)Arbeit verändert?
S. G.: Die Öffentlichkeitsarbeit des MMK hat sich in den vergangenen Jahren generell verändert. Wir haben erst seit eineinhalb Jahren eine offizielle Stelle „Presse- und Öffentlichkeitsarbeit”. In dieser Zeit haben wir uns stärker und offensiver nach außen geöffnet. Beispielsweise produzieren wir zu unseren Ausstellungen regelmäßig Videos, die wir auf unserer Website sowie bei YouTube und Vimeo einstellen, und auch Veranstaltungen wie etwa die MMK-Talks dokumentieren wir filmisch.

Die Kommunikation über ein junges und aktuelles Medium wie Facebook gehört dann selbstverständlich auch dazu. Da die Kommunikation über Facebook eine ganz andere Ansprache erfordert, ist dadurch ein weiteres Arbeitsgebiet zu den klassischen Medien wie Pressemitteilungen, Web-Texte, Newsletter, Ausstellungsfolder usw. hinzugekommen. Durch die Social-Media-Aktivitäten hat sich die Öffentlichkeitsarbeit auch dahingehend verändert, dass wir viel stärker in unmittelbarem Kontakt zu den Fans und potentiellen Besuchern stehen, wenn diese unsere Pinnwandeinträge kommentieren oder Fragen zu unseren Postings stellen.

U. S.: Wird es weitere Kanäle geben, die Sie in die Social-Media-Kommunikation einbeziehen?
S. G.: Wir beobachten die Entwicklung der Social Media und reagieren entsprechend. Da wir ein sehr kleines Team sind und immer am Rande unserer Kapazitäten arbeiten, muss jeder weitere Social-Media-Kanal auch immer im Verhältnis zum Aufwand gesehen werden. Seit Kurzem sind wir auch bei Flickr. Bei Twitter sind wir derzeit noch nicht, überlegen jedoch, wie wir es sinnvoll nutzen könnten. Wir möchten allerdings nicht unüberlegt herangehen und riskieren, dass wir das personell gar nicht bewältigen können. Es geht uns nicht darum, überall dabei zu sein. Wenn wir uns irgendwo neu einklinken, muss auch immer ein auf dieses Medium zugeschnittenes und praktikables Konzept dahinterstehen.

Wir achten bei der Kommunikation als Museum immer sehr auf die Gleichstellung von Text und Bild. In Zukunft möchten wir vermehrt Ausstellungsvideos in unsere Beiträge einfließen lassen. Dennoch sollen die Beiträge den Museumsbesuch natürlich nicht ersetzen, sondern anregen, motivieren und das Interesse am MMK wecken.

U. S.: Mit der Aktion „Für euch gesammelt” bringen Sie den Facebook-Fans den Sammlungsbestand nahe. Welche Chancen, gerade hinsichtlich der Vermittlung, ergeben sich aus Ihrer Sicht durch Social Media für die Museen?
S. G.: Bei dem Mittwochsquiz „Für euch gesammelt” stellen wir wöchentlich ein Kunstwerk aus dem Museumsbestand vor und stellen oft kniffelige Fragen, die sich nicht nur auf den Titel oder den Namen des Künstlers beziehen, sondern auf Besonderheiten hinweisen, die es zu lösen gilt. So lautete eine unserer Fragen zum Beispiel, was es mit der 150 kg schweren Konfettilandschaft von Markus Sixay auf sich hat. Um die Frage zu beantworten, musste man sich mit dem Kunstwerk auseinandersetzen und einige Zeit recherchieren. Bis jetzt liefen die Beiträge und Kommentare sehr gut. 10 Antwortkommentare empfinden wir dabei als zufriedenstellende Teilnahme.

Wir können unseren Facebook-Fans unseren Sammlungsbestand natürlich nur rudimentär vorstellen. Unser Anspruch lautet aber auch nicht, die Kunstvermittlung mit den Originalen im Museum zu ersetzten, sondern die Lust an der Kunst zu wecken oder das ein oder andere Geheimnis, dass sich um ein Kunstwerk rankt, durch unsere Fragen aufzudecken, bzw. überhaupt darauf hinzuweisen, dass hinter der Oberfläche einer Abbildung vielleicht oder ganz sicher noch Dinge liegen, die es zu entdecken gilt.

U. S.: Für mich ist das Mittwochsquiz eine Form der Kunstvermittlung. Was ist Kunstvermittlung für Sie?
S. G.: Wir sehen unsere Social-Media-Aktivitäten als eine Erweiterung unseres umfangreichen Kunstvermittlungsangebotes und der Öffentlichkeitsarbeit. Die Vermittlungsarbeit im Museum kann dadurch nicht ersetzt werden, da das Erleben der Originale im Museum hierbei immer eine große Bedeutung hat. Jedoch bieten wir auch Kunstvermittlungsprogramme an, in denen sich ein online- und offline-Erleben der Kunst miteinander verbindet: Beispielsweise in einem Ferienworkshop übernahmen Jugendliche für eine Woche den Facebook-Account des MMK und haben ausgehend von ihren Erlebnissen im Museum die Pinnwandbeiträge der Woche eigenständig konzipiert und gepostet.

U. S.: Wie stehen Sie der Einbeziehung der Dialogpartner, sprich potentiellen Besuchern, in den Museumsalltag gegenüber? Also, sie beispielsweise in die kuratorische Arbeit einzubeziehen.
S. G.: Eine Einbeziehung in die allgemeine kuratorische Arbeit kann ich mir nicht vorstellen. Im Rahmen der Museumspädagogik bieten wir allerdings regelmäßig Kooperationsprojekte an, in denen wir Schülerinnen und Schüler einbinden. Bei SHOW UP! haben Schülerinnen und Schüler unter professionellen Bedingungen eine Ausstellung mit Werken der Sammlung zu einem selbst gewählten Thema kuratiert. Die Gruppe entwickelte dabei die Konzeption der Ausstellung. Die Entscheidung über das Thema, über die Auswahl der gezeigten Kunstwerke, sowie deren Hängung im Raum lagen dabei in der Hand der Jugendlichen. Dieses Projekt wurde auch von der Kulturstiftung der Länder ausgezeichnet und wird in den nächsten Monaten fortgesetzt.

U. S.: Seit Sommer ist der Sammlungsbestand des MMK online zu sehen. Was versprechen Sie sich davon? Wie wird das Angebot angenommen?
S. G.: Die Online-Sammlung ist eine tolle Möglichkeit die Vielfalt der Sammlung immer öffentlich darstellen zu können - für jedermann. Das kann schließlich keine noch so umfangreiche Ausstellung leisten. Wir haben einen Sammlungsbestand von über 4.500 Werken internationaler Kunst. Mit einer solchen Konzentration an herausragenden Arbeiten kann kaum ein anderes Museum in Deutschland aufwarten und auch international gilt das MMK als eines der führenden Museen für moderne und zeitgenössische Kunst. Diese Fülle könnten wir in einem Bestandskatalog gar nicht erfassen, weil sie sich ständig weiterentwickelt und wir das finanziell auch gar nicht stemmen könnten.

Wissen sollte frei zugänglich sein, nicht nur für die Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker, für die die Sammlung ein wichtiges Forschungsmedium ist. Jeder sollte die Möglichkeit haben, sich mit den Kunstwerken des Museums auseinanderzusetzen und weiterführende Hintergundinformationen zu erhalten. Generell weckt die Transparenz der Sammlung sicher auch ein Verständnis für die Sammlungstätigkeit eines Hauses.

U. S.: Mein Eindruck ist, dass sich unter Ihrer Leitung das Haus einem breiteren Publikum öffnet. Wie ist die Resonanz etwa auf „MMK After Work”?
S. G.: „MMK After Work” ist eine sehr erfolgreiche Reihe, die wir gemeinsam mit dem Offenbacher Club „Robert Johnson” durchführen. Bei diesem regelmäßig stattfindenden Abend-Event, wie auch bei all unseren Veranstaltungen, geht es uns um Vermittlung. So gibt es nicht nur Musik, Drinks und Essen, sondern auch den ganzen Abend über Führungen, die extrem gut angenommen werden. „MMK After Work” gibt es nun seit einem Jahr und die Resonanz ist enorm. Mit diesem Event erreichen wir auch ein ganz anderes Publikum, ein neues Publikum das wir allmählich auch bei unseren Ausstellungseröffnungen oder an anderen Tagen im Haus sehen.

U. S.: Sie haben für die diesjährige Biennale den Deutschen Pavillon kuratiert und dafür den Goldenen Löwen erhalten. Hat sich dadurch Ihr „Standing” in Frankfurt geändert? Erfährt das MMK einen größeren, öffentlicheren Zuspruch?
S. G.: Dadurch, dass im Zusammenhang mit meinem Namen auch immer das MMK genannt wurde, ist das Haus jetzt natürlich bekannter.

Letztendlich hat aber die Summe aller Maßnahmen, angefangen bei einer veränderten Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, den Social Media und diversen Events, den Kooperationen mit anderen Institutionen wie dem Schauspiel Frankfurt, der Städelschule, dem „Robert Johnson” oder dem Frankfurter Kunstverein dazu geführt, dass das MMK nun stärker im Bewusstsein der Frankfurter Bevölkerung verankert ist.

Vielen Dank Frau Dr. Gaensheimer für das Gespräch.

Bisher erschienene Interviews:

Marcus Bosch, Sinfonierorchester Aachen, Staatsphilharmonie Nürnberg, Waldhauskonzerte Flims, Opernfestspiele Heidenheim
Prof. Dr. Gerd-Christian Weniger, Neanderthal Museum Mettmann
Johannes Reiss, Österreichisches Jüdisches Museum, Eisenach

Prof. Dr. Klaus Schrenk, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München

Max Hollein, Städel Museum, Schirn Kunsthalle und Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt

Dr. Helmut Gold, Museum für Kommunikation Frankfurt

Dr. Alfred Wendel, Duisburger Philharmoniker

Tobias Möller, Berliner Philharmoniker

Werner Lippert, NRW Forum Düsseldorf

Christian Kabitz, Künstlerischer Leiter des Mozartfestes Würzburg

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